Berlin verstehen

Die 12 besten Clubs in Berlin in den 1990er-Jahren: Von Tresor bis Boudoir

Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre kamen in Berlin mehrere Ereignisse und Stimmungen zusammen, die ein einzigartiges Moment schufen, das ein Eigenleben entwickelte und in ein wildes, freies, kreatives Jahrzehnt in der Hauptstadt mündete. Nächte in Berliner Clubs in den 1990er-Jahren sind legendär.

Die Wende machte Ost-Berlin und seine vielen leerstehenden Fabriken, Räume, Keller zugänglich. Gleichzeitig war Punk eingeschlafen und Gitarren langweilig geworden. Die Jugend dürstete nach neuen Impulsen, einem neuen Sound. Sie fand ihn: zuerst mit Acid House, dann mit Techno. Und mit House und Trance und Drum’n’Bass und allem, was es so dazwischen gibt. Die Saat war gelegt für ein Jahrzehnt mit einer Stimmung, wie sie wohl nie wieder kommen werden. Klar wird im Rückblick viel verklärt, die Nostalgie färbt vieles rosarot, und sicherlich ist an den Clubs heute manches besser als früher. Trotzdem: Warum nicht einmal zurückblicken? Hier kommt eine (unvollständige) Auswahl der besten und prägendsten Clubs in Berlin in den 1990er-Jahren.


Der alte Tresor

Die 12 besten (Techno) Clubs in Berlin in den 1990ern
An der vorletzte Party im alten Tresor spielte DJ Irie Electric. Foto: Imago/POP-EYE

Ein freistehender Bau auf dem damals noch leeren Potsdamer Platz, im Niemandsland zwischen dem alten Osten und dem alten Westen, ein Keller mit rostigen Schließfächern und Metallstangen: der alte Tresor war so prägend für den Mythos der Techno-Hauptstadt Berlin wie die Soße für Berlins Currywurst, die übrigens an diesen Buden besonders gut schmeckt. Der Tresor war der Ort, wo einige der Urväter des Techno, nämlich DJs wie Jeff Mills von Underground Resistance, ihre Musik zum ersten Mal laut hörten. Und wo viele Menschen zum ersten Mal die Magie der Wiederholung, ganz ohne Melodie, spürten. Ein Ort, in den man eintauchen und sich überrollen lassen konnte von den schnellen Basslines, nichts denkend, und danach wieder auftauchen.

Der Tresor war hart, das Stroboskop unerbittlich. Manche sagen: zu hart, zu stumpf, zu ernst. Andere sagen, der Tresor sei eine Zäsur gewesen, formgebend und identitätsstiftend für alles, was danach kam. Und noch mehr finden wahrscheinlich, dass beides stimmt.


Bunker

In den 1990er-Jahren war hier einer der wichtigsten Clubs in Berlin, heute befindet sich im Bunker die Boros-Kunstsammlung. Foto: Imago/Travel-Stock-Image
In den 1990er-Jahren war hier einer der wichtigsten Clubs in Berlin, heute befindet sich im Bunker die Boros-Kunstsammlung. Foto: Imago/Travel-Stock-Image

In den sagenumwobenen 1990er-Jahren gehörte der Bunker ohne Frage zu den wichtigsten Clubs in Berlin. Kurz nachdem der Bunker 1996 geschlossen hatte, zog die Fuckparade unter anderem an der Albrechtstraße/Ecke Reinhardstraße vorbei, um gegen die Schließung des bekanntesten Hardcore-Clubs Berlins zu protestieren. Wenn der Tresor hart war, dann war der Bunker eine Granitfaust. Es war dunkel, feucht und neblig, noch mehr als im Tresor. Und verrucht außerdem: Der Bunker war Basis des Kreuzclub, dem Vorläufer des KitKat.

Westbam erzählte in der Zitty in seinem Club-ABC mal eine absurde Geschichte über den Bunker, die er selbst nur aus zweiter Hand hatte: Angeblich ging im Club mal das Gerücht um, die Nazis hätten dort riesige Mengen Kokain der Firma Merck vergraben. Ein Raver aus Russland habe das geglaubt und auf einer Afterhour ein drei Meter tiefes Loch in den Boden gegraben – ohne fündig zu werden.


