Konzerte & Party

Daniel Barenboim im Interview

Daniel Barenboim

Das Waldbühnen-Konzert von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra wirkt wie die Antwort auf die jüngste Invasion Israels im Gazastreifen. Barenboims Haltung im jüngsten Nahostkonflikt ist eindeutig: Für ihn ist das israelische Militär ein „Besatzer“, die Palästinenser sieht er als „Besetzte“. Mit dem West-Eastern Divan Orchestra gründete Daniel Barenboim (71) vor 15 Jahren ein arabisch-israelisches Ensemble, das demonstrieren soll, dass man nicht unbedingt einer Meinung sein muss, um produktiv zusammenzuarbeiten.

tip Herr Barenboim, bei Ihrem jährlichen Waldbühnen-Konzert spielen Sie vor Leuten, die niemals in die Philharmonie kommen würden. Ist das für Sie der besondere Kick?
Daniel Barenboim Ich bin gar nicht so sicher, dass es ist, wie Sie sagen. Kennen wir die genauen Ziffern? Ich nicht. Ich glaube, dass kein absoluter Unterschied besteht zwischen Leuten, die in die Waldbühne gehen, und solchen, die in die Philharmonie kommen. Ich freue mich einstweilen über jede volle Waldbühne!

tip Die Waldbühne als historisches Bauwerk wurde 1936 als Thingstätte von den Nazis errichtet. Stört Sie das nicht?
Daniel Barenboim Wenn Sie Bauwerke danach einteilen, ob sie von den Nazis errichtet wurden oder nicht, müssen Sie ziemlich viele Orte meiden. Zum Beispiel den Flughafen Tempelhof. Ich finde, wenn man sagt, ich gehe nicht in die Waldbühne, weil sie von den Nazis gebaut wurde, dann gibt man den Nazis irgendwie recht. Man muss hingehen, um dort etwas anderes zu tun.

Daniel Barenboimtip So, wie Sie auch Wagner nach Israel bringen wollen?
Daniel Barenboim Ein bisschen so. Aber noch anders. Dafür, Wagner nicht in Israel aufzuführen, gibt es, wie mir scheint, in Wirklichkeit keinen rationalen Grund mehr. Aber es gibt, was ich gut verstehe, Überlebende, die mit Wagner schreckliche Assoziationen verbinden. Warum sollte man ihnen Leid zufügen? Bloß: Wenn man mir sagt, die Leute leiden in Haifa, weil du in Tel Aviv Wagner spielst, dann glaube ich, ist eine fragwürdige Politisierung im Gange. Dagegen bin ich.

tip In der ausverkauften Waldbühne finden 22?000 Besucher Platz. Werden dabei selbst Sie nervös?
Daniel Barenboim Was soll ich Ihnen sagen?! Ich trete seit über 60 Jahren öffentlich auf. Wenn man an einem Ort Mozart und Ravel spielt, wo klassische Musik etwas sehr Ungewöhnliches ist, habe auch ich das Gefühl, den Leuten etwas Besonderes geben zu können, was sie sonst dort nicht bekommen. Vor allem habe ich das Gefühl, dass diese Menschen uns Musikern etwas zurückschenken, das für uns total ungewöhnlich ist.

tip Werden Sie nie nervös?
Daniel Barenboim Nur wenn ich müde oder wenn ich hungrig bin. Ich liebe es, auf der Bühne zu sein. Ich habe den Vorzug, dass ich mich beruflich bei meiner Lieblingsbeschäftigung beobachten lassen kann.

tip Sie gelten politisch als demokratischer, musikalisch als eher autokratischer Künstler. Ist das kein Widerspruch?
Daniel Barenboim Ich bin nicht hart. Trotzdem muss ein Dirigent – sogar heute, wo die Orchester viel besser geworden sind als früher – die Fähigkeit haben, 90 Musiker das Gleiche denken zu lassen: über die Musik. Es gibt für jede Stelle 9?751 musikalische Möglichkeiten, von denen man nur jeweils eine realisieren kann. Welche das ist, muss der Dirigent vermitteln. Ich muss einem Orchester eine kollektive Lunge geben. Und überzeugen. Um das zu tun, muss ich genau wissen, was ich will und wie man es erreicht, sonst hat die Unterbrechung der Probe keinen Sinn. Das muss ich tun, und ich tue es.

Daniel Barenboimtip Wie viel reden Sie als Dirigent gegenüber einem Orchester?
Daniel Barenboim Karajan hat mir einmal gesagt: „Ein Dirigent muss nur sechs Wörter können: ‚lauter‘, ‚leiser‘, ’schneller‘, ‚langsamer‘, ‚länger‘ und ‚kürzer‘. Mehr nicht.“ Eigentlich stimmt das auch. Und es kommt erschwerend hinzu: „Langsamer“ und „schneller“ kann ich zeigen. „Lauter“ und „leiser“ auch. Also brauche ich als Dirigent eigentlich nur zwei Wörter. „Länger“ und „kürzer“. Allerdings befürchte ich, dass ich in Wirklichkeit heute mehr rede denn je. Weil ich mehr mitteilen möchte.

tip Ihr West-Eastern Divan Orchestra wurde vor 15 Jahren gegründet. Ein krummes Jubiläum!?
Daniel Barenboim Ja. Die Legende besagt, dass Edward Said und ich dieses Orchester 1999 gründen wollten. Das stimmt aber nicht. Ich selber kannte damals weder den Umfang noch die Qualität des Musiklebens in den arabischen Ländern. Den Impuls haben nicht Said oder ich gegeben, sondern Bernd Kaufmann, der damalige Leiter der Kulturhauptstadt Weimar. Weimar war tatsächlich ausschlaggebend. Weil die Stadt das Beste und das Schlechteste auf sich vereinigt, was Deutschland zu bieten hat: Goethe auf der einen Seite und Buchenwald auf der anderen.

Fotos von oben nach unten: Monika Rittershaus, Felix Broede (Deutsche Grammophon), Ben Ealovega (Decca)

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren