Festival

CTM Festival 2017

Das diesjährige CTM Festival macht sich auf die Suche nach der Macht der Emotionen, die keine Kunstform so sinnfällig transportieren und abbilden kann wie die Musik

Foto: FA Schaap

Für ihn ist es Routine, für sie immer noch aufregend. Einmal ein Treffen von alten Freunden und Bekannten, ein andermal ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter. Das CTM Festival, auch das macht seinen Reiz aus, bietet sowohl für einen alten Hasen wie Robert Henke als auch für eine junge Musikerin wie Bao-Tran Tran eine Bühne.
Das CTM ist nach Selbsteinschätzung ein „Festival for Adventurous Music and Related Visual Arts“ und tatsächlich schon eine ganze Weile einer der besten Orte weltweit, an denen man Musik hören kann, die man so noch nicht gehört hat: Musik der Zukunft und – im besten Falle – sogar Musik, die einem neue Welten öffnet.
Diese Musik muss nicht notgedrungen elektronische Musik sein, mit der man das CTM immer noch vor allem verbindet. Dieses Vorurteil ist falsch, weil längst alle möglichen Genres und Klangerzeuger zu hören sind in der langen Winterwoche, die das Festival währt – andererseits aber auch richtig, weil heutzutage nun mal so ziemlich alles, was man so hört, irgendwie elektronisch erzeugt wird und Rockmusik tatsächlich nichts zu suchen hat auf dem CTM.

Henke, bekannt unter seinem Künstlerpseudonym Monolake, wird ebenso auf dem CTM spielen wie Tran unter ihrem Alias Mobilegirl. Ansonsten aber haben die zwei nicht viel gemeinsam. Sie ist 23, er 47. Sie nimmt die Tanzenden in ihren DJ-Gigs mit auf eine aufregende, disparate, aber elegant gemixte Reise durch die aktuellsten Entwicklungen der Club-Kultur. Er, einst einer der Protagonisten des lange mit Berlin vornehmlich assozierten Minimal Techno, entwirft mittlerweile weiträumige Klanglandschaften an der Grenze zum psychologischen Experiment. Zwar sind beide in München aufgewachsen und leben nun in Berlin, aber die 23-jährige Tran erst seit  gut 15 Monaten, der 47-jährige Henke dagegen seit 1999 – nicht zufällig dasselbe Jahr, in dem das erste CTM stattfand, damals noch als Anhängsel des Kunstfestivals Transmediale. Doch aus dem einstigen Club Transmediale ist das CTM geworden; das Festival hat sich emanzipiert und kooperiert nur noch punktuell mit der parallel laufenden Transmediale. Mittlerweile gehört das CTM zu den bedeutendsten Festivals seiner Art weltweit, stellt vollkommen unbekannte Acts neben Legenden wie Genesis P. Orridge und aufstrebende Stars wie Tanya Tagaq und hat ein zehn Tage dauerndes, voll gepacktes Programm.
Aus dem kleinen, intimen Klassentreffen von einst ist längst ein großes Event geworden, „ein Riesensprungbrett“ für jemanden wie Tran, die im vergangenen Jahr zum ersten Mal beim CTM aufgetreten ist. Henke, der nicht mehr zählen kann, wie oft er schon dabei war, ob als Künstler oder Besucher, dagegen spürt immer noch die Euphorie der ­Pioniertage, „diese Energie, die der Grund ist, warum ich das mache, was ich mache“.

Von Anfang an war das Festival mehr als nur ein Treffen von Musikern. Immer gab es auch einen theoretischen Überbau. „Fear. Anger. Love“ lautet das diesjährige Motto. „Wie kaum eine andere Kunstform ermöglicht ­Musik, Erfahrungen mit den zwiespältigen Wirkungen und Möglichkeiten von Emotion und bewusster Emotionalisierung zu machen“, erklären die Macher. „Wie unterscheiden wir also einen progressiven von einem reaktionären, den demokratischen von einem antidemokratischen Umgang mit Emotionen? Und was hat das alles mit Musik zu tun?“
Gute Frage. Sowohl Henke als auch Tran werden ihre Auftritte nicht ausdrücklich auf das Festivalthema ausrichten, aber sie beschäftigen sich schon mit Fragen, die die CTM-Kuratoren aufwerfen wollen. „Die ­Musik selbst mag neutral sein“, sagt Tran, „aber sie bekommt durch den Kontext, in dem sie steht, eine Bedeutung“. Henke ergänzt: „Es gibt eine Verbindung zwischen Hardcore-Techno und Gabba und tanzenden Faschos. Da kann man sich dann schon mal die Frage stellen, ob man Musik für solche Leute machen will.“ Noch eine gute Frage. Eine von vielen, für die man auf dem CTM nach einer Antwort suchen kann. Man kann aber natürlich auch einfach Musik hören – und ganz sicher auch tanzen.

CTM Festival Berghain, HAU, HKW und weitere Orte, Fr 27.1. – So 5.2., Tickets für Einzelveranstaltungen ab 10 €, Festivalpässe ab 130 €, www.ctm-festival.de

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