Die Clubwelt blickt in den Westen, eine Location in Wuppertal erregt Aufsehen: In einem aufwendig restaurierten Bunker in NRW wird ausgiebig gefeiert. Der Club Open Ground hat Platz für 1200 Gäste, den Klang liefert ein Funktion-One-Soundsystem – das man in Berlin aus dem Berghain kennt.
Das ist nur auf den ersten Blick überraschend, denn schließlich bringt Clubbetreiber Markus Riedel jede Menge Berlin-Erfahrung mit. Als Konkurrenz sieht er die Hauptstadt aber nicht. Wir haben mit ihm über seine Verbindung zur Berliner Techno-Szene gesprochen und darüber hinaus, was einen guten Club und ehrliche Subkultur ausmacht – und was es mit dem Gerücht des Wuppertaler Berghain auf sich hat.

Man ist nie zu alt, um etwas Neues zu wagen
Natürlich habe Markus Riedel das Berghain schonmal von innen gesehen. Wenn man es einmal durch die Tür geschafft hat, habe man das Gefühl von Freiheit, gegenseitigem Respekt und Feierlaune gespürt. Für ihn stimmen hier viele Komponenten: „Es ist ein superschöner Laden, eine beeindruckende Immobilie, in einer idealen Lage. Ich muss sagen, dass das Berghain, aber auch der Tresor und weitere Clubs nahezu Vorzeige-Objekte sind.”
Dass er mit über 60 selbst einmal einen Club eröffnen würde – und dann auch noch in seiner beschaulichen Heimatstadt Wuppertal – kam eher unerwartet. Doch seine Reise beginnt viel früher. Sie startete in Berlin Anfang der 80er.

Mit 23 Jahren ist Markus Riedel nach Berlin gezogen. Angetan von einer Stadt die – politisch, geografisch, historisch, viel zu erzählen hatte. Eingekesselt von der Mauer, ein Rückzugsort für alle, die anders sein wollten. Von Wehrdienstverweigerer, Künstler:innen, queeren Menschen bis zu den Punks. “Zu der Zeit war Berlin der Hotspot für Subkultur!” Sein Freund Mark Ernestus hat 1987 die Kneipe Kumpelnest 3000 in Schöneberg eröffnet. Ein Treffpunkt für kreative Menschen. Gleichzeitig ein legendärer Party-Laden.
Kurze Zeit später kam die Erkenntnis, dass es doch mehr Organisation bedarf als ursprünglich angenommen, und so machte Ernestus Riedel das Angebot, mit ihm in der Kneipe zu arbeiten. „Ich bin da so reingerutscht”, sagt Riedel ganz unaufgeregt.
Zwei Jahre später entschied sich Ernestus dann, das Hard Wax zu eröffnen. Wie sich später herausstellte, einer der einflussreichsten Plattenläden in Berlin. Zum damaligen Zeitpunkt zog das Club– und Party-Business stark an, House und Techno wurden immer populärer.

„Wir waren einer der ersten kleinen Plattenläden, die selbst importiert haben. Zum Beispiel aus Amerika und England.“ Riedel betont, dass er eher als stille Unterstützung und im Hintergrund gearbeitet habe, in Sachen Buchhaltung und Organisation habe er dem Unternehmen Hard Wax unter die Arme gegriffen. In den frühen 1990er Jahren gründete Ernestus gemeinsam mit Moritz von Oswald dann das Techno-Label Basic Channel, auch für Riedel eine weiterführende Aufgabe. 2008 ist Markus Riedel wieder in seine Heimat Wuppertal zurückgekehrt – mit einem großen Repertoire an Wissen aus kreativen Unternehmungen.
„Es war ein totaler Zufall“: Ein Anruf, der alles veränderte

