Konzerte & Party

„Club der toten Dichter“ im Admiralspalast

Club der toten Dichter

Alle reden von Rilke, aber kaum jemand hat ihn verinnerlicht. Mit seinem Programm „Eines Wunders Melodie“ entreißt der Club der toten Dichter den großen Poeten jetzt dem alleinigen Zugriff des Bildungsbürgertums und formatiert seine Gedichte zu Popsongs um. Spiritus Rector Reinhardt Repke hat schon Heine und Busch vertont, doch Rilke ist ein Sonderfall. Denn der will nicht rezitiert, sondern im Stillen gelesen werden. Ein Dilemma, das Repke und Sängerin Katharina Franck jedoch nicht abschreckt. „Wenn Puristen behaupten, das dürfe man nicht, ist mir das egal“, frohlockt Repke. „Ich las diese Gedichte über Monate. Wäre dabei nichts passiert, hätte ich irgendwann aufgehört. Aber bei Rilke gingen immer mehr kleine Türen auf. Manchmal hatte ich das Gefühl, der Dichter stünde neben mir und fragte mich, ob ich das ernst meine. Mit der Gitarre öffnete ich größere Türen, bis ein riesiges Tor aufging und mich einließ.“
Natürlich wussten Repke und Franck, dass Rilkes umständliche Gefühlswelt nicht ohne Weiteres auf die nüchterne Gradlinigkeit der Popkultur übertragbar wäre. Ihre Songs sind griffig und doch machen sie die Interferenzen zwischen 1900 und 2011 hörbar. Da pfeift viel Wind durch die gesungenen Zeilen. Dieser Rilke-Reset gelingt nur zu 90 Prozent, aber gerade jene beglückend unbefriedigende Offenheit macht ihn so spannend. Katharina Franck reagiert auf die Texte mit einer Schnörkellosigkeit, die Rilkes Worte nicht durch zusätzlichen persönlichen Ballast überfrachtet. „Ich komme zwar aus keinem hochakademischen Haushalt“, resümiert die ehemalige Rainbirds-Sängerin, „aber ich habe eine gewisse Ehrfurcht vor großen Künstlern. Je mehr ich mich mit Rilke beschäftigte, desto bewusster wurde mir, dass auch damals schon all jene Banalitäten unseres heutigen Lebens existierten. Ich genieße es, dieses Drama mit so viel reicheren Worten erzählen zu können.“
Repke zahlt es nicht zuletzt seinen Lehrern heim, die ihn während der Schulzeit mit sinnlosen Gedichtinterpretationen quälten. „Wenn sich nur zwei Leute ein Buch von Rilke kaufen, habe ich viel erreicht. Die Gesichter von Jung und Alt bestätigen mir, dass es niemals banal wird. Man muss eben erst einmal die kleinen Türchen öffnen.“

Text: Wolf Kampmann

Foto: Bernd Brundert

Club der Toten Dichter, Admiralspalast, Do 5.5., 20 Uhr, VVK: 21–39 Euro

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