Berlin verstehen

Diese Typen trifft man im Berghain: Von Sportsocke bis Lederelse

So individuell, wie wir gerne wären, sind die meisten von uns wahrscheinlich doch nicht, auch nicht im Berghain, das weiterhin Berlins geheimnisumwittertster Club ist. Irgendwie ordnen die meisten sich dann doch einer Gruppe zu, ob äußerlich oder mit ihrem Partyverhalten. Und das ist irgendwie auch schön. An diesen Partytypen im Berghain erfreuen wir uns jedes Mal wieder.

Das Berghain ist Berlins berühmtester Club.
Das Berghain ist Berlins berühmtester Club. Foto: Imago/Schöning

Die mit dem ganz feinen Gehör in der Mitte des Dancefloors

Es gibt ihn wirklich, den Sweet Spot in der Mitte des Dancefloors im Berghain, wo der Sound ganz besonders kompromisslos bei einem ankommt. Der Weg dorthin ist nicht einfach, muss man sich doch weiter durch ein wogendes Meer aus Körpern drängen, als wenn man sich mit einem Platz an der Seite zufrieden gibt. Ob sich das lohnt, muss jede:r selbst entscheiden. Die vielen Hobby-DJs jedenfalls, die die Sets ihrer Idole von Anfang bis Ende hören und lieber ein paar Tropfen in ihre Unterhose ablassen, als den Dancefloor frühzeitig zu verlassen, scheuen sich nicht, sich an in ausschweifende Gruppenumarmungen verfallene Menschen vorbeizudrängen, um das ausgefeilteste Hörerlebnis zu haben.


Das Sportsocken-Kommando

Die Snax, die traditionell jedes Jahr an Ostern stattfindet und sich über das gesamte Berghain und Laboratory erstreckt, ist eines der wichtigsten Events im Berghain-Kalender. Zur Snax dürfen nur Männer kommen, sie ist ausschweifend, die Musik technoid, die Atmosphäre sexuell-aufgeheizt. Rumour has it, dass der Sportsocken-Look, der von so vielen im Berghain getragen wird, seine Wurzeln in der Snax hat.


Die Fächer-Queens

Klack, klack, klack: Einen Fächer so zu schwingen, dass er dieses laute Geräusch macht, das auch bei der lauten Musik in der Panorama Bar noch zu hören ist, ist eine Kunst. Dabei noch den eigenen Körper in einer ansehnlichen Art und Weise zu bewegen, noch schwieriger. Die Fächer-Queens haben das drauf. Natürlich eignet sich nicht jeder beliebige Fächer dazu, diesen Move zu machen. Es muss einer dieser schweren sein, der sich ohne Widerstände entfaltet. Fächer sind besonders auf queeren Partys beliebt: Sie sind feminin, camp und praktisch. Über die Geschichte großer geräuschvoller Fächer im queeren Kontext ist nicht viel bekannt. Aus der Panorama Bar und von vielen anderen Partys aber sind sie nicht wegzudenken.


Die Box-Tänzer:innen

Es gibt Klubnächte, da sind die Heizungen in der Panorama Bar und die Boxen im Berghain die besten Orte zum Tanzen, weil es überall sonst zu voll ist. Aber auch sonst kann der Tanzplatz weiter oben Vorteile haben, zum Beispiel wird man viel leichter von Bekannten gefunden und kann den Blick viel besser über die Menge schweifen lassen. Manche Besucher:innen des Berghain sind immer dort oben oben zu finden, egal wie sicher sie auf den Beinen sind und wie gut ihr Rhythmusgefühl noch ist. Ein beneidenswertes Selbstbewusstsein haben sie auf jeden Fall.


Die Leder-Elsen vorne links

Das Ostgut war ein Club vor allem für schwule Männer und auch das Berghain war in seinen Anfangsjahren noch ein bisschen deutlicher ein Club mit klarer Homo-Ausrichtung. Wie die Zusammensetzung heute ist, ist schwer zu sagen, das kommt wohl auch auf die Party an. Mit Sicherheit kann man aber sagen: Vorne links sammeln sich in den meisten Klubnächten große muskulöse Männer, die gerne Harness tragen und unermüdlich zur Bassline stampfen. Und ab und zu in die dunklen Räumlichkeiten dahinter.