Fast zehn Jahre später überrascht ihn ein Anruf seines Bruders Thomas: Die Stadt schreibt den alten Bunker unter dem Hauptbahnhof europaweit zur kulturellen Nutzung aus. Auf der Wunschliste ganz oben: ein Musikclub.
„Es war ein totaler Zufall“, meint Riedel lachend. Er hatte nie geplant, einen Club zu eröffnen – doch Thomas Riedel sei sofort Feuer und Flamme mit der Idee gewesen. Die Lage der Immobilie schien einfach perfekt zu sein. Man habe keine Probleme mit Anwohnern, die sich durch die Lautstärke der Musik oder der Gäste, die den Club in den frühen Morgenstunden verlassen, gestört fühlen. Der Hauptbahnhof ist nur fünf Minuten entfernt und bietet eine gute Anbindung an umliegende Städte wie Köln, Dortmund, Düsseldorf, auch nach Amsterdam ist es nicht weit. Die Pro-Argumente überwogen. Es sei von Anfang an ein Herzensprojekt und nicht gewinnorientiert gewesen. Die Firma seines Bruders „Riedel Communications GmbH & Co. KG.“ steuere Gelder dazu. Es sei aber schon das Ziel, dass sich der Laden selber finanzieren kann.
Das Leben in Berlin als Vorbereitung für das, was noch kommt

Aus seiner ereignisreichen Zeit in Berlin gewann Riedel jene Expertise, die ihm heute, als Geschäftsführer des Open Ground, zugutekommt. Etliche Clubkonzepte hat er bereits gesehen. Das mitunter Wichtigste sei es, zu möglichst entspannten Bedingungen Musik genießen zu können, ein hoher musikalischer Anspruch in Sachen Soundqualität sowie eine feine Auswahl an DJs zu wahren.
Zudem muss man einen Club auch als einen Ort des Socializings begreifen. Eine Sache, die Riedel fast immer gestört hatte, war die mangelnde Klangqualität. Er beobachtete in diversen Locations, dass man oft schlechten Sound hatte – und durch die Lautstärke zudem viele Bereiche, in denen man sich kaum bis gar nicht unterhalten konnte. „Es ist etwas absurd, denn auf der einen Seite möchte man feiern und Musik in einer guten Qualität genießen, auf der anderen Seite den Ort nutzen, um Menschen kennenzulernen und sich in Ruhe unterhalten.” Das war einer der Punkte, die er im Wuppertaler Club besser machen wollte.
Beeindruckendes Hörerlebnis zwischen Stahl und Beton

Ein Abend im Open Ground: Die Menschen sind schon voller Vorfreude und stehen Schlange, der Berliner DJ Fadi Mohem legt auf. Die Stimmung ist ausgelassen und friedlich. Manchmal wird man von den bunt flackerten Lichtern geblendet, einige in der Crowd schließen die Augen, genießen und lassen sich von den Bässen treiben.
Es gebe einige Eigenschaften die die Besucher:innen und Artists des Open Ground schätzen. Der DJ Jon K beschreibt den Ort als magisch und „mind blowing on every level“. Der Club stehe für Authentizität und musikalische Qualität. Für Markus Riedel gibt es drei Kriterien, die einen guten Club ausmachen: Das ist zum einen das Team. Dazu gehört natürlich auch ein sicheres Awareness-Konzept. „Es geht darum, einen sicheren Platz für alle Menschen zu schaffen. Der zweite Punkt ist der Sound. Darauf haben wir uns konzentriert.”
Open Ground hat die gleiche Anlage wie das Berghain
Tatsächlich ist die Anlage eine Funktion-One, die gleiche wie im Berghain. Beide Floors sind an allen Wänden und Decken mit eigens entworfenen Absorbern ausgekleidet, welche die Frequenzen wieder einfangen können. Normalerweise prallen die Klangwellen von den Wänden ab und werden zurück in den Raum geworfen. Dadurch entsteht ein unsauberes Soundbild. Um das zu verhindern, wurden die Wände gedämmt und mit Polyesterfaserplatten verkleidet, diese können mit vibrieren, wenn die tiefen Bässe gespielt werden. Sie haben die Fähigkeit, die Frequenzen sauber auffangen und ein stimmiges sowie klares Klangbild wiedergeben. Das ermöglicht es, die Lautstärke auf ein gesundes Maß zu senken. „100 Dezibel reichen völlig aus“, bezeugt Riedel. Auch die Gänge, Lobby und Nebenräume wurden schalloptimiert – sie bieten Rückzugsorte zum Unterhalten und Durchatmen.

