Konzerte & Party

The Cleveland Orchestra spielt Jörg Widmann

The CLeveland Orchestra

Ein Komponist der Neuen Musik, dem ein bürgerlicher Dirigent wie Franz Welser-Möst mit dem berühmten Cleveland Orchestra ein gesamtes Konzert im großen Saal der Philharmonie widmet, der muss eigentlich ein Gemäßigter sein. Ein Angepasster. Und Lauer. Oder etwa nicht?! „Es ist mir nicht neu, dass man mich für maßvoll hält“, gibt Jörg Widmann zu. „Aber es ist eine falsche Wahrnehmung!“ Schon sein Lehrer Hans Werner Henze habe ihn eines Hangs zu den Extremen geziehen. „Bei mir im Kinderzimmer hingen immer zwei Fotografien über dem Bett: von Henze und von Miles Davis“, so Widmann. Der einzige Unterschied zwischen heute und damals bestehe darin, dass die Komponisten der 60er- und 70er-Jahre schreiend aus den Konzerten der jeweils anderen herausgelaufen seien. „Das ist vorbei“, so Widmann. Und sonst? Auf die Frage, wo die Neue Musik stehe, habe Henze schon damals ganz richtig geantwortet: „Jeder woanders.“
Der 1973 in München geborene Komponist und Klarinettist Jörg Widmann gehört zu den bedeutendsten Tonsetzern der jüngeren Generation. Nicht nur Pierre Boulez und Christian Thielemann, Kent Nagano und das Artemis-Quartett brachten Werke von ihm zur Uraufführung. Seine Professur in Freiburg will er demnächst reduzieren, so erfolgreich ist er. Jörg Widmann verkörpert eine Art neuen Markt der Neuen Musik. Niemand hasst ihn. Alle wollen ihn. Wird er länger leben als der neue Markt selbst?
Sogar ein echtes Groß-Fiasko hat er schon erlebt. Seine monumentale Oper „Babylon“ (2012 an der Bayerischen Staatsoper) wurde ziemlich einhellig verrissen; allerdings wegen des zugrunde liegenden, verquasten Librettos von Peter Sloterdijk. „Ich könnte so etwas im Augenblick nicht noch einmal machen“, sagt Widmann zurückhaltend. „Viele fragen mich nach einer neuen Oper. Ich sage immer: Ich melde mich …“
Jörg WidmannEr kann problemlos überleben, auch ohne zu komponieren. Als einer der besten Klarinettisten in Deutschland ist er landauf, landab viel gebucht. Auf seiner Homepage nennt er sich sogar „Klarinettist, Komponist“ – in dieser Reihenfolge. Als Solist vermag er dabei, ein Publikum anzusprechen, das dann gegenüber dem Komponisten Widmann weniger Schwellenängste kennt. Übrigens sei er in gewissem Sinne doch gemäßigt: „Bei mir geht es immer darum, eine Mitte zu finden, die ich selbst nicht habe“, meint er.
Also doch!? Damit landet er inmitten eines Spannungsfeldes, in dem man eigentlich kaum gewinnen kann. Jüngere Komponisten heute, darunter Matthias Pintscher, Olga Neuwirth oder Beat Furrer, haben die Provokationslust früherer Generationen abgelegt. Und landen dabei oft im Mittelfeld zahmer Kleinexperimente; auch um das große Publikum nicht völlig aus den Augen zu verlieren. Junges Publikum indes möchte keine Kompromisse hören. Und favorisiert Radikales. So passiert es leicht, dass Nachwuchs-Komponisten heute älter klingen, als die Avantgarde erlaubt.
Dies sind Spätfolgen einer Musikphilosophie, die auf offene Formen, Experimente und Tabubruch angelegt war. Was tun, wenn alle Grenzen eingerissen, alle Versuche gemacht und alle Formen offen sind? „Ich glaube das nicht“, hält Widmann dem frohgemut entgegen. „Ich bin überzeugt, dass man bei Stücken für klassisches Orchester immer noch Neues entdecken kann, das nie jemand gehört hat.“ Er habe sogar Beweise für diese Theorie. Bei den Proben zum „Jagdquartett“, uraufgeführt 2003, brach das Arditti Quartett ab, „obwohl es nun wirklich mit allen Wassern der Neuen Musik gewaschen ist“. Es hatte so etwas noch nie gespielt.
„Man kann immer noch Klänge finden, die nicht standardisiert sind“, so Widmann. „Der ganze Bereich hinter dem Violinen-Steg ist noch nicht hinreichend erforscht“, nennt er als Beispiel. „Da sind Triller, sogar Trillerglissandi möglich, die noch kein Mensch erlebt hat.“ Der Suche nach unentdeckten Kontinenten entspricht in der Neuen Musik immer noch die Sucht nach unerhörten Klängen. Nach musikalischen Zirkeln, die noch nicht qua­driert sind. Da ist alles beim Alten geblieben.
Beim Musikfest, wo man sich in diesem Jahr einer exquisiten Auswahl von Kassengift-Komponisten widmet, erscheint Widmann als radikaler Hauptgewinn. Neben der Konzertouvertüre „Con brio“ und dem Flötenkonzert „Flыte en suite“ (mit Widmungsträger Joshua Smith als Solist) spielt das Cleveland Orchestra unter seinem Chef Welser-Möst das „Lied für Orchester“ sowie den Schiller-Hymnus „Teufel Amor“. Vier Hauptwerke Widmanns – eine Anstrengung, die man allerdings nur in Berlin wagt, wo mit ausreichend avantgardehungrigem Publikum gerechnet wird.
Und das wird auch mit neutönerischen Werken von Sofia Gubaidulina (5.9.), Wolfgang Rihm (6./7./14./17.9.), Lachenmann (7./8.9.), Schnittke (10.9.), Eötvös (12./13.9.), Ustwoltskaya (13.9.), Reimann (14.9.), Haas (15.9.), Poppe (20.9.) und Ligeti (21.9.) beim Musikfest bestens bedient.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto The Cleveland Orchestra (oben): 2013 Roger Mastroianni

Foto Jörg Widmann (unten): Marco Borggreve

The Cleveland Orchestra, Philharmonie, Do 11.9., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 25 48 91 00

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