Konzerte & Party

Daniel Barenboim im Interview

Daniel Barenboim

tip Was hat das damit zu tun?
Daniel Barenboim Wir wollten uns mit einem Thema beschäftigen, das mit der Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert verbunden ist. Der Konflikt mit den Palästinensern ist das Hauptproblem der Juden heute, und dieses Problem ist von der Geschichte des Holocaust nicht ohne Weiteres zu trennen. Wir wollten allerdings kein Orchester, sondern nur einen kleinen Workshop machen und fingen mit der Suche in den arabischen Ländern an. Meine Überraschung war groß, als wir 200 Bewerbungen bekamen. Da habe ich gesagt: Dann müssen wir ein Orchester machen!

tip Haben Sie damals darüber nachgedacht, was mit dem Orchester passieren würde, wenn der politische Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern irgendwann gelöst sein würde?
Daniel Barenboim Gewiss. Wir haben gedacht, dann geht es erst richtig los! Und dass es gut sein würde, wenn wir dann schon einige Jahre vorher angefangen hätten. Heute betrachte ich das West-Eastern Divan Orchestra als das Wichtigste, was ich in meinem Leben überhaupt gemacht habe. Mir ist allerdings auch klar, dass dieses Orchester eigentlich nicht in Berlin oder in Sevilla seine Basis haben müsste – sondern in Ramallah oder Tel Aviv.

Daniel Barenboimtip Im Intendanzgebäude der Staatsoper entsteht derzeit ein neues Domizil für eine West-Eastern Divan Academy – eine Ausbildungsstätte. Wie können Sie sicherstellen, dass diese Institution über Ihr Leben hinaus Bestand hat?
Daniel Barenboim Das ist in der Tat ein Kernproblem. Ich kann nur sagen, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Strukturen und Funktionen über mein Leben hinaus fortbestehen zu lassen. Es geht nicht um meine Person. Sondern darum, dass die Musikerziehung einen höheren Stellenwert erhält. Man kann für Kinder nichts Besseres tun, als sie Musik ausüben zu lassen. Von früh an. Und auch später noch. Musik ist die am stärksten menschenbildende und verständnisfördernde Kraft, die ich mir denken kann. Warten wir es ab. The proof of pudding is in the eating.

tip Mit Gidon Kremer haben Sie kürzlich ein putinkritisches Konzert im Kammermusiksaal gegeben. Mit der Putin-Freundin Anna Netrebko geben Sie demnächst ein Benefizkonzert zugunsten der Staatsoper. Wie passt das zusammen?
Daniel Barenboim Lassen Sie mich eine Gegenfrage stellen: Haben Sie nur Kontakt mit Leuten, die so denken wie Sie?! Man kann niemals breit genug kommunizieren und Kontakte knüpfen. Übrigens: Wie ist der Westen umgegangen mit Russland seit dem Fall der Mauer? Sehen Sie darin eine einheitliche Linie? Die Russen gehen seit Katharina der Großen mit der Idee eines Imperiums um. Ab welchem Punkt soll man aufhören, mit ihnen zu reden? Sie können einen solchen Punkt vielleicht willkürlich festlegen. Aber ich will das nicht. Ich glaube nicht, dass zum Beispiel der 11. September hätte geschehen können ohne den Zusammenbruch der Sowjetunion. Das sind alles viel zu komplexe Fragen, als dass man sie auf solch einfache Punkte reduzieren könnte.

tip Weshalb sind Sie, anders als andere große Dirigenten, die hier gearbeitet haben, nach Berlin gezogen?
Daniel Barenboim Na ja, zumindest Claudio Abbado besaß schon eine Wohnung am Ludwigkirchplatz. Meine Familie und ich sind 1991 nach Berlin gezogen, als unser ältester Sohn acht und der Kleine sechs Jahre alt war. Das war ein wichtiger Aspekt. Bei mir ist es so, dass ich nicht irgendwo arbeiten und keinen Kontakt mit meiner Familie haben will. Aber es ist wahr, dass es früher unter Künstlern nur zwei Meinungen über Berlin gab. Die eine besagte: Berlin ist schrecklich. Schlechtes Wetter, im Winter ist alles dunkel. Damals war die Stadt geteilt und man befand sich inmitten eines Sees von Kommunismus. Dann gab es noch eine zweite Kategorie von Künstlern. Sie fanden hier eine besondere Kreativität und Offenheit. Ich gehörte zu dieser zweiten Kategorie.

tip Sie sind zwei Mal fast Chef der Berliner Philharmoniker geworden. Jetzt sucht dieses Orchester wieder einen neuen Chef – als Nachfolger von Simon Rattle. Rechnen Sie sich Chancen aus?
Daniel Barenboim Die Berliner Staatskapelle ist das letzte Orchester, dem ich als Chef dienen will. Ich werde es nie aufgeben, für nichts und niemanden. Es sei denn, ich habe das Gefühl, es reicht – oder man sagt mir, dass es reicht. Ich bin nicht nachtragend. Die Berliner Philharmoniker werden selber entscheiden können, was das Beste für ihre Zukunft ist.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Fotos: Pail Schirnhofer / Decca

West-Eastern Divan Orchestra, Waldbühne, So 24.8., 19 Uhr (Einlass 17 Uhr), ?Karten-Tel. 47 99 74 77

Daniel Barenboim, Staatskapelle, Gustavo Dudamel: Johannes Brahms, Konzerte für Klavier und Orchester, Philharmonie, ?Di 2.9., 19 Uhr, Mi 3.9., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

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