Interview

Mutmaßliche Vergewaltigung im KitKat: Wie sicher sind solche Räume?

Im September 2024 soll es im Berliner KitKat Club zu einer Vergewaltigung gekommen sein. Die Betroffene erstattete Anzeige gegen den mutmaßlichen Täter – doch der Club selbst schweigt bis heute zu den Vorwürfen. Nach monatelangen Recherchen haben die Journalistinnen Jessica Ramczik und Nastassja von der Weiden in der „taz“ unter dem Titel „Das Ende der Party“ einen Text veröffentlicht, der tiefe Einblicke in eine Szene gibt, die sich selbst gern als Ort von Freiheit und „Consensual Culture“ versteht. Doch wie sieht die Realität aus? Im Interview spricht Jessica Ramczik über das Spannungsfeld zwischen sexueller Selbstbestimmung und patriarchalen Strukturen, über Sicherheitskonzepte, Awareness – und warum Clubs mehr leisten müssen, als bloß Orte für Exzess zu sein.

Der KitKat Club ist Berlins wohl berühmtester Im September 2024 kam es im berühmten Berliner Technoclub KitKat zu einer Vergewaltigung. Foto: Imago/PEMAX

Sexpositive Partys in der Berliner Technoszene: Wie sicher sind solche Räume?

tipBerlin Liebe Jessica, Berlins Clubszene präsentiert sich gerne als ein safer space, in dem jenseits von Konventionen die eigenen Vorlieben ausgelebt werden können. Wie blickst du auf die Szene?

Jessica Ramczik Ich würde nicht sagen, dass es die Clubszene gibt. Jeder Club steht letztlich für sich, mit eigener Kultur, eigenem Publikum und eigenen Regeln. Natürlich gibt es Zusammenschlüsse wie die Clubcommission, die versuchen, gemeinsame Interessen zu vertreten und eine gewisse Einigkeit herzustellen. Aber pauschal zu behaupten, die Berliner Clubszene sei ein besonders sicherer oder besonders unsicherer Ort, wäre aus meiner Sicht nicht zutreffend. Was nicht vergessen werden darf: Das Patriarchat macht auch vor der Clubtür keinen Halt.

Viele vertreten die Ansicht: Für Frauen gibt es keinen vollkommen sicheren Ort es auf der Welt. Clubs sind es erst recht nicht – schon allein, weil dort oft zusätzliche Faktoren wie Drogenkonsum oder Alkohol vorkommen, die zusätzlich Grenzen verwischen

Jessica Ramczik

tipBerlin In den vergangenen Jahren hat die Sex-Positivity-Bewegung zu einer zunehmenden Enttabuisierung sexueller Vorlieben geführt, und sexpositive Partys finden mittlerweile jedes Wochenende in Berlin statt. Wie sicher sind solche Räume?

Jessica Ramczik Sex-Positivity ist ein wichtiger Bestandteil der Szene, aber auch ein Risikofaktor. So zu tun, als wäre das ausschließlich Freiheit, wäre falsch. Es ist nicht verwunderlich, dass in diesem Kontext auch Übergriffe passieren – oder sich zuletzt sogar häufen. Viele, mit denen wir gesprochen haben, vertreten die Ansicht: Für Frauen gibt es keinen vollkommen sicheren Ort es auf der Welt. Clubs sind es erst recht nicht – schon allein, weil dort oft zusätzliche Faktoren wie Drogenkonsum oder Alkohol vorkommen, die zusätzlich Grenzen verwischen. Hinzu kommt, dass seit der Corona-Pandemie sexpositive Partys einen deutlichen Boom erleben. Früher waren solche Events eher Teil einer kleineren, vertrauten Community, in der man sich kannte und in der soziale Kontrolle funktionierte. Heute sind diese Partys ein Trend geworden, zunehmend kommerzialisiert und damit offener für Menschen, die nicht in der Szene sozialisiert sind. Das zieht auch Männer an, die den Gedanken von Konsens und Community nicht verinnerlicht haben, sondern schlicht ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse ausleben wollen. Je größer und anonymer die Partys, desto größer das Risiko von Übergriffen.

tipBerlin Sexpositive Partys entstanden ursprünglich in der queeren Community als sichere Räume. Wird durch ihre Kommerzialisierung das Patriarchat in gewisser Weise wieder hineingelassen?

