Konzerte & Party

Culcha Candela und ihr neues Album

Culcha Candela

tip Euer neuer Song „Scheiße aber happy“ ist eine selbstironische Ansage an eure Hater. Darin zählt ihr alles auf, was euch jemals vorgeworfen wurde. Könnt ihr manche Kritikpunkte verstehen?
Johnny Wir sind eine Band, die offen ist für alles, und deshalb haben wir Sachen ausprobiert, die wir im Nachhinein vielleicht besser gelassen hätten. Aber wir bereuen nichts.
Itchy Klar, manche Lieder müsste ich jetzt nicht noch mal schreiben. Die, die auf „a“ enden zum Beispiel. Bei unserem letzten Album „Flätrate“ sind wir auch etwas übers Ziel hinausgeschossen. Der Vorgänger „Schöne neue Welt“ war so erfolgreich gewesen, dass wir dachten, wir müssten noch melodiöser, noch eingängiger werden. Wir haben uns zu stark an dem orientiert, was damals in war. Es war halt eine komische Phase in unserem Leben. (lacht)

tip Ihr bereut es also doch ein wenig, so poppig geworden zu sein?
Johnny Nein. Im Endeffekt war das die richtige Entscheidung. Wir sind ja auch sozial engagiert und wenn man Leute dazu bringen will, sich für eine gute Sache einzusetzen, muss man sich in den Mainstream hineintrauen.
Itchy Durch unsere Bekanntheit achten die Leute jetzt mehr darauf, was für Charities wir am Start haben, und machen eher mal fünf Euro locker als vorher.

tip Was ist mit dem Vorwurf, eure Texte seien zu flach?
Johnny Vielleicht sind manche Sätze zu seicht. Das kann schon sein. Aber es gibt auch das gegenteilige Problem, dass Texte zu schwer sein können, zu Zeigefingermäßig, was oft noch schlimmer ist. Wir finden, dass Humor und positiver Vibe auch eine Message sein können.
Itchy Es gibt schon genug Heulbojen, die das viel besser können als wir. Traurig sein, meine ich. Was nicht respektlos gemeint ist. Aber wir sind halt eher die Gute-Laune-Armee.

Culcha Candelatip Manche sagen, ihr seid penetrant fröhlich.
Johnny Ständig nur das Schlechte in der Welt zu sehen ist einfach. Aber es ist nicht schlauer oder sinnvoller  als sich stattdessen auf das Positive zu konzentrieren.
Don Cali Klar ist das Leben nicht immer nur lustig und Party, aber das ist eben Einstellungssache. Man ist immer selbst für seine Stimmung verantwortlich.
Itchy Wir halten uns auf jeden Fall noch diverse Türchen zur Ernsthaftigkeit offen. Bei den Atzen mag das vielleicht nicht mehr gehen, wir sind aber mindestens ein Level drunter, was gute Laune angeht. Fakt ist aber auch, dass wir in unserer Anfangszeit viele Lieder mit Inhalt hatten. Die wollte aber keiner hören. Das sagt ja auch was über die Hörgewohnheiten von den Leuten aus.

tip Wenn man sich die deutsche Hip-Hop-Szene anschaut, sind gesellschaftskritische Texte aber wieder ziemlich im Kommen.
Don Cali Ich finde die Kritik, die da geäußert wird, oft nicht berechtigt. Wir leben ja nicht in den USA oder in anderen Ländern, wo Ghettos, Gewalt und extreme Armut viel verbreiteter sind. Natürlich gibt es auch in Deutschland sozialschwache Menschen, aber selbst denen geht es verhältnismäßig gut. Natürlich läuft hier nicht alles rund, aber man muss auch erkennen, in welcher Position wir hier sind. Wir befinden uns, was Lebensqualität betrifft, an der Spitze der Welt. Aber die Leute vergessen das, weil sie den Luxus gewöhnt sind.

tip Lasst uns zu guter Letzt noch über „Candelistan“ sprechen. Ich würde es als Back-to-the-Roots-Album bezeichnen. Es hat wieder mehr Reggae, mehr Latino-Klänge, mehr spanische Rap-Parts.
Johnny Ja, das ist es definitiv. Wir haben uns besonnen auf das, was uns in der Vergangenheit am meisten inspiriert hat und auch immer noch tut. Die Orishas aus Kuba zum Beispiel. Oder die französischen Hip-Hop-Gruppe Saпan Supa Crew. Mit denen waren wir früher auch schon auf Tour. Beide Bands sind als Features auf unserem neuen Album vertreten.

tip Die vielen Feature-Gäste haben mich überrascht. Wollt ihr damit eure beiden abtrünnigen Bandmitglieder ersetzen?
Itchy Nicht ersetzen. Aber wir waren früher so viele, dass einfach kein Platz war für Feature-Gäste. Jetzt hatten wir zum ersten Mal die Möglichkeit dazu und haben sie genutzt.

tip Warum sind Mr. Reedo und Larsito denn ausgestiegen?
Johnny Aus persönlichen Gründen. Mr. Reedo hat keine Lust mehr auf Musik und will einen ganz anderen Lifestyle einschlagen. Larsito wollte lieber solo was machen und sich da auszuleben. Wir waren lange Zeit zusammen. Da muss man viele Kompromisse eingehen.
Don Cali Es gab aber keine Probleme oder so. Wir haben uns nicht zerstritten. Das war ihre eigene Entscheidung. In Candelistan wird keiner gezwungen, irgendwas zu tun.

Interview: Henrike Möller

Fotos: Oliver Rath

Culcha Candela, Columbiahalle, Columbiadamm 13-21, Tempelhof, Mi 11.11., 20 Uhr, ?VVK: 32 Euro zzgl. Gebühr

Culcha Candela, Candelistan (Warner Music)

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