Konzerte & Party

Daniel Lanois im Heimathafen Neukölln

Daniel Lanois

tip Mr. Lanois, wer behält denn in diesem Kampf die Oberhand? Der Mensch oder die Maschine?
Daniel Lanois?Auch wenn ich mir natürlich einbilde, selber der Boss zu sein, siegt am Ende immer der Veranstalter. (lacht) Meine neue Philosophie ist, die Technologie als Teil meiner Kunst wirklich zu umarmen und das auch auf der Bühne zu zeigen. Früher wollte keiner wirklich wissen, wie etwas funktioniert, alles sollte möglichst nahtlos und unsichtbar ineinanderfließen. Aber ich sage nicht ohne Stolz, dass ich einen Großteil meines Lebens mit Maschinen verbracht habe und gelernt habe, sie zu verstehen und zu respektieren. Ohne sie könnte ich all das nicht tun, was ich tue. Das feiere ich auf der Bühne, wo man mich nicht an den Instrumenten findet, sondern am Mischpult. Ich hole das Studio ans Licht.

tip Das ist ja nun ganz untrendy, denn junge Produzenten geben ja derzeit gerne mit ihrem Secondhand-Analog-Equipment an und wollen mit den digitalen Zaubertricks nicht viel zu tun haben.
Daniel Lanois Ich bin doch selber die Antiquität hier. Nein, im Ernst: Gerade in der Verbindung von moderner Technologie und echten Instrumenten erkennt man, wer ich bin und was ich tue, ich habe immer meine Pedalsteel-Gitarre dabei.

tip Es sind ja gerade Neotraditionalisten wie Jack White, Dan Auerbach und auch Mark Ronson, die die Brücke zwischen Roots und Pop schlagen.
Daniel Lanois Ich weiß genau, was die machen. Gerade gestern hat mich Dan Auerbach angerufen, damit ich mir seine neue Musik anhöre. Ich respektiere sie durchaus, aber hör dir mal von Muddy Waters „Electric Mud“ an, und dann sprechen wir noch mal über die Black Keys.

tip Die haben aber den Erfolg damit.
Daniel Lanois Ich hoffe es für sie. Am Ende aber suchen wir alle nach Soulmusik – und damit meine ich nicht alten R’n’B, sondern Musik, die einen guten Grund hat, zu existieren.

Daniel Lanoistip Ist Brian Eno eigentlich schuld daran, dass Sie keine Popsongs mehr schreiben wie noch vor zehn Jahren?
Daniel Lanois Er ist in erster Linie ein Soundexperimentierer, und dieser Teil in mir wurde mit Sicherheit durch ihn befördert. Er ist zudem ein toller Sänger, wir haben zum Beispiel alle Backgroundvocals auf den U2-Alben gemeinsam gesungen, und bis heute geht er jeden Mittwochabend zu seiner Singgruppe in der Nachbarschaft. Er glaubt fest daran, dass Singen gut für den Körper und die Seele ist. In den Jahren 79 bis 83 wurde die Studioarbeit völlig neu bewertet, es wurde viel experimentiert, und darin war er mir ein Mentor. Unsere gemeinsame Arbeit hat dazu geführt, dass andere Künstler auf mich als Soundinnovator aufmerksam wurden. Aber unabhängig davon ist er ein guter Freund und smarter Typ.

tip Welche Rolle spielt die Pedalsteel-Gitarre? Hat sie in Bezug auf mentale Gesundheit eine Bedeutung?
Daniel Lanois Das ist ein wichtiger Punkt: Am Ende lautet doch die wichtigste Frage: Was gefällt dir, was erdet dich? Manche Menschen müssen einen Berggipfel erklimmen, in tiefe Höhlen rufen oder sich andere Zufluchtsorte suchen, um in der Stadt nicht verrückt zu werden. Ich habe schon mit neun Jahren die Pedalsteel für mich entdeckt. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es war nicht leicht, sie zu lernen, und wie ein Klavier oder eine Violine hat sie nichts mit Elektronik zu tun. Wenn ich sie nicht spiele, fange ich an zu rosten. Ich bin darauf immer besser geworden, und nichts auf der Welt – egal wie hip, cool oder von den Black Keys abgesegnet etwas ist, es ist davon vollkommen unabhängig. Ich muss nur das Instrument ölen, mich selber auch, und los geht’s.

tip Heute treten nahezu alle Künstler mit -In-Ear-Headphones auf, die man kaum sieht. Sie trugen noch lange diese großen Kokosnussschalen… wollen Sie immer noch an die Spitze der Headphone-Charts mit Ihrer Musik?
Daniel Lanois Auf jeden Fall, das nehme ich mit. Lass mich Jimmy Iovine anrufen, den Erfinder der „Beats“-Headphones. Musik hat doch die Kraft, mit Kopfhörern in völlig andere Dimensionen zu tragen. Eine der großen Fluchten, die wir haben, möge sie für immer erhalten bleiben, und sollte ich einem anderen so einen Flug ermöglichen, dann ist das ein großes Kompliment.

Interview: Christine Heise

Foto oben: Margaret Marissen

Foto unten: David Leyes

Daniel Lanois, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, Neukölln, Do 9.4., 21 Uhr, ?VVK: 27 Euro zzgl. Gebühr

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