Eimer

Die 12 besten (Techno) Clubs in Berlin in den 1990ern
Im Eimer war der Geist des Punk lebendig. Foto: Imago/Rüttiman

Der Eimer bekam seinen Namen angeblich wegen der vielen Eimer Bauschutt, die seine Besetzer:innen aus dem Gebäude tragen mussten, als sie einzogen. Genau so ungewöhnlich wie ihr Name war die Location selbst: Der Eimer lag an der Rosenthaler Straße in Mitte. Der Autor Rafael Horzon erinnerte sich 2018 im tipBerlin: „Weil die Fußböden in dem Haus so marode waren, hatten die Betreiber sie einfach herausgesägt, bis auf schmale Reste, auf denen man entlangbalancieren musste. Im Erdgeschoss schrie eine sogenannte ‚Band‘, auf den Resten von Fußboden in den höheren Stockwerken stand das Publikum und bewarf die Band mit Flaschen. Ganz oben wohnte ein Mann namens ‚Spoon‘, der immer Sonnenbrille und schwarze Glacé­handschuhe trug.“ Das Ende des Eimer kam plötzlich: Nach einer wirtschaftlichen Überprüfung mit Unterstützung der Polizei, bei der die Wirtschaftsprüfer unter anderem marode Stromleitungen monierten, wechselte die Eigentümerin des Gebäudes, die Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die Schlösser aus und die Macher:innen des Eimer konnten das Haus nicht mehr betreten. Trotz anhaltendem Protest durfte einer der legendären Berliner Clubs der 1990er-Jahre nicht wieder eröffnen.


Walfisch

Die 12 besten (Techno) Clubs in Berlin in den 1990ern
Einer der ersten Orte, an denen richtige After-Hours mit Musik stattfanden, war der Walfisch. Foto: Imago/PEMAX

Am Anfang war der Walfisch kein Club, sondern mehr ein Café, in das es einige Menschen verschlug, weil sie immer noch drauf waren und alles andere schon geschlossen war. Und so wurde aus dem Walfisch an der Heinrich-Heine-/Ecke Köpenicker Straße der wohl erste Afterhour-Club Berlins. In „Der Klang der Familie“, ein Buch, in dem sich die Größen der Szene an Clubs in Berlin in den wilden 1990er-Jahre erinnern, beschreibt die Musikerin Inga Humpe den Walfisch so: „Meistens war die Tour: Tresor, Planet, Walfisch. Der Walfisch war so richtig abgefuckt. Herrlich. Die schönste Hölle der Welt. Ein Freiraum, in den man runtergehen konnte, alle fertig, alle glücklich, und immer noch der Sound.“

Manche, so heißt es, mochten den Walfisch nicht. Zu viele Hooligans, zu viele Prolls. Aber dort waren eben auch: Punks und Sexarbeiterinnen und Gays. Wahrscheinlich war der Walfisch in gewisser Weise ein Gegenstück zu vielen Clubs heute: für alle offen, überhaupt nicht elitär, aber auch manchmal etwas unangenehm.


E-Werk

Die 12 besten (Techno) Clubs in Berlin in den 1990ern
Das Foto stammt aus dem Jahr 2006, als das E-Werk schon lange kein Techno-Club mehr war. Foto: Imago/POP-EYE

Techno nahm seinen Anfang in dunklen, feuchten Kellern. Auf das E-Werk hingegen trifft das mitnichten zu. Das E-Werk, ein altes Elektrizitätswerk, war eine Techno-Kathedrale, das „Berghain der 90er“, wie Ex-Hausbesetzer und Zug-der-Liebe-Mitorganisator Jens Schwan auf dem Club-Lexikon „The Club Map“ schreibt. Industrielle Fabrik-Architektur traf im E-Werk auf dutzende bunte Lichter, dazu weiß gekachelte Wände. Mitte der 1990er-Jahre nach der Love Parade ins E-Werk – vielleicht waren solche Wochenenden der Zenith des Techno. Außerdem gab es im E-Werk Ausstellungen, Thema: Techno. 1997 war Schluss, heute ist das E-Werk ein Veranstaltungsort, der zu aufpoliert ist, um dort eine gute Technoparty zu feiern.


