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Klavier

Daniil Trifonov – Artist in Residence bei den Berliner Philharmonikern

Glitzer und Glycerin: Der Pianist Daniil Trifonov, 27, gehört locker zu den fünf aufregendsten Klassik-Musikern der Welt. 2019 ist er Artist in Residence bei den Berliner Philharmonikern

Foto: Dario Acosta

Der Kerl muss mehrfach vorhanden sein. Kein anderer Pianist tanzt derzeit auf so zahlreichen Hochzeiten, brilliert auf so vielen Festivals quasi gleichzeitig und lässt sich feiern. Er kann es sich leisten. Selbst Geigen-Übermutter Anne-Sophie Mutter outete sich, den heute 27-Jährigen schon lange gestalkt zu haben, bevor sie ihn für eine gemeinsame Aufnahme zu fassen bekam. Diese allerdings ist die bei weitem entbehrlichste unter den CDs des kontroversen Künstlers. Er gehört zu den aufregendsten Fünf überhaupt.

Kaum vorstellbar, dