Das SchwuZ ist eine Institution. Nun hat Berlins ältester Queer-Club Insolvenz angemeldet. Inflation und ein verändertes Ausgehverhalten nach der Pandemie sind Gründe dafür, ja – doch die aktuelle Krise verrät vor allem etwas über Spannungen innerhalb der queeren Szene.

Der älteste queere Club Deutschlands steckt in der Krise
Seit Monaten kriselt es im SchwuZ. Wechsel der Geschäftsführung, Sparmaßnahmen, Kündigungswelle. Ende Juli dann die Meldung: Der Club hat Insolvenz angemeldet. Ohne Gegenmaßnahmen stehe man kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Viele reagierten mit Schock und Mitgefühl – schließlich ist das SchwuZ seit Jahrzehnten eine Institution. Der älteste und allein schon flächenmäßig größte Queer-Club Deutschlands.
Geschäftsführerin Katja Jäger, erst seit März im Amt (mit dem alten Geschäftsführer Marcel Weber haben wir zum Abschied ein Interview geführt), spricht von „massiven Kostensteigerungen bei gleichzeitig sinkenden Besucher:innenzahlen“. Damit ist das SchwuZ natürlich nicht allein: Inflation, gestiegene Betriebskosten und ein verändertes Ausgehverhalten nach der Pandemie setzen vielen Clubs zu. Das Watergate ist bereits Geschichte, Ende des Jahres wird die Renate schließen.
Die queere Community Berlins hat sich verändert
Doch ist das wirklich der einzige Grund für leere Tanzflächen? Ein Blick in die Instagram-Kommentare – besonders unter dem englischsprachigen Insolvenz-Post – zeigt, wie groß der Frust ist: „Die Musikauswahl ist langweilig“, „Eintrittspreise zu hoch“, „zu wenig Haltung.“ Immer wieder tauchen zudem Vorwürfe auf, das SchwuZ habe Gäste oder Performer:innen wegen pro-palästinensischer Äußerungen ausgeschlossen. Eine öffentliche Stellungnahme dazu gab es bislang nicht.
Um Kommentare dieser Art einzuordnen, muss man verstehen, dass sich die queere Community Berlins in den letzten Jahren verändert hat. Queere Partys waren immer auch politische Räume – und das queere Berlin ist heute diverser und internationaler als je zuvor. Die Verschränkung von Partyszene und Aktivismus zeigt sich in neuen, beliebten Partyreihen wie der arabischen Pop-Party „Adira“, die sich sowohl explizit queer als auch postkolonial positionieren.
Das SchwuZ entstand aus der Schwulenbewegung der 1970er-Jahre
Ein großer Teil dieser jungen Community begreift Solidarität intersektional, das heißt: Man will Kämpfe zusammendenken. Wer sich gegen LGBTQ+-Feindlichkeit positioniert, soll auch Rassismus, antimuslimischen Hass und andere Diskriminierungsformen klar benennen. Orte, die als zu „weiß“ oder unpolitisch gelten, riskieren ihre progressive Glaubwürdigkeit. Das heißt auch: Ein queerer Club in Berlin im Jahr 2025 kommt nicht darum herum, sich mit Themen wie dem Nahostkonflikt auseinanderzusetzen.
Hat das SchwuZ also den Anschluss an diese jüngere, immer internationalere Szene verpasst? In einigen Kommentaren schwingt Enttäuschung mit – gerade, weil die Bedeutung des Clubs vielen bewusst ist. Als das SchwuZ (SchwulenZentrum) 1977 erstmals öffnete, war das schließlich höchst politisch: Hervorgegangen aus der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW), war der Club eine der ersten festen Anlaufstellen der Schwulenbewegung, maßgeblich beteiligt an der Organisation des ersten Berliner Christopher Street Day 1979 und erste Heimat der schwulen Stadtzeitung „Siegessäule“.
Vom Schwulen- zum Queer-Club: Stammpublikum fühlt sich verdrängt
So war das SchwuZ zunächst vor allem ein Raum von und für weiße, schwule cis Männer. Die Kämpfe dieser Zeit drehten sich vor allem um ihre Lebensrealitäten: Razzien in Klappen, Kriminalisierung, Diskriminierung im Alltag. Themen wie Rassismus, Transfeindlichkeit oder Sexismus spielten kaum eine Rolle.
Heute hingegen ist das SchwuZ kein reiner Schwulenclub mehr, sondern deckt ein breiteres Spektrum an queeren Partys ab und stellt, zum Beispiel mit Dykes* Gone Wild in der Pepsi Boston Bar, auch FLINTA* in den Mittelpunkt. Das wiederum stößt Teilen des älteren, schwulen Stammpublikums sauer auf, die Veränderungen in ihren angestammten Räumen als bedrohlich empfinden – teils verbunden mit überraschend konservativen Einstellungen. Das Resultat einer Umfrage unter Nutzern der Gay-Dating-App Romeo 2024: Ein signifikanter Teil schwuler Männer gab an, konservativ oder rechts zu wählen – selbst in Berlin.
Dass das SchwuZ um Publikum ringt, ist also vielleicht nicht bloß ein weiteres Kapitel im Berliner Clubsterben, sondern Ausdruck einer tiefen Kluft in der queeren Community: Ein Teil des Stammpublikums fühlt sich verdrängt – und wird schlicht älter. Die jüngere, oft internationalere und politisch links orientierte Szene zieht weiter. Was beide eint: Die Preise sind für viele zu hoch – gerade für mehrfach marginalisierte Menschen, die sich 20 Euro Eintritt plus Getränke nicht leisten können. Der Anspruch, inklusiv zu sein, stößt auf die Realität wirtschaftlicher Zwänge.
In Zeiten des Rechtsrucks dürfen Orte wie das SchwuZ nicht einfach verschwinden
Angesichts des Rechtsrucks – AfD in Umfragen stark, Merz mit „Zirkuszelt“-Kommentaren, Julia Klöckner als Bundestagspräsidentin – dürfte allerdings klar sein: Sollte das SchwuZ schließen, wäre das ein herber Verlust zur denkbar ungünstigsten Zeit. Und sind wir ehrlich, auch so mancher selbsternannte Kritiker der „immergleichen“ Playlists würden die unbeschwerten Nächte auf der SchwuZ-Tanzfläche mit Britney, Madonna und Lady Gaga dann doch schmerzlich vermissen. Viele von uns verbinden wertvolle Erinnerungen mit dem SchwuZ, und so viele Menschen stecken noch immer, vor und hinter den Kulissen, ihr Herzblut in diesen Ort.
Was also tun? Der Club hat eine externe Insolvenzberatung beauftragt, die die Lage neu strukturieren soll. Doch es braucht mehr als Sparmaßnahmen: ehrliche Selbstkritik, neue Perspektiven – und eine Rückbesinnung auf das, was das SchwuZ einmal ausgemacht hat: echte Nähe zur Community.
Welche Allianzen braucht es, wenn queere Sichtbarkeit zunehmend unter Druck gerät? Ob der Wandel gelingt, hängt nicht nur vom Management ab – sondern auch davon, ob die queere Szene dem SchwuZ noch einmal ihr Vertrauen schenkt. Auch über ihre Differenzen hinweg.
- SchwuZ Rollbergstr. 26, Neukölln, Website
Mehr queeres Berlin
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