Ostgut

Die 12 besten (Techno) Clubs in Berlin in den 1990ern
Kommt von außen kaum an das Berghain ran: das Gelände des Ostgut. Foto: Wikimedia Commons/Fotograf unbekannt

Auch wenn das E-Werk dem Berghain zumindest architektonisch mehr ähnelte: der offizielle Vorgänger des legendären Clubs war das Ostgut. Das Ostgut gab es von 1999 bis 2003, ist also eher ein Club der Jahrtausendwende. In diese Liste muss es trotzdem, allein schon, weil daraus das Berghain entstanden ist. Der Club lag an der Mühlenstraße direkt an der Spree und war von außen sicher nicht mit dem Berghain zu vergleichen. Drinnen aber wurde auch im Ostgut lange, leidenschaftlich und lustvoll gefeiert.

Zitty-Redakteur Martin Schwarzbeck zum Beispiel hatte im Ostgut einen jener Momente, die ihn dazu brachten, nach Berlin zu ziehen: „Dass ich nicht so bald wieder gehen würde, ist mir im Ostgut klargeworden, dem Vorgänger des Berghain. Ich kannte das nicht, einfach bis Montag durchtanzen. Mochte ich. Und auch den Rest. Irgendwann stand ich mal an der Bar, da kniete einer neben mir und ein anderer stand urinierend davor. Ich steh nicht drauf, aber der Grad der persönlichen Freiheit, der da zelebriert wurde, hat mir sehr gut gefallen.“


90 Grad

Kein Technoclub, aber doch prägend: das 90 Grad. Foto: Imago/Günter Schneider

Das 90 Grad würden viele wohl als einen Laden für die Feinen und Reichen bezeichnen, posh und geleckt. Wie das P1, nur auf berlinerisch. Das 90 Grad entstand, als Bob Young und Britt Kanja den Laden in der leerstehenden Halle einer Autowerkstatt eröffneten und ihn nach der 90-Grad-Kurve benannten, die die Dennewitzstraße an der Stelle macht. Hier feierten Leonardo DiCaprio und Matt Damon, und George Clooney soll die Klofrau geküsst haben.

Aber es gab auch andere Zeiten, nämlich als dort laut Westbam die ersten House-After-Hours Berlins stattfanden. Seine Freundin hatte nämlich zusammen mit Partymacher Hille Saul Kanja und Young den Schlüssel geklaut, um im 90-Grad After Hour zu machen. „Ohne jenen geklauten Schlüssel hätte es vielleicht nie Hilles Planet gegeben, ohne Planet nie die Globus Bar im Tresor und ohne die Globus Bar nie die Panorama Bar. Nach der Chaostheorie hätte die Geschichte des Berliner Nachtlebens ohne die geklauten Schlüssel vielleicht eine ganz andere Wendung genommen“, schreibt Westbam im Club-ABC der Zitty.


Planet

Fotos vom Planet sind schwer zu finden, vom Kater Holzig gibt es schon eher welche. Foto: Imago/Schöning

Clubs kommen und gehen, und manchmal tun sie das auf ein und demselben Gelände. Der Planet befand sich von etwa 1991 bis etwa 1993 dort, wo später eine Zeit lang das Kater Holzig war. Die Musik im Planet war anders als im Tresor, weniger hart, mit mehr Melodie und Kitsch. Aber manchmal auch industriell. Der DJ Clé sagt über den Planet in „Klang der Familie“: „Der Planet war ein bisschen lieber als der Tresor, vielleicht wie die hübsche Schwester. Es war bunter, verspielter, das Publikum schwuler. Die Atmosphäre war viel wärmer, die Musik nicht so hart.“ Und 3Phase: „Nach ein paar Mal Planet fragte ich mich, ob wir gerade dabei sind, eine neue Religion zu gründen.“


WMF

Die 12 besten (Techno) Clubs in Berlin in den 1990ern
Das DJ-Kollektiv Visomat, wahrscheinlich im vierten WMF. Foto: Imago/David Heerde

Der WMF, oder wohl eher die WMF, denn WMF steht für Württembergische Metallwarenfabrik, war ein nomadisches Chamäleon. Der Club zog in den 1990er-Jahren immer wieder um und erfand sich neu. Der erste WMF, 1991 entstanden, befand sich an der Leipziger Straße/Ecke Mauerstraße, unweit des Tresor. Danach zog der Club, in dem damals auch Hip-Hop gespielt wurde, an den Potsdamer Platz, noch mehr Brache also. Später ging’s an den Hackeschen Markt, als House-Club. Und dann an die Johannisstraße in das ehemalige Gästehaus des DDR-Ministerrats gegenüber dem Friedrichstadtpalast.

„Für mich der schönste WMF wegen der stylischen Lounge, die aus Resten des Mobiliars des Palastes der Republik zusammengebaut worden war“, sagte der Blogger, Autor und Fotograf Michael Lange 2018 dem tipBerlin. Und: Der WMF sei „ein Club [gewesen], in dem man nicht nur tanzen, sondern sich auch unterhalten konnte. Neben House lief nun auch Drum’n’Bass, hard-edged.“ Bis zu seiner Schließung 2010 zog der WMF noch mehrmals um, die Locations seien aber nicht mehr so spektakulär wie in den 1990er-Jahren gewesen, sagt Lange.


Exit

Die 12 besten (Techno) Clubs in Berlin in den 1990ern
Einfach abgerissen worden: das Ahornblatt. Foto: Imago/Detlev Konnerth

Das Exit war ein Club im Ahornblatt, einer ehemaligen Großgaststätte an der Gertraudenstraße/Ecke Fischerinsel – eines der berühmtesten Berliner Gebäude, die es heute nicht mehr gibt. DJ Tanith zufolge, der den Club auf seinem Blog beschreibt, war die Akustik und die Atmosphäre dort genauso einmalig wie die Architektur. Bekanntester Resident-DJ war DJ Spezial, der berühmt war für seine Gute-Laune-Techno-Sets. Das Exit wiederum war bekannt dafür, dass dort die meisten Gäste schon ziemlich lange wach waren.

Doch der Club wurde nicht alt, obwohl das Gebäude erst 2000 (gegen den Protest von Architekt:innen und Stadtplaner:innen) abgerissen wurde. „Der Spaß sollte nicht lange dauern, denn in den umliegenden Hochhäusern wohnte noch viel ehemals privilegiertes DDR Gesocks, das es überhaupt nicht leiden konnte das die vereinte Jugend da vor ihrer Nase ihren Spaß in der Neuzeit hatte“, schreibt Tanith auf seinem Blog.


NonTox

Kapital und Konsum statt Kultur: Dort wo die Mercedes-Benz-Arena jetzt steht, waren mal eine Reihe von Clubs, darunter das Nontox. Foto: Imago/Rolf Pollack

Das NonTox gehört zu jenen Berliner Clubs, die in den 1990er-Jahren alle kannten, die aber dennoch kaum eine sichtbare Spur hinterlassen haben. Es befand sich direkt an der Spree, dort, wo jetzt die Mercedes-Benz-Arena steht. Zu den direkten Nachbarn gehörten der legendäre Gay Club „Die Busche“, das Razzle Dazzle und auch das Ostgut. Montagmorgens ging es im Nontox noch hoch her, eine klassische Ballerbude. Außerdem war das Nontox bekannt für seine EBM-Partys. Der schnelle Musikstil mit den rauen Stimmen, den Schreien, passte ja auch irgendwie in die Location. Den langen Weg des heutigen Mercedes-Viertels vom Ostgut zum East-Side-Grauen zeichnen wir hier nach.


Boudoir

In den Räumen des Boudoir sind heute möblierte Loft-Wohnungen. Foto: Imago/Dirk Sattler

Zum Schluss ein Club, der ganz anders war als die anderen Techno-lastigen Läden: das Boudoir. Es befand sich an der Brunnenstraße 192, nicht weit also von der Brunnenstraße 183, damals eines der bekanntesten besetzten Häuse in Berlin. Das Boudoir eröffnete 1992 im zweiten Hinterhof der Nummer 192. Die beiden Betreiberinnen renovierten die alte Seifenfabrik mit ihren ausgedienten Stahlkesseln und schufen einen farbenfrohen, stilvollen Raum.

Jens Schwan sagte dem tipBerlin 2018 über das Boudoir: „Denke ich an das Boudoir, ist zuerst immer das riesige, plüschige  Himmelbett in meinem Kopf. Und cremefarbene und rote Vorhänge. Viele Vorhänge. Es war sinnlich, intim und doch offen, und nicht zuletzt reizend angenehm dort […] Es gab Partys und Kunsthappenings, es war auch eine ziemlich wunderbare Art, die neue Freiheit zu feiern. Reiner Hedonismus ohne den heutigen Szene-Coolness-Zwang.“


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