Konzerte & Party

Compilation: 5 Jahre TV Noir

TV-Noir

Es ist einer jener Momente, wo man vorher kaum hätte ahnen können, wie es einen hinterher gepackt haben würde. Einer der „TV Noir“-Momente, wo alles zusammengeht.
Ein junger Mann, Sechstagebart, verschatteter Blick gen Nirgendwo, am Bechstein-Flügel. Die Moll-Akorde schwingen sich höher und höher. Der Mann singt: „Wenn man die Augen zumacht, klingt der Regen wie Applaus.“ Vor ihm zwei Männer neben dem Piano. Der eine schlägt mit der Faust auf einem auf dem Klavier zusammengeknüllten Pullover den Klagepuls des Songs. Der andere schrubbt mit dem Boden eines Bierglases quietschend über die Klaviersaiten. Und als der letzte einsame Klavierton nachhallt, da lächelt der Mann am Flügel, er heißt Enno Bunger, seine Bandkollegen Bernd Frikke und Nils Dietrich an. Beinahe verlegen, fast ungläubig. Das war im Februar 2012. Im Netz ist es für immer. Der Schwarz-weiß-Clip, wo Staubpartikel im Scheinwerferlicht tanzen.
Es gibt viele solcher Momente bei der Musiktalkshow „TV Noir“, dem „Wohnzimmer der Singer-Songwriter“, von dem in Hamburg geborenen und in Starnberg aufgewachsenen Mathematiker, Talkmaster und Musiker Christoph „Tex“ Drieschner seit 2008 von einer Kreuzberger Fabriketage aus gesteuert, im Fernsehen bei ZDF Kultur zu sehen und monatlich im Heimathafen Neukölln aufgezeichnet. Die Karten sind meist sehr rasch vergriffen.
TV-NoirDas Konzept: zwei Gäste (einzeln oder als Band), eingehender Talk, Spielchen, dazu akustische Live-Songs, eine Coverversion ist auch immer dabei. Auf der Bühne lungert man auf einem Sofa oder im Sessel, die Stehlampe sieht aus wie von Mutti vorbeigebracht, auf dem Couchtisch liegt eine Häkeldecke. Wenn Wohnzimmer, dann richtig.
Es ist kein Zufall, dass die Compilation zum fünfjährigen „TV Noir“-Jubiläum, die jetzt als Doppel-CD oder Dreifach-Vinyl erscheint, mit 32 Stücken unter anderem von Selig, Me And My Drummer, Wir sind Helden, Thees Uhlmann, Kettcar, Pohlmann oder Rue Royal, dass diese Fünf-Jahre-CD mit Enno Bunger beginnt, mit dem Stück „Regen“.
Der erste Grund: die schiere Intensität des Momentes, der, wie Tex es sagt, „sehr für das steht, was uns ausmacht“. Die Haltung, die dahinter streckt. Musik mit offenem Herzen. Den Plastikpop einer Lady Gaga kann man sich nicht gut bei „TV Noir“ verstellen.
Zweiter Grund: ein Enno-Bunger-Konzert an einem trüben Herbsttag 2007. Als die Singer-Songwriter ihr Wohnzimmer bekamen.
Singer-Songwriter, das klingt nach jenen strikt sensiblen Jungs, die damals beim Ostseeurlaub am Lagerfeuer zur Wandergitarre melancholische Liebeslieder sangen, damit die schönsten Mädchen herumkriegten, von ihnen wieder verlassen wurden und darüber noch melancholischere Liebeslieder schrieben. Jungs, die später, als junge Männer irgendwie auch so aussahen wie Max Prosa, Philipp Poisel oder Gisbert zu Knyphausen, verträumte Schmerzensgesichter mit sehnsüchtigen Augen. Oder eben Enno Bunger.
TV-NoirAls er 2008 dieses Konzert spielte, kannte ihn kein Mensch, es würden nicht viele Leute zum Gig kommen. Irgendwer bat deshalb Tex kurzfristig hinzu. Spontan besorgte man Lebkuchen und Glühwein. Spontan auch die Eingebung, dass Tex vor dem Konzert Enno Bunger auf der Bühne interviewte. Einer von Tex’ Freunden, Sebastian Block, veranstaltete damals öfter kleine Singer-Songwriter-Abende, „Prima-Platten-Abende“ hießen die, da ging die Gitarre reihum.
Aus dieser Kombination entstand die Idee zu „TV Noir“. Anfangs aus dem Cafй Edelweiß am Görlitzer Park und auf dem Offenen Kanal Berlin. Und immer auch im Netz. 2009 gab es den Online-Grimme-Award. 2011 übernahm ZDF Kultur. Die eigene Konzertreihe, am 6. Dezember spielen Tim Neuhaus und Max Prosa im Astra, ist bereits in der zehnten Auflage.
Mittlerweile sind zu den deutschen Musikern auch einige internationale Gäste gekommen. Zum Teil, weil sie, wie Travis-Man Fran Healy, sowieso in Berlin wohnen. Aber nicht nur. William Fitzsimmons, dessen „Beautiful Girl“ auch auf der Fünf-Jahre-Compilation zu finden ist, kommt aus den USA.
Im kommenden Jahr soll „TV Noir“ vom Nachtprogramm in die Primetime wechseln. Die nächste Aufgabe ist dann, einen neuen Sender aufzutun; ZDF Kultur wird eingestellt, der genaue Termin steht noch nicht fest. Tex Drieschner ist aber optimistisch. Zum nächsten Aufzeichnungstermin im Heimathafen kommen am 15. Dezember voraussichtlich Judith Holofernes und Slut.
Wieder Zeit für Momente.

Text: Erik Heier

TV Noir Konzerte #10: ?Tim Neuhaus & Max Prosa, ?Astra, Fr 6.12., 20 Uhr, Tickets: ?16 Euro plus VVK (ausverkauft)

5 Jahre TV Noir: Die Compilation?, 2 CDs: 22 Euro; 3 Vinyl (inkl. 2 CDs), ?limitiert auf 100 Stück: 52 Euro. ?www.shop.tvnoir.de

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