Die, die gerne Kaffee in der Panorama Bar schlürfen

Mit übergeschlagenen Beinen, Kippe in der Hand und einem entspannten Lächeln im Gesicht sitzen sie sonntags um halb 12 an der Bar in der Panne, der kurzen Seite: Oft in schlichte Designerkleidung gehüllte Menschen, die einen Espresso oder gleich Espresso-Martini schlürfen. Sie bleiben eher zwei als 22 Stunden in dem großen Kasten am Wriezener Bahnhof und würden eher dünnen Filterkaffee trinken, als sich im Harness auf der Toilette anzustellen. Sie haben ein gutes Verhältnis zu den Barkeeper:innen, kennen viele DJs und müssen sich grundsätzlich nicht an der normalen Schlange anstellen.


Die, die einen Ort gefunden haben, um ihren Fetisch auszuleben

Es gibt Fetische, die lassen sich einfach nicht in Wohnungen ausleben – weil sie zu eng sind, weil da überall teure Möbel rumstehen, weil die Nachbar:innen zu neugierig oder engstirnig sind. Ein Club, in dem alles abwaschbar ist, eignet sich da schon besser. Anonym im Darkroom, mit Urin auf dem Klo, total exponiert auf dem Dancefloor: Auch wenn das Berghain zuerst ein Club zum Tanzen ist, ist es dort eben auch möglich, sich sexuell auszuleben. Und wer noch mehr will und ein Mann ist, geht ins Lab.


Die NAKT-Meute

Ja, manchmal ist es sexyer etwas anzuhaben, das sehr viel Haut zeigt und gleichzeitig die Fantasie anregt, als gleich ganz nackt zu sein. Nach diesem Konzept funktioniert die Kleidung des Berliner Modelabels NAKT. Bei Berghain-Besucher:innen ist es sehr beliebt und das ist auch irgendwie logisch, schließlich will man beim Tanzen im gut geheizten Berghain nicht zu sehr schwitzen und gleichzeitig ein gutes Bild abgeben. Die Kommerzialisierung des Rave-Outfits finden allerdings gar nicht mal alle geil. Funktionalität schlägt Individualität.


Die Original-Raver

Manchmal gehen die Menschen, die die Anfänge von Techno zu Beginn der 90er-Jahre miterlebt haben, noch aus und dann gehen sie auch manchmal ins Berghain. Sie haben meist ein gewisses Alter und darüber, klar, geht ja gar nicht anders. Aber viel eher erkennt man sie an ihrem wissenden Blick und einer gewissen Zurückhaltung: Sie ziehen nicht lärmend an der Bar im Berghain vorbei, gehen nicht im Gänsemarsch mit mehreren Freund:innen über die Tanzfläche, damit sie sich ja nicht verlieren – warum auch, sie haben alles schon erlebt und wissen sich aufgrund ihres reichen Erfahrungsschatzes immer irgendwie zu helfen.


Die Anfänger:innen

Sie irren aufgeregt durch die Räumlichkeiten, meistens schon Samstagnacht, wenn die echten Berghainis sich maximal schnell einen Stempel für den Sonntag holen: die Anfänger:innen. Sie sind daran zu erkennen, dass sie gern mal irgendwen anstarren, im Weg stehen bleiben, auf der Tanzfläche alles Erlebte direkt bequatschen und manchmal auch dreisterweise ihre Kamerasticker abziehen, um eben doch ein Selfie zu machen, man hat es immerhin ins Berghain geschafft. Zu böse darf man ihnen aber auch nicht sein: wir hatten alle unser erstes Mal. Und die meisten Anfänger:innen, die recht deckungsgleich mit der Gruppe Tourist:innen sind, sind schon wieder weg, bevor es überhaupt gut wird.


Weitere Charaktere, die ihr immer trefft

Nicht nur auf dem E-Scooter gibt es interessante Charaktere, denen man andauernd über den Weg läuft. Klischees finden sich überall, und sicherlich habt ihr auch diese Figuren schon mal getroffen: 


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Unsere Autorin hat philosophiert über das, was sich jedes Wochenende auf Berliner Clubtoiletten abspielt. Nicht alle Menschen verhalten sich auf der Tanzfläche rücksichtsvoll. Diese Typen gehen uns beim Tanzen besonders auf die Nerven. Kommen von innen: Die Berlin Club Memes – ein Gespräch mit dem Menschen hinter dem Account. Lust, am Wochenende auszugehen? Immer donnerstags gibt’s unser Club-Update mit Partytipps. Clubkultur ist vielseitig. Immer neue Geschichten aus der Welt der Berliner Clubszene gibt es hier.

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