Der Anti-Zeitgeist

Conor Oberst

Bittersüß: Conor Oberst singt maximaldepressive Klagelieder

Kein anderer hat sich 2016 dem Zeitgeist klanglich so kratzbürstig widersetzt wie Conor Oberst. Unter den herausragenden Platten letztes Jahr ist „Ruminations“ ein Solitär. Dabei hatte der Titel (in etwa „Grüblereien“) anderes verheißen. Das Nachsinnen in Endlosschleife ist Leitthema des Albums, aber aufgenommen hat Conor Oberst sein siebtes Album quick & dirty. Während Kritiker-Darlings wie Frank Ocean und Bon Iver (und Letzterer kommt ja nun wahrlich auch vom Folk) halbe Jahrzehnte lang schraubten und feilten an allen Details ihrer Tracks, die 2016 das Brandlicht der Welt erblickten, machte Conor Oberst kurzen Prozess: Er nahm „Ruminations“ innerhalb von 48 Stunden auf: Upright Piano, Folk-Gitarre, etwas Mundharmonika und natürlich Conor Obersts immer wieder brüchiger Country-Bariton. Und während zurzeit selbst so mancher Countrysänger (man denke an Kurt Wagner von Lambchop) mit Autotune-Stimmkorrektur experimentiert, setzt Oberst auf maximale Unmittelbarkeit: Wer die lyrisch spannenden Klageballaden hört, fühlt sich, als säße er direkt neben ihm auf der Klavierbank.
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Eine der traurigsten Zeilen: „Ja, ich traf Lou Reed und Patti Smith – und hab mich danach nicht anders gefühlt.“ Es sind diese schwer depressiven Tage, an denen sogar die Musik nur fast ein Trost ist.

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