Konzerte & Party

D\Angelo in der Columbiahalle

D'Angelo

So richtig kann man es immer noch nicht fassen, aber es ist wahr: Das so lange herbeigesehnte neue Album von D’Angelo hat endlich das Licht der Welt erblickt. Nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt, sondern neun Tage vor Heiligabend. Als sogenannte Schläfer-Veröffentlichung, wie es im Fachjargon der Musikindustrie heißt, stellte man „Black Messiah“ einfach in die Läden. Ohne vorherige Heißlaufphase mit Singles, Interviews oder Werbekampagnen. Im ersten Moment erscheint das rätselhaft. Von D’Angelo hat man seit dem Jahr 2000 kaum etwas gehört. Bei ihm hätte sich der Aufbau des Comeback-Hypes geradezu angeboten.
D'AngeloAber es ist schon sehr wahrscheinlich, dass dieser Sänger es genau so klammheimlich, still und leise haben wollte. Er weiß schon lange, dass es besser ist, wenn man seinen eigenen Weg geht. Den ersten Wink in diese Richtung bekam er im Alter von 16 Jahren präsentiert. Als noch völlig unbekannter Youngster reiste er von Richmond im Bundesstaat Virginia nach New York, wo sich der Nachwuchs im Apollo Theater in Harlem bei den „Amateur Nights“ regelmäßig mit anderen Aspiranten messen kann. Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und Billie Holiday hatten dort ihre ersten Auftritte, und D’Angelo wollte es ihnen nachmachen. Einen herzlichen Empfang bereitete man ihm aber nicht. Als dem Publikum mitgeteilt wurde, dass er aus einer als provinziell empfundenen Gegend angereist war, gab es Buhrufe. Die Proteste legten sich aber rasch. Mit seiner Version von Johnny Gills „Rub You the Right Way“ gewann Michael Eugene Archer, wie D’Angelo eigentlich heißt, den Wettbewerb.
Fünf Jahre später erschien das erste Album „Brown Sugar“. Es enthielt unter anderem eine Version von Smokey Robinsons „Cruisin’“. Entscheidend ist aber der Rest des Materials. Mit ihm begann im Soul eine neue Zeitrechnung und hielt ein neuer Stil Einzug. Über die derbe Diktion in „Shit, Damn, Motherfucker“ war man erstaunt, doch sie war auch legitim. Erstens musste der Sänger die Tatsache verarbeiten, dass ausgerechnet sein bester Freund mit seiner Frau geschlafen hatte. Und dann war man als Soul-Sänger im Jahr 1995 einfach gezwungen, das Genre zu überarbeiten. Mit einem Doppel-Schwerpunkt, der sowohl den klassischen Einfluss eines Donny Hathaway, Al Green und Marvin Gaye als auch die Ansagen und Beats des HipHop mit einschließt, lag D’Angelo genau richtig. Der Boden für Großes war bereitet.
Aber schon damals hat er die günstige Situation nicht schamlos ausgenutzt. Nach der Veröffentlichung seiner ersten beiden Alben zog er sich lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Er konzentrierte sich voll auf die Musik und setzte sich keine Deadlines. Einige hielten ihn auch für größenwahnsinnig, weil er mit dem Gedanken spielte, alle Instrumente selbst zu spielen. Probleme mit der Disziplin erschwerten den Fortgang der Dinge zusätzlich. Anwälte, Manager, Familie und Freundin distanzierten sich von ihm, weil er seine Drogen- und Alkoholprobleme nicht in den Griff bekam. Erst nach einem Autounfall und einer Festnahme wegen Drogenbesitzes im Jahr 2005 merkte er, dass er etwas tun musste. Reumütig flog er nach Antigua und ließ sich in Eric Claptons Therapie-Center Crossroads behandeln.
D'AngeloAls er in New York zurück war, vergrub er sich erneut manisch in den Aufnahmeprozess. Wie das ablief, zeigen die Gesangsaufnahmen. D’Angelo hatte sich ein Tipi, wie er es nennt, eingerichtet. Einen Zeltaufbau im Studio, in dem man nur ihn selbst, einen Luftbefeuchter, ein Keyboard und einen Aschenbecher vorfindet. „Bei den Aufnahmen will ich alles ausblenden, was auf dieser Welt passiert. Ich will der Sache, so tief es geht, auf den Grund gehen und ungestört Sound erfinden. Jemand hat mir mal erzählt, wie es bei Sly Stone ablief. Sly hat die Kopfhörer abgenommen und sich voll in Geräusche vertieft, die sich zwischen den Lautsprechern aufbauten. Sie haben seine Aufnahmen besonders gemacht“, schwärmte D’Angelo bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte im Brooklyn Museum im letzten Frühjahr.
Der richtige Umgang mit dem Equipment ist auch einer der Gründe, warum „Black Messiah“ ein außergewöhnliches Album geworden ist. Nichts gegen gut eingesetzte digitale Ausrüstung, die bei vielen anderen Produktionen Sinn hat. Aber wenn man hört, wie dieser Sänger mit seinen Kollaborateuren Jesse Johnson an der Gitarre (früher The Time), Pino Palladino am Bass und Roots-Schlagzeuger Ahmir „Questlove“ Thompson am Schlagzeug aus analogen Bandmaschinen und Geräten diese unglaubliche Magie hervorzaubert, fühlt man sich wie im Nirwana.

Text: Thomas Weiland

Fotos: Gregory Harris

D’Angelo, Columbiahalle, ?Columbiadamm 13-21, Tempelhof, Sa 14.2., 20 Uhr, VVK: 51,90 Euro zzgl. Gebühr

Zur Person: D’Angelo
– 1974 unter dem bürgerlichen Namen Michael Eugene Archer als Sohn eines Pfarrers in Richmond, Virginia geboren
– 2000 sorgte der Sänger mit dem Video zur Single „Untitled (How Does It Feel)“, in dem er sich bis zur Lende nackt zeigt, für Freude unter den Fans.
– 2014 kam nach fast 15 Jahren Pause sein drittes Album auf den Markt

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