Clubkultur

Wie der virtuelle Club Rave Space Clubnächte in Wohnungen bringen will

Drei Berliner haben einen virtuellen Club entwickelt, inklusive bekannten DJs, die auflegen, Menschen, die Sex auf der Klokabine haben und Drinks an der Bar. Unsere Autorin hat noch nicht entschieden, ob der Rave Space eine gute Alternative zu Clubs im Lockdown ist – oder nur Salz in die Wunde streut.

Auch im Rave Space muss man am Türsteher vorbei – der lässt einen aber auf jeden Fall rein. Foto: Rave Space

Am 23. April findet im Rave Space die erste Clubnacht statt

Angetrunken und aufgekratzt in der Schlange stehen, den Blicken der Türsteher*innen standhalten und ihre Fragen beantworten, reingehen, Jacke abgeben, tanzen, nicht bei Zimmerlautstärke, sondern bei Bässen, die bis in den Magen fahren. Das Berliner Unternehmen „Rave Space“ versucht diese Erfahrung jetzt, mitten in der dritten Welle, zu replizieren – mit einem virtuellen Club, namens, Überraschung „Rave Space“.

Am Freitag, den 23. April soll die erste Clubnacht stattfinden. Zur Eröffnungsparty fahren die Macher ein Line-Up mit großen Namen auf: Headliner ist die internationale DJ-Legende DJ Hell, außerdem legen Nakadia, Florian Meindl, Alex Stein und BEC auf. Gäste können sich im Club umschauen, mit verschiedenen Dance-Moves zu den DJ-Sets tanzen, ihre eigenen Sticker hochladen und an die Wände kleben oder – wie im echten Club – darauf warten, auf die Toilette zu gehen. In einer der Klokabinen haben nämlich gerade zwei Menschen Sex.

Ob die anderen Kabinen in der ersten Clubnacht dann auch von konsumierenden Gästen besetzt sind? Sich legal berauschen kann man jedenfalls. Mit einem alkoholischen Drink an der Bar wird die Sicht schummrig und mit einer Mate schneller. An den Wänden und auf Sockeln kann man sich Bilder und 3D-Skulpturen anschauen und an speziellen Events auch kaufen. Und im Audio-Chat kann man sich mit den anderen Gästen unterhalten.

Zehn Euro kostet der Eintritt in den Rave Space

Headliner ist DJ Hell. Grafik: Rave Space
Headliner ist DJ Hell. Grafik: Rave Space

Hinter dem Projekt stecken acht Monate Vollzeitarbeit – und das merkt man ihm auch an. Es ist aufwendiger und realer als der erste Berliner Versuch, mit einem virtuellen Club die Cluberfahrung zurückzuholen, dem Club Quarantäne. Allein deswegen, weil im „Rave Space“ alles 3D ist. Wie der Club Quarantäne will aber auch „Rave Space“ DJs und Künstler*innen eine Verdienstmöglichkeit bieten. Von den zehn Euro, die man zum Eintritt in die virtuelle Cluberfahrung zahlt, gehen 30 Prozent an die DJs und Künstler*innen.

Trotzdem: Das Angebot kommt zu einer Zeit, in der jede Erinnerung an eine Nacht voller Begegnungen, Rausch und lauter Musik eher weh tut als den Schmerz lindert. Vor allem, weil wir gerade jetzt, zur Zeit nächtlicher Besuchsverbote und drohender Ausgangssperre, abends mehr allein denn je sind: ohne jemanden, mit dem wir anstoßen und dann den Gin&Tonic halb austrinken können, ohne jemanden, dem wir in die Augen gucken und lächeln können, wenn uns ein Track besonders gut gefällt, ohne schwitzende Körper, die wir beim Tanzen streifen.

Der Rave Space soll nicht nur das Warten auf echte Clubs erleichtern, sondern auch danach die Erfahrung von herkömmlichen Clubs ergänzen.
Kein Club ohne Toiletten. Foto: Rave Space

Dafür sitzt man dann auf dem Sofa und verheddert sich schlimmstenfalls im Kabel der Kopfhörer, wenn einen die Musik so richtig packt. Ein virtueller Club kann einen echten eben nicht annähernd ersetzen. Nicht nur, weil der Türsteher einen hier auf jeden Fall reinlässt, egal was man trägt oder wie betrunken man ist. Ein echter Club lebt vor allem vom Kontakt mit Menschen, vom Exzess und vom Austesten von Grenzen, von wenig Schlaf und viel Bass. Und nicht davon, wie jeden anderen Tag in der Woche vor dem Laptop zu sitzen.

Ersetzen soll der Rave Space herkömmliche Clubs laut den Machern aber auch gar nicht. „Der Rave Space soll eine komplett neue Cluberfahrung sein und das, was wir kennen, ergänzen“, sagt Mitgründer Frank Hahn. „Auch über über das Ende der Pandemie hinaus.“ Hahn hat den Rave Space zusammen mit den beiden digitalen Entwicklern Tom Wendland und Fabian Burghardt ins Leben gerufen. Alle drei arbeiten seit Jahren in der Clubkultur – und sind überzeugt, dass der Rave Space Menschen, die die Berliner Clubnächte vermissen, die triste Lockdown-Zeit etwas versüßen können. Ob das stimmt, oder ob der Rave Space nur Salz in die Wunde streut, wird sich am 23. April zeigen.


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