Konzerte & Party

The Crazy World Of Arthur Brown im Roadrunner’s Paradise

crazyworld2_lrg-1Es ist ja nicht so, als wäre Arthur Brown 40 Jahre lang vom Erdboden verschluckt gewesen. Jener Mann, der mit The Crazy World Of Arthur Brown 1968 den Welthit „Fire“ landete, der 1973 mit seiner Band Kingdom Come die Rhythmusmaschine in den Rock brachte („Time Catives“) und dessen hysterischer Tenor 1976 zu den Höhepunkten auf Alan Parsons’ Album „The Tales Of Mystery And Imagination“ zählte. Es ist nur so, dass dieser Mann, der mittlerweile 71 Jahre alt ist und wahlweise in einer seiner mongolischen Jurten in England oder Portugal lebt, seither weitgehend unter dem Radar der Pop-Presse und auch der Plattenfirmen segelt.

Letztes Jahr aber, das ist verbürgt, war Arthur Brown fünf Tage lang bei uns zu Hause. Meine Lady Anja Caspary hatte ihn fürs Radio interviewt und anschließend gleich eingeladen. Und weil Arthur nicht nur in der weiten Welt unterwegs ist, sondern sich seinen Lebensunterhalt zeitweise auch als Gastsänger bei der tingelnden Hamburg Blues Band verdiente, saß das Rock-Urgestein schon bald auf unserem heimischen Sofa. Wir verbrachten angeregte Abende bei Rotwein, grünem Tee und Geschichten aus einer Zeit, die heute wider besseres Wissen oft mystifiziert wird oder aber auch gnadenlos vergessen. Man muss sich diesen Arthur Brown heute als eine großen, hageren Mann vorstellen, freundlich und voller Energie. Ein wenig wie Catweazle, ein Fernsehheld meiner Kindheit. Arthur Brown: „Den kannte ich gar nicht, Anfang der Siebziger, als das lief, war ich auf Tour oder auf Drogen.“ Fasziniert schaute er sich deshalb nun Folge um Folge aud DVD gemeinsam mit unserer Tochter an.

brown_liebingAuf der Bühne treibt es Arthur Brown bunt, privat aber kann man ihn durchaus auch entspannt und als interessierten Touristen erleben.

Seine eigene Kindheit in Yorkshire, England endete mit einem Pop-Wettbewerb an der Schule. Eine Flexi-Disc wurde produziert, die Arthur 1964 ermutigte, als Student und Sänger in London sein Glück zu suchen. Nach erfolglosen Wochen war er drauf und dran zurückzukehren, traf aber per Zufall den Toningenieur besagter Schul-Schallplatte in einem Taxi: „Arthur, wie wäre es, wenn wir ein Beat-Kingdom in Frankreich errichten?“, fragte dieser. „Wann?“ „In zehn Tagen geht es los.“ Ein halbes Jahr lang spielte Arthur mit seiner Blues-Band in Le Bus, einem Nachtclub in Montparnasse. Zweimal am Tag wurde aufgetreten, siebenmal die Woche. Beatmusik fand damals fast ausschließlich in solchen Etablissements statt. Und die wurden von der Mafia kontrolliert. „Man tat besser daran, immer starr geradeaus zu gucken, wenn bewaffnete Herren an einem vorbeiliefen.“ Neben dem Showgeschäft bekam Arthur so auch Einblicke in den Drogen- und Menschenhandel. „Mehrfach mussten wir erleben, wie Au-pair-Mädchen die Pässe abgenommen wurden. Es hieß, sie müssten zurück nach Hause, aber die Flüge gingen dann nach Afrika …“

In besagtem Nachtclub fand sich backstage auch eine alte Theaterkrone, an der Kerzen befestigt waren. Arthur hatte sein Markenzeichen gefunden. Später, nach London zurückgekehrt, wurde der Act perfektioniert. Nun balancierte er zu seinem Song „Fire“ eine größere, mit Benzin gefüllte Metallschale auf dem Kopf. Seinem Bühnenmanager kam die Aufgabe zu, im entscheidenden Moment und aus sicherer Entfernung ein brennendes Streichholz hineinzuwerfen. Neben tollen Feuereffekten brachte das dem Sänger zahlreiche Kopfverbrennungen ein. Aber sein wildes Augenrollen und die Feuershow zu den majestätischen Worten „I Am the God of Hellfire – and I bring You FIRE“ wirkten lange als Lehrbeispiele für Alice Cooper, King Diamond und selbst Rammstein.

Die psychedelischen Ausflüge und der tiefe Soul, aber auch die komödiantischen Elemente passten bestens nach Swinging London. Arthur residierte mit Pink Floyd, The Soft Machine und der Band Tomorrow im UFO-Club. Unter der Woche war das ein Irish Pub, nur sonnabends wurde der Laden für  erste Drogenexperimente und den Sound der Gegenkultur umdekoriert.   

brown_2_liebingMit dem überwältigenden „Fire“-Starterfolg hätte man von Arthur Brown eigentlich eine Weltkarriere erwartet, aber die Songrechte lagen nicht beim Sänger, sondern bei seinen umtriebigen Managern. „Kit Lambert steckte das Geld in England ein und Chris Stamp hielt an meiner Stelle die Hand in den USA auf.“ Ein anschließendes Angebot, ihn künftig besser zu beteiligen, schlug der Enttäuschte aus. Stattdessen gründete er die Progrockband Kingdom Come, zog später nach Texas, gründete eine Familie, wurde Zimmermann, bereiste Indien, verlegte sich auf Yoga und Esoterik und besann sich Ende der Achtzigerjahre zunehmend doch —wieder aufs Musikmachen. Auch The Crazy World Of Arthur Brown rief er erneut ins Leben, „das mache ich heute mit jungen Musikern, die haben Energie und Ideen.“

Und es ist beileibe nicht nur „Fire“, auf das man sich bei ihren Auftritten freuen kann. Vor allem die Version von Bob Dylans „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ ist großes Kino, wobei sich zeigt, dass die Endzeitvisionen des God of Hellfire sehr viel besser in unsere heutige Zeit passen als zu den Tagen, in denen man sich den Körper bunt bepinselte und noch an Liebe und Frieden glaubte. Auf den Feuerhelm aber wird man im Roadrunner’s vergeblich warten. „Der wird heute meist Opfer der Brandschutzbestimmungen. Dafür müssten die Veranstalter viel zu tief in die Tasche greifen.“ So wird Arthur Brown eben das Feuer in den Herzen der Menschen entzünden. Bei unserer Familie jedenfalls hat das schon prima geklappt. 

Fotos: Hagen Liebing (Mitte, unten)

The Crazy World Of Arthur Brown Roadrunner’s Paradise, Fr 15.11., 21 Uhr, VVK: 20 Ђ zzgl. Gebühr

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