Der dritte Punkt ist das Thema Booking. „Arthur Rieger – er arbeitet auch bei Hard Wax – kümmert sich mit Chris Parkinson aus England um die Kuratierung.” Sie gestalten das Line-up so, dass die musikalische Qualität im Vordergrund steht, und arbeiten akribisch an einem runden Konzept. Es gäbe keine Lückenfüller, wie Riedel versichert, alle DJs werden wegen ihrer Kunst gebucht. Hierbei gehe es nicht darum, irgendwelche Quoten zu erfüllen. Wenn man einen Blick auf die vergangenen Clubnächte wirft, kann man beobachten, dass es Abende gab, wo überwiegend Frauen aufgelegt haben und wiederum Abende, wo es mehr Männer waren. Dennoch „versuchen wir das Line-up so divers wie möglich zu gestalten, damit sich alle berücksichtigt fühlen”, betont der Clubbetreiber.
Berlin, ein Karriere-Sprungbrett?
Für viele junge Kreative gilt Berlin nach wie vor als das gelobte Land. Sie erhoffen sich hier den großen Durchbruch. Wie kann man sie aber überzeugen, nicht in die Hauptstadt abzuwandern und beweisen, dass ihre Region vielleicht doch mehr zu bieten hat als angenommen?
Riedel ist der Meinung, die Stadt Wuppertal brauche Projekte wie das Open Ground, denn junge Menschen suchen auch den Kontakt zu anderen kreativen und interessanten Einrichtungen. An diesem Beispiel könne man darüber hinaus aufzeigen, welches Potenzial in dieser Stadt steckt. Er erzählt: “Wir hatten auch schon den Fall bei uns im Team, eigentlich hatten ein oder zwei Personen vor wegzuziehen, sind aber letztendlich doch geblieben, weil sie bei uns arbeiten.” Für ihn sei aber klar, für eine weitgreifende subkulturelle Entwicklung bedarf es etwas mehr, aber man könne einen Schritt in die richtige Richtung machen.
Das Berghain als Maßstab?
Der „Tagesspiegel“ beschrieb das Open Ground Mitte April als cooler als das Berghain und, dass Berliner neidisch sein könnten. Zugegeben, es gibt einige Punkte, in denen sich beide Locations ähneln. Bunker- und Beton-Flair natürlich, auch die Anlage, ein paar der DJs, und klar, beide Clubs stehen für Leidenschaft zur elektronische Musik. Doch sie zu vergleichen oder gar in ernsthafter Konkurrenz zu ziehen, hält Markus Riedel für Quatsch. Vielmehr zeigen beide Einrichtungen, wie vielfältig und facettenreich Clubkultur in Deutschland sein kann. Während Berlin seit Jahrzehnten als internationales Aushängeschild gilt, setzt Wuppertal neue Impulse im Westen, frei von düsteren Mainstream Tik-Tok-Techno, stundenlangen Anstehen und extravgantem Dresscode, aber dafür mit ganz viel Hingabe für musikalische Qualität und eine enge Community. Es geht nicht darum, wer lauter, größer oder bekannter ist, sondern darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen zusammenkommen und sich frei fühlen können.
Es lässt sich aber auch nicht von der Hand weisen, beide Städte in unterschiedlichen Dimensionen Musik Kultur leben. Berlin ist eine internationale Millionenmetropole, mit vielen Menschen mit großen Träumen. Es treibt Weltstars her, die hier ihre Tour spielen. Clubs haben internationales Booking. Doch während Berlin beim Spagat zwischen Kommerzialisierung und Subkultur auch mal ins Schwitzen kommt, bleibt Wuppertal authentisch. Die Ressourcen sind deutlich begrenzter, die Stadt setzt also auf DIY-Spirit. Internationale Acts sind da eher punktuelle Highlights. Das Open Ground schafft es jedoch immer wieder aufs neue die Besucher mit bekannten Künstlern aus zum Beispiel London, Brasilien, Brüssel, Frankreich zu überraschen – und natürlich auch mit Acts aus Berlin.
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