Jessica Ramczik Auf jeden Fall. Heute verschwimmen die Grenzen: Wo endet Selbstermächtigung und wo beginnt die Reproduktion patriarchaler Muster? Wir sehen, wie sich feministische Errungenschaften vom Patriarchat immer wieder vereinnahmen lassen – in der Mode und auch in der Clubkultur. Statt Freiheit entsteht ein neuer Performance-Druck, besonders für junge Frauen: Bin ich sexy genug? Entspreche ich dem Körperideal? Das widerspricht dem eigentlichen Gedanken von Sex- und Körperpositivität, die sexpositive Partys durch die queere Community einst hatten.

tipBerlin Weil man sich in Clubs fallen lässt, sind sie sehr vulnerable Orte. Das kann vor allem für FLINTA* gefährlich werden. Übergriffe finden statt und zuletzt war auch immer wieder vom Needle-Spiking die Rede. Welche Verantwortung tragen Clubs, um Übergriffe zu verhindern und sichere Strukturen zu schaffen?

Besonders bei sexpositiven Partys sehen wir ein Spannungsfeld: Sie gelten als Räume sexueller Befreiung, können aber auch patriarchale Strukturen reproduzieren, etwa wenn Männer allein hingehen, um Bedürfnisse zu befriedigen

Jessica Ramczik

Jessica Ramczik Die entscheidende Frage ist nicht, ob Clubs grundsätzlich sicher oder unsicher sind, sondern wie sie mit Risiken umgehen: Welche Sicherheitskonzepte gibt es? Wie werden Neins akzeptiert? Wie werden Betroffene unterstützt und wie transparent ist der Umgang mit Vorfällen? Perfekte Sicherheit gibt es nicht – weder in Berlin noch anderswo. Clubs leben von ihren Gästen, und wenn Gäste Grenzen überschreiten, ist das ein Problem. Besonders bei sexpositiven Partys sehen wir ein Spannungsfeld: Sie gelten als Räume sexueller Befreiung, können aber auch patriarchale Strukturen reproduzieren, etwa wenn Männer allein hingehen, um Bedürfnisse zu befriedigen. Und da stellt sich die Frage: Wie sicher können diese Räume für Queers und Frauen dann noch sein?

tipBerlin Inwiefern spielen dabei Elemente wie Dunkelheit, Rückzugsräume oder Dark Rooms eine Rolle?

Jessica Ramczik Architektur ist definitiv von Bedeutung: Ein dunkler Raum kann für die einen ein geschützter Rückzugsort sein, für andere jedoch ein Tatort. Das eigentliche Problem liegt aber bei Tätern, die Gelegenheiten für Übergriffe nutzen. Ein Darkroom ist nicht per se unsicher, aber er erfordert Verantwortungsbewusstsein und Strukturen, die Grenzen schützen.

Vergewaltigung im Berliner KitKat Club: „Es gibt Auffälligkeiten, die Fragen aufwerfen“

tipBerlin Kommen wir nun zum KitKat Club. Dieser stand zuletzt wegen Berichten über rechte Türsteher, Till Lindemann und Fälle sexualisierter Gewalt in der Kritik. Wie groß ist das Sicherheitsproblem im Club?

Jessica Ramczik Ob speziell der KitKat Club ein Problem hat oder es sich doch um eine strukturelle Angelegenheit handelt, kann ich noch nicht beantworten. Dafür stehen wir mit unserer Recherche noch zu weit am Anfang. Was ich jedoch sagen kann: Im KitKat Club gibt es Auffälligkeiten, die Fragen aufwerfen. Hinzu kommt die Art und Weise, wie der Club in der Vergangenheit jegliche Schuld und Verantwortung von sich gewiesen hat. Das fängt schon damit an, wie mit Betroffenen im Nachhinein umgegangen wird, wie die Vorfälle aufgearbeitet werden – nämlich gar nicht – oder welches Klientel dort mitfeiern darf. Stichwort Till Lindemann. All das sind Indizien, bei denen es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

tipBerlin Und genau das hast du mit Nastassja von der Weiden gemacht. Gemeinsam habt ihr über eine Vergewaltigung im Berliner KitKat Club berichtet. Wie seid ihr auf den Fall gestoßen?

Jessica Ramczik Ich habe von Menschen, die regelmäßig den KitKat-Club oder andere sexpositive Partys besuchen, immer wieder gehört, wie groß das Potenzial für Übergriffe dort ist. Ende 2022 habe ich begonnen, dem nachzugehen – in Foren, auf Social Media, in meinem Umfeld. Dabei bin ich auf Schilderungen gestoßen, die von unkonsensuellen Berührungen bis hin zu Mustern psychischer Gewalt und Abhängigkeitsverhältnissen reichten. Einige erzählten mir von eigenen Erfahrungen, andere von dem, was Freund:innen passiert war. In einem Fall wurde etwa eine Frau immer wieder zu solchen Partys gedrängt, um dort Sex zu haben. Viele Betroffene wollten jedoch nicht an die Öffentlichkeit gehen, und Anzeigen gab es kaum. Erst im Februar 2025 meldete sich Theresa (Name geändert) nach einem Recherche-Aufruf bei mir auf Instagram.

tipBerlin In eurer Recherche geht ihr genauer auf Theresa ein. Was genau ist an dem Tatabend passiert?

Jessica Ramczik Am 23. September 2024 besuchte Theresa mit Freunden den KitKat Club. Es war ein Montag, Electric Monday, an dem nur der Mainfloor und eine Bar geöffnet waren. Sie trank etwas, tanzte, unterhielt sich. Als sie allein auf die Toilette ging, sprach sie ein Mann an, machte Komplimente und behauptete, sie hätten sich schon einmal gesehen. Theresa wollte zurück zu ihren Freunden, doch er bot ihr ein Wasser an und fragte, ob sie noch reden wollen. Als sie zustimmte, zog er sie plötzlich in einen halbdunklen Bereich. Alles ging schnell: Er küsste sie ungefragt, zog ihr das Shirt hoch, griff ihr in den Slip. Theresa war wie erstarrt, dann stieß sie ihn weg und sagte ‚no thank you‘. Auf der Toilette brach sie weinend zusammen, bevor sie ihre Freunde aufsuchte – die reagierten jedoch nur verhalten. Gemeinsam mit einer Frau, die wir Alisa nennen, wandte sie sich an die Security. Diese reagierte entschlossen: Sie identifizierten den Mann, warfen ihn hinaus und riefen nach Theresas Einverständnis die Polizei, woraufhin sie Anzeige erstattete.

tipBerlin Ihre Geschichte zeigt, dass sexualisierte Gewalt in der Mitte der Gesellschaft stattfindet und auch vor der (vermeintlich) progressiven Berliner Clubkultur nicht Halt macht. Gerade deswegen sind die Frei- und Schutzräume auf sexpositiven Partys so fragil. Theresa ist später trotzdem nochmal in den Club gegangen.

Es gibt Möglichkeiten, Clubs zu kontaktieren, wenn man sein Handy dort verliert, aber wenn es zu einer Vergewaltigung kommt, fühlt sich plötzlich keiner mehr verantwortlich?

Jessica Ramczik

Jessica Ramczik Das hat Theresa gemacht, um sich selbst wieder Sicherheit zu geben und um nach Antworten zu suchen. Aber: Wenn jemand sexualisierte Gewalt erlebt hat, sollte die Verantwortung nicht allein bei der betroffenen Person liegen, den Kontakt zum Club zu suchen, um dort mit Mitarbeitenden über die Geschehnisse zu sprechen. Das sollte umgekehrt passieren. So etwas wie: ‚Wir haben gehört, was passiert ist, das tut uns leid – geht es dir gut?‘, würde viel ausmachen. Nicht als Entschuldigung, sondern als Signal, dass Sicherheit ernst genommen wird. Stattdessen herrscht Schweigen, selbst wenn schwere Vorfälle bekannt werden. Aber mal ehrlich: Es gibt Möglichkeiten, Clubs zu kontaktieren, wenn man sein Handy dort verliert, aber wenn es zu einer Vergewaltigung kommt, fühlt sich plötzlich keiner mehr verantwortlich?

„Sich weiterhin hinter dem Image des geheimnisvollen Dungeons zu verstecken, reicht nicht mehr“

tipBerlin Ist das Schweigen des KitKat Clubs vielleicht auch ein Versuch, das eigene Image zu schützen?

Jessica Ramczik Ich denke schon, dass es dabei um eine Imagefrage geht und das KitKat durch seine Verschwiegenheit das Mysterium rund um den Club aufrechterhalten will. Inwieweit das Sinn macht, ist jedoch fraglich, denn eine mutmaßliche Vergewaltigung im Raum stehen zu haben und sich dazu nicht zu äußern, schädigt das Image doch viel mehr. Ich könnte verstehen, wenn sich Queers und FLINTA*s dazu entscheiden, nicht mehr im KitKat Club feiern zu gehen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte und Diskussionen über problematische Vorfälle in Clubs wie dem KitKat – von Artikeln auf Plattformen wie Resident Advisor bis hin zu Threads auf Reddit. Auch wenn nicht alles verifizierbar ist, sollte es ab einer gewissen kritischen Masse ein Umdenken geben.

tipBerlin Wie würde das aussehen?

Seit der Gründung 1994 hat sich die Welt verändert – und Clubs müssen mit der Zeit gehen. Einfach nur zu sagen, wir bieten einen Ort, an dem die Leute zu Techno ficken können, ist einfach zu wenig

Jessica Ramczik

Jessica Ramczik Clubs müssten sich fragen: Brauchen wir interne Strukturen, um mit solchen Fällen umzugehen und Transparenz zu zeigen? Das muss nicht zwingend ein Awareness-Team in pinken Westen sein, aber zumindest ein klares Signal: ‚Wir nehmen das ernst, wir sprechen darüber.‘ Sich weiterhin hinter dem Image des geheimnisvollen Dungeons zu verstecken, reicht nicht mehr. Seit der Gründung 1994 hat sich die Welt verändert – und Clubs müssen mit der Zeit gehen. Einfach nur zu sagen, wir bieten einen Ort, an dem die Leute zu Techno ficken können, ist einfach zu wenig.

tipBerlin Der KitKat Club setzt vor allem auf eine „consensual culture“, also mit der Idee, dass alle wissen, wie man sich respektvoll verhält. Inwieweit ist das problematisch?

Jessica Ramczik Der Begriff ‚Consensual Culture‘ klingt gut, aber im KitKat-Club ist er für mich nicht Realität. Man verlässt sich zu sehr darauf, dass Gäste ihre Grenzen selbst wahren, während gleichzeitig Bedingungen geschaffen werden, die das erschweren – etwa durch Drogenkonsum und fehlende Strukturen. Das Konzept des ‚humanen Experiments‘, mit dem der Club sich gern inszeniert, hat klare Grenzen, besonders wenn es um vulnerable Gruppen wie Frauen und Queers geht. Consensual Culture bleibt letztlich ein Ideal, das gerade in solchen Kontexten nicht automatisch entsteht, sondern aktiv abgesichert werden müsste – und daran fehlt es.

tipBerlin Wie könnten sich Clubs wie das KitKat besser vor sexuellen Übergriffen schützen?

Jessica Ramczik Awareness darf nicht als reines Kontrollinstrument verstanden werden – nach dem Motto: ‚Wir beobachten euch, also benehmt euch.‘ Entscheidend ist eine innere Haltung: Partygäste sollten nicht aus Angst vor Konsequenzen handeln, sondern mit dem Bewusstsein, dass Konsens und der Spaß aller im Vordergrund stehen. Dazu gehört auch Aufklärung: über Grenzen, über den Umgang mit anderen, aber auch über Substanzen und deren Wirkung auf Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit. Awareness sollte also ein ganzheitliches Konzept sein, nicht nur ein paar Menschen in pinken Westen.

Was unsere Recherche betrifft: Alle bestätigten Fälle von sexualisierter Gewalt, die wir bisher dokumentieren konnten, stammen aus dem KitKat-Club. Das heißt aber nicht, dass das Problem verschwände, wenn es den Club nicht mehr gäbe. KitKat ist der größte Club dieser Art, und nachdem wir dort angesetzt haben, melden sich natürlich vor allem Menschen mit Erfahrungen aus diesem Kontext. Ich würde deshalb nicht behaupten, KitKat sei der einzige oder zentrale Problemfall der Szene – aber dort zeigt sich die Dringlichkeit, über Strukturen zu sprechen.


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