Konzerte & Party

Club Transmediale 2013 in Berlin

CTM.12

Bei ihm muss man grundsätzlich auf alles gefasst sein. Was Terre Thaemlitz im letzten Jahr unter dem Namen „Soulnessless“ veröffentlicht hat, ist aber selbst für seine Verhältnisse ein Kuriosum. Will man das „längste Album in der Geschichte der Musik“ in Gänze durchhören, muss man sich 32 Stunden Zeit nehmen und einen Computer besitzen. Es ist ausschließlich über eine Micro-SDHC-Speicherkarte mit einer Kapazität von 16 GB abhörbar. Im Mittelpunkt steht das Stück „Meditation On Wage Labor And The Death of The Album“. Das 29 Stunden dauernde Piano-Solo (!) soll den Hörer ermutigen, über die Rolle der Kunst in einer von Ablenkungen und Stressfaktoren bestimmten Welt zu reflektieren. Eine komprimierte Variante dieses Radikalakts wird Thaemlitz im Rahmen des CTM-Festivals live vorstellen.
Bei der 13. Ausgabe der Konzertreihe für abenteuerliche Musik und Kunst dreht sich alles um das Oberthema „Das Goldene Zeitalter“. Es ist eine gewagte Begriffswahl, wenn man bedenkt, was die Kulturtheorie zugrunde legt. Vertreter der postmodernen Lehre tendieren zur pessimistischen Sicht und erkennen einen Mangel an Sub­stanz, der für sie durch Wirrwarr, Verwässerung und Wiederholung entsteht. Für die Veranstalter des CTM ist der Zustand des anything goes dagegen rundherum positiv besetzt. Sie erkennen laut Programmmitteilung ein „paradiesisches Aufblühen eines gänzlich in die Tat umgesetzten kreativen Potenzials“. Sein Kennzeichen sei „ein Eklektizismus, der gegenwärtige Kunstmusik, popkulturelle Nischen und Überbleibsel des Mainstreams gleichermaßen umfasst und die langweilige Unterscheidung von Hochkultur und niederer Kultur beiseite fegt“. Das hört sich gut an, findet im musikalischen Programm des Festivals aber nicht wirklich seinen Niederschlag. Populäre Strömungen werden nicht berücksichtigt. Das englische Duo Simian Mobile Disco hat sich mit Electro-Pop einen Namen gemacht, neigt neuerdings aber zu instrumentalem Techno mit Tiefgang. Alec Empire ist heute längst nicht mehr nur ein Krawallmacher, der mit dem Kopf durch die Wand rennt. Auch er ist an einer komplexen Künstlerpersönlichkeit interessiert.
MatmosAuf dem CTM-Festival stellen sich Avantgarde-Künstler vor, die ihre Auftritte für multimediale Performances nutzen. Das von Gruselfilmen, Kriegsdokumentationen und Morricones Liedern vom Tod inspirierte Duo Demdike Stare aus Manchester wird mit Bild­material aus dem Fundus von Regisseur und Comiczeichner Alejandro Jodorowsky („El Topo“) arbeiten. Diamond Version ist ein neues Projekt der Raster-Noton-Macher Carsten Nicolai und Olaf Bender, die dieser Tage eine EP auf dem traditionsreichen Mute-Label veröffentlichen. Sie treten mit dem japanischen Künstler Atsuhiro Ito auf, der die Beats von Diamond Version auf spektakuläre Weise mit Noise-Passagen terrorisiert. Er tut das nicht mit herkömmlichen Instrumenten, sondern mit dem selbst gebauten Optron, bei dem Geräusche mithilfe der Strahlung von Leuchtstoffröhren erzeugt werden. Das aus Bristol stammende Duo Emptyset hat sich auf eine minimale Melange spezialisiert, in der rudimentäre Rhythmen, ungemütliches Bassbrummen, ständiges Rauschen und Schnarren und Geräusche aus der industriellen Fertigung zusammenfließen. Die Westengländer vertrauen bei der optischen Umsetzung auf die Künste von Joanie Lemercier, der als treibende Kraft des Visual-Labels AntiVJ Software für Beleuchtung und Bebilderung in Räumen entwickelt. Ein weiterer Höhepunkt des Festivals ist der Auftritt von Matmos. Ihn wird das amerikanische Duo für die Vorstellung seines neuen Albums „The Marriage of True Minds“ nutzen. Drew Daniel und Martin C. Schmidt beschäftigen sich seit 1995 mit experimenteller elektronischer Musik. Anfangs nannte man sie in einem Atemzug mit Aphex Twin oder Autechre. Dann kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit mit Björk auf ihren Alben „Vespertine“ und „Medъlla“. Jetzt stellen Daniel und Schmidt das Ergebnis eines wissenschaftlichen Tests vor. Man hat Testpersonen die Augen verbunden, sie über Kopfhörer mit monotonem Lärm beschallt und dann nach ihren Gedanken befragt. Aus den Reaktionen haben Matmos Musik gemacht. Bei dieser Gelegenheit muss ihnen zwischendurch „ESP“ von The Buzzcocks in den Sinn gekommen sein. Der letzte Track auf ihrem Album basiert auf dem Oldie der Punkband.
Sunn O)))Rockmusik wird beim CTM keineswegs ausgegrenzt. Angekündigt ist ein Gig der dänischen Band Iceage, die vor zwei Jahren mit „New Brigade“ eines der intensivsten Post-Punk-Updates überhaupt abgeliefert hat. Beim Abschlusskonzert im Astra werden Sunn O))) wie gewohnt mit langgezogenem metallischen Dröhnen arbeiten. Zwei Nächte zuvor tritt Terre Thaemlitz noch einmal auf, dieses Mal unter dem Namen DJ Sprinkles. Dann dürfte er sich auf den Ambient-House-Sound konzentrieren, den er 2009 mit dem Album „Midtown 120 Blues“ zu meisterlicher Blüte getrieben hat. Vielleicht spielt er auch die alternative Version von „Meditation On Wage Labor And The Death of The Album“ in Form eines dreizehnminütigen Disco-Remixes. So etwas hat er auch in petto. Man muss schließlich flexibel sein.

Text: Thomas Weiland

Foto oben: CTM.12

Foto mittig: Matmos

Foto unten: Sunn O))) by Andrew Beardsworth

CTM.13, 28.1. bis 3.2., verschiedene Spielorte, 20 Uhr, Festival-Pass 99 Euro

Abschlusskonzert mit Sunn O))) + Khyam Allami + Vasilis Sarikis, Astra Kulturhaus, 20 Uhr, VVK: 22 Euro zzgl. Gebühr

 

Mehr:

Transmediale 2013 im Haus der Kulturen der Welt

Mehr über Cookies erfahren