Konzerte & Party

„Club Contemporary Classical“ im Berghain

C3-Festival

Berlins Clubkultur, oft totgesagt, steht mal wieder in vollster Blüte. Für Michael Teufeles und Norbert Thormanns Berghain gilt dies allemal. Ihr Clubhaus wurde vom britischen „DJ Mag“ auf den ersten Platz der Top-100-Clubs gesetzt. Modelliert man Frank Zappas Spottspruch „Der Jazz ist nicht tot, er riecht nur etwas komisch“ auf die Clubkultur um, ist das Berghain auf jeden Fall einer dieser Orte, die dazu angetan sind, schlechte Gerüche zu vertreiben. Ein paar Duftmarken wurden bereits gesetzt. Durch Oliver Reese, den Intendanten des Deutschen Theaters, beispielsweise. Er schick­te Regisseur Barrie Kosky ins Berghain, um dort Strindbergs „Traumspiel“ zu inszenieren. Auch die Choreografen des Staatsballetts Berlin, Ronald Savkovic, Kathlyn Pope, Xenia Wiest, Martin Buczko und Nadja Saidakova, ließen beim Ballettabend „Shut up and dance! Updated“ ihre Protagonisten im angesagten Club antanzen und förderten dabei nicht nur eine sehr spezielle Form von Kommunikation mit ihrem Publikum, sondern suchten auch das Risiko der neuen Umgebung.
Ähnlich verhält es sich jetzt auch mit dem Club Contemporary Classical (C3)-Festival. C3 stellt zeitgenössische klassische Musiker vor, die von der Clubkultur inspiriert sind und die auch in ästhetischer Hinsicht in den Clubkontext passen und neue Impulse zünden. Wieder geht es um Kommunikation. Um den Dialog zwischen Welten. Den Konzertreigen eröffnet am Dienstag Jacob TV. Der Niederländer Jacob ter Veldhuis verzahnt akustische, visuelle und elektronische Effekte mit Tonfragmenten aus politischen Reden und Talkshows. Daraus erwächst eine blühende Mischung aus Hoch- und Trashkultur. Das Sounddesign des Kaliforniers Mason Bates switcht munter zwischen Laptop und Philharmonie. Zwischen Technolounge und Streichersatz. Sein ganz spezielles Groovefeuer hat bereits Mitgliedern der Berliner Philharmoniker den Frack in Brand gesetzt. Am Mittwoch geben Powerplant den Startschuss. Perkussionist Joby Burgess und Sounddesigner Matthew Fairclough haben sich mit der Videokünstlerin Kathy Hinde verbündet. Elektronisch ver­zerrt und verfremdet und wie auf einen lang anhaltenden Beat-Rausch geschickt, kommen die bildgespickten Kompositionen daher. Daran schließen sich die Briten vom Elysian Quartet an, einem Streichquartett, das sich ausschließlich auf zeitgenössische und experimentelle Musik des 20. Jahrhunderts kon­zentriert. Mit dem Komponisten und Produzenten Gabriel Prokofiev, dem Enkel von Komponist Sergej Prokofjew, gründeten sie die „Chamber Music @ Cargo contemporary classical club night“ in London. Dies führte auch zur Zusammenarbeit mit Bands wie Hot Chip oder Polar Bear. Den Abend beschließt eine gemeinsame klangliche Feldforschung beider Formationen.
Jeff Mills@C3-FestivalDer letzte Festivaltag stellt die amerikanische Grenzgänger-Pianistin Kathleen Supovй vor. Ihre multimediale Show „The Exploding Piano“ hat die Welt aufhorchen lassen. Modernes Klavierspiel öffnet neue Horizonte durch die Zersplitterung und Neuzusammensetzung von Klängen zeitgenössischer Komponisten wie Terry Riley oder John Adams, aber auch des Gameboy-Komponisten Bubblyfish. Toca Loca setzen den Konzertschlusspunkt. Sie handeln nach dem Prinzip: „Beschreibe keine Musik, fühl sie einfach.“ Das Trio vereint die beiden Pianisten Gregory Oh und Simon Docking sowie die Perkussionistin Aiyun Huang. Sie produzieren weder Pop noch Klassik, auch kein Crossover. Sie sind einfach musikalische Freibeuter.
Die Konzerte werden durch die bewegten Bildern von VJ Sniper begleitet. Dahinter verbirgt sich der israelische audiovisuelle Künstler Safy Eitel, der bereits bei der „Ars Electronica“ in Linz oder durch seine Arbeit für Steve Reichs „Different Trains“ Akzente zu setzen vermochte.
Der Klassik werden in diesen drei Tagen also die Lackschuhe ausgezogen und Chucks untergebunden. Dabei helfen der Detroiter Techno-Pionier Jeff Mills (Foto unten), der gefeiert House-Produzent Stefan Goldmann und DJ Terrible. Umgeben von der klassischen Musik des Elternhauses, entdeckte er spät das Potenzial des Plattenspielers als Instrument. Erst in guten alten HipHop-Zusammenhängen dann tauchte die alte Liebe Klassik wieder auf. Mal sehen, was er im Berghain damit anstellt.

Text: Franz X.A. Zipperer

Foto von Jeff Mills: Youri Lenquette

Club Contemporary Classical, Berghain, Di 8.9. bis Do 10.9., jeweils 20 Uhr, VVK: ab 14 Euro

www.myspace.com/clubcontemporaryclassical