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Gespräch mit dem Dirigenten Daniel Barenboim über das Konzert des West-Eastern Divan Orchestra in der Waldbühne

„Ich bin Berliner, aber kein Deutscher“ – Daniel Barenboim über das Waldbühnenkonzert mit Debussy und Tschaikowsky – und sein Dasein im Exil

Foto: Christian Mang

Daniel Barenboim geboren am 15. November 1942 in Buenos Aires, ist einer der wichtigsten und mächtigsten Klassik-Künstler der Gegenwart. Fast alle seine ehemaligen Assistenten haben international wichtigste Positionen inne (z.B. Antonio Pappano am Covent Garden, Philippe Jordan in Paris etc.). Ursprünglich Pianist, wandte er sich früh dem Dirigieren zu. Nach Positionen beim Orchestre de Paris und beim Chicago Symphony Orchestra wurde er 1992 Chefdirigent der Berliner Staatsoper. In erster Ehe war Barenboim mit der Jahrhundert-Cellistin Jacqueline du Pré verheiratet (die 1987 starb). Mit der Pianistin Elena Bashkirova hat er zwei erwachsene Söhne, die hauptberuflich musizieren. Er wohnt in Berlin.

tip Herr Barenboim, Sie führen Claude Debussys „La mer“ in der riesigen Waldbühne auf. Bräuchte man dafür nicht einen geschlossenen Raum, in dem sich seine impressionistischen Klangwellen entfalten können?
Daniel Barenboim Ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass leise Musik besser im Freien klingt. Bei den zarten Klängen von Debussy, die fast im Raum verdämmern, kommen die Zuhörer uns mit den Ohren gleichsam entgegen. Laute Musik dagegen braucht geschlossene Räume, so dass beim Fortissimo das Dach abhebt. Ich würde zum Beispiel Bruckners Symphonien nur in geschlossenen Sälen aufführen. Als ich einmal Bruckners Neunte in der St. Paul’s Cathedral in London dirigierte, habe ich erst verstanden, dass die langen Generalpausen bei diesem Komponisten den Sinn haben, den langen Nachhall hörbar zu machen. Das alles kann Ihnen in der Waldbühne nicht passieren.

tip Die Geigerin Lisa Batiashvili, die bei Ihnen das Tschaikowsky-Violinkonzert spielt, ist die von Ihnen vielleicht meistbeschäftigte Konzert-Solistin. Was ist das Besondere an ihr?
Daniel Barenboim Die anderen waren nicht verfügbar. (lacht) Im Ernst: Ich musiziere sehr gern mit ihr, weil sie eine Ausnahmekünstlerin ist, die ihr Instrument total beherrscht. Noch wichtiger: Sie ist nicht eindimensional. Sie hat die Fähigkeit, sehr energetisch und temperamentvoll, aber zugleich ungeheuer intim zu spielen. Das ist heute bei vielen Musikern ein Problem.

tip Was meinen Sie damit?
Daniel Barenboim Unser Humanismus heute, glaube ich, ist nicht stark genug ausgeprägt. Die Empfindung ist oberflächlicher als sie es je war. Ich bin durchaus kein Freund der Auffassung, dass früher alles besser gewesen ist. Dennoch leiden wir in hohem Maße an unserem Materialismus. Die Definition von Freiheit etwa, mit der wir uns zufrieden geben, stammt aus den USA und beschränkt sich darauf, alles verkaufen und alles kaufen zu dürfen was man will. Das ist viel zu wenig.

tip Sind Sie jemals mit einem Solisten richtig aneinandergeraten?
Daniel Barenboim Nein, denn ich gehe an einen Solisten nicht mit der Frage heran, was ich an ihm ändern könnte. Ich möchte verstehen, was er anzubieten hat. Das ist wie ein Gespräch, bei dem es auch nicht ausschließlich darum gehen kann, die eigene Meinung durchzusetzen. Mit guten Musikern, ehrlich gesagt, findet man immer einen Weg. Worum es mir geht, ist dennoch eine Art interpretatorischer Einheit. Zwar voller Kontraste. Aber doch einheitlich.

tip Können Sie die technische Seite einer Geigerin überhaupt voll beurteilen, da Sie doch selber Pianist sind?
Daniel Barenboim Das macht keinen Unterschied. Ich habe, als ich Kind war, ebenso Geige und Cello gelernt. Und vergessen Sie nicht, dass ich viele Jahre lang mit einer großen Cellistin verheiratet war (Jacqueline du Pré, Anm. d. Red.). Von ihr habe ich viel über Fingersätze und über die technische Seite von Streichinstrumenten gelernt. Zum Beispiel, wie sehr es darauf ankommt, eine Phrase auf einer einzigen Saite zu spielen. Und dass unbequeme Fingersätze oft besser sind, weil man so andere Farben erzeugen kann. Das Unbequemere ist besser.

tip Was halten Sie von Perfektion in der Musik?
Daniel Barenboim Ich glaube, Sie werden keinen Musiker finden, der Unsauberkeiten beim Spiel gut findet. Nur: Perfektion ist ein Begriff, der mit Ausdruck wenig genug zu tun hat. Genauigkeit ist wichtig, aber sie ist nicht das Ende. Sondern nur der Anfang.

tip Das West-Eastern Divan Orchestra ist vor einigen Jahren nach Berlin umgezogen. Haben Sie Musiker im Ensemble, die als Flüchtlinge nach Berlin gekommen sind?
Daniel Barenboim Wir haben zwei oder drei Musiker in der Akademie, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Sie spielen dann auch im Orchester. Die meisten unserer Mitglieder leben im Exil. So wie auch ich. Nur gibt es natürlich unterschiedliche Sorten des Exils. Meine besteht darin, dass ich in Berlin eine Nische gefunden habe. Ich bin zwar kein Deutscher, sehe mich aber als Berliner.

Waldbühne Glockenturmstr. 1, Westend, So 19.8., 19 Uhr,
Karten 25 – 75 €

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