Clubs

Aller Ende Anfang: Das Anti-Gen Z-Kollektiv der Berliner Clubszene

Die Moves von TikTok, die Songs aus der „Viral Hits“-Playlist von Spotify – die Generation Z prägt die Berliner Clubszene. Das Techno-Kollektiv Aller Ende Anfang versteht sich als Gegenbewegung. 

Elias, Emil, Hanna, Jason und Felix sind Aller Ende Anfang, hier in der Wohnung von Jason in Berlin-Mitte (v.l.n.r.). Foto: Mak

Aller Ende Anfang: DJ-Set für Hör Berlin

In Hall getränkte Vocal-Chops flirren aus der DJ-Booth. Schleppende Drums tauchen auf, bis eine Acid-Bassline die hypnotische Stimmung bricht: Hanna Baertig steht im ikonischen „Badezimmer“ an der Hasenheide, dem in gelben Kacheln verkleideten Aufnahmeraum von Hör Berli“, und beginnt ihr 45-minütiges Set. Hör Berlin ist eine unabhängige Musikplattform, die täglich DJ-Sets von Szenegrößen und Newcomer:innen streamt. Hanna Baertig ist DJ und Mitglied von Aller Ende Anfang, einem Berliner Techno-Kollektiv. Bereits zum zweiten Mal legt sie für Hör Berlin auf.

DJing ist eines der Lieblingshobbys der Gen Z

Drei Jahre zuvor, im Corona-Lockdown, befand sich die Clubszene am absoluten Tiefpunkt. Die Schließung der Clubs traf die Branche hart. Subventionen? Fehlanzeige. Eine ganze Generation junger Erwachsener saß eingesperrt im WG-Zimmer. Dann begann die Musikplattform Hör Berlin, DJ-Sets raus in die Welt zu streamen. Und verstärkt füllten junge Menschen das Vakuum des verloren gegangen Nachtlebens, indem sie selbst elektronische Musik auflegten. Die Zahlen sprechen für sich: Einer Studie des Preisvergleichportals „idealo.de“ zufolge wurde DJ-Equipment zwischen 2020 und 2022 um 58 Prozent mehr nachgefragt.

Bereits zwei Mal legte Hanna Baertig schon im ikonischen Aufnahmeraum von Hör Berlin auf. Video: HÖR Berlin

Aller Ende Anfang: Von der Off-Location in den Humboldthain

___STEADY_PAYWALL___

Das Berliner Techno-Kollektiv Aller Ende Anfang legte schon Techno auf, da gab es Hör Berlin noch nicht und Corona war nur ein Bier aus Mexiko. 2015 fing die Gruppe um Jason und Emil an, in „Off-Locations“, wie sie es nennen, Raves zu veranstalten. Zu einer dieser Off-Locations gehörten die Kellerräume der ehemaligen Brauerei Königstadt am Senefelderplatz. Zunächst nur von Freunden für Freunde gedacht, wuchs die Anzahl der Feiernden rasant. Bald mussten die gebürtigen Berliner die Raves abbrechen, zu groß die Menschentrauben.

Mit dem Humboldthain, einem Club im gleichnamigen S-Bahnhof im Wedding, fand das Kollektiv dann sein eigenes Wohnzimmer – keine Selbstverständlichkeit, wie Emil betont: „In Berlin ist es schwierig, in die Clubszene reinzukommen, die größeren Clubs haben sehr feste Strukturen. Das Humboldthain gibt uns die Möglichkeit, dass wir dort regelmäßig was machen können.“ 2017 stieg die erste Party im Humboldthain von Aller Ende Anfang, im selben Jahr stieß Hanna dazu. Erste Erfahrungen an den Plattentellern machte sie während der Abipartys ihrer Schule: „DJing gibt mir die Möglichkeit, so richtig den Moment zu genießen. Ich brauche sonst immer viel Kontrolle, beim Auflegen ist das alles weg. Das erzeugt ein richtiges Kribbelgefühl“, erklärt Hanna. Nach dem Umzug in die Hauptstadt lernte sie Jason kennen, wurde schon bald Teil des Kollektivs. 

Wie TikTok die Techno-Szene verändert

Drei Jahre später bekam auch Aller Ende Anfang die Pandemie zu spüren: Obwohl Veranstaltungen endlich wieder erlaubt waren, brach dem Kollektiv das Publikum weg. Erst durch Konzerte, die Jason, Emil und Hanna vor den Sets veranstalteten, kamen wieder mehr Menschen. Das Publikum des Kollektivs bestand noch nie aus den klassischen Ravern, doch genau von denen wuchs eine neue Generation heran: Die Gen Z, die in den Jahren des Lockdowns alt genug wurde, in Clubs zu gehen, lernte Techno nun über TikTok und Instagram kennen. Mit Folgen für die Szene: „Vor Corona musstest du erst in die Techno-Kultur eingeführt werden, du musstest in den Club gehen, am Türsteher vorbeikommen. Diese Einführungsrituale gab es nicht mehr. Plötzlich erreichst du mit TikTok Menschen, die mit der Szene nichts zu tun haben“, sagt Jason.

Und dass DJing von vielen jungen Menschen neu entdeckt wird, aber sich das Wissen über die Kultur via Social Media angeeignet wird, verändert auch die Art des Auflegens, beobachtet Hanna: „Die DJs spielen immer schnellere Musik. Ich merke, wie ich manchmal dazu tendiere, mich von einer gewissen Tanzmüdigkeit der Leute irritieren zu lassen. Ich muss mich dann daran erinnern, nicht von Drop zu Drop zu rushen. Das ist auch ein Phänomen von TikTok, dass DJing über ein zehnsekündiges Video erlebbar gemacht wird. Das hat nur bedingt etwas mit dem zu tun, was elektronische Sets ausmacht: eine Dramaturgie, eine Geschichte, die auf dem Dancefloor erzählt wird.“

Mögen es analog wie digital: Aller Ende Anfang versteht sich als das Anti-Gen Z-Kollektiv. Foto: Mak

Doch das Kollektiv sieht auch positive Begleiterscheinungen im Wandel der Szene: So habe das Self-Empowerment der DJs durch Corona dazu geführt, dass FLINTA*-DJs sichtbarer geworden und stärker vertreten seien. Immer mehr junge Leute entdecken das DJing als Beruf. Damit lässt sich mittlerweile sogar gut Geld verdienen, die Gagen steigen. „Wenn man an der richtigen Stelle des Marktes ist, kann man viel Geld verdienen. Auch weil Bookingagenturen in letzter Zeit die Preise sehr hoch ansetzen“, berichtet Hanna. Für sie ist das DJing mittlerweile zum Nebenjob geworden, sie wird sogar international gebucht, spielte zuletzt Gigs in Paris und Amsterdam. „Das Berufsbild von vielen jungen Leuten ist das, was sie von tollen Partyvideos sehen, das ist ja auch ein tolles Gefühl, wie eine Droge. Was sie allerdings nicht sehen, das sind die unzähligen Gigs, wo kaum Leute kommen, niemand tanzt oder man 16 Stunden mit dem ICE in die Pampa fährt.“

Konzerte und Vinyl statt gehypte Partyreihen

Während die Techno-Szene nun abermals einen Hype erlebt, wollen sich Jason, Emil und Hanna eher auf neue Projekte abseits der Clubnächte konzentrieren – so gründeten die vier bereits ein Label, auf dem sie kürzlich eine Various-Artists-Compilation auf Vinyl veröffentlichten. Und sie wollen auch wieder mehr Partys im Humboldthain veranstalten, in ihrem Wohnzimmer. Letztes Jahr stieß das Kollektiv an seine Belastungsgrenze veranstalteter Partys – zwar fanden diese in angesagten Clubs wie dem Watergate statt, aber der Spaß fehlte. „Jede gehypte Partyreihe ist irgendwann am Ende. Da können zwischenzeitlich hohe Gagen erhoben werden, aber das ist nicht unser Ding, weil wir nicht in dieser Raver-Bubble sind“, sind sich Jason, Hanna und Emil einig. Aller Ende Anfang versteht sich als Anti-Gen Z Kollektiv. Es muss eben nicht immer TikTok-Techno sein.

  • Aller Ende Anfang hat einen neuen Labelsampler auf Vinyl herausgebracht. „Various Artists 002 [AEA005]“ ist erhältlich auf Bandcamp

Mehr zum Thema

Bei Hör Berlin haben auch schon die DJs von Femme Bass Mafia aufgelegt – in dem Kollektiv können FLINTA* das Auflegen lernen. Der Humboldthain Club ist im Gebäude des gleichnamigen S-Bahnhofs versteckt. Der Wedding bietet aber noch mehr Nachtleben in versteckten Clubs und draußen. Feiern auf dem Flughafen? In Tegel eröffnet das Kollektiv Turbulence mit die Rave-Saison. Weitere prominente und geschichtsträchtige Orte des Nachtlebens findet Ihr in unserer Liste der besten Techno-Clubs der Stadt. Apropos Geschichte: Wer glaubt, Techno-Partys waren früher sowieso besser, sollte unsere Fotogalerie 1994 – Berlin in Bildern auschecken. Alles zum Thema Clubs in Berlin findet ihr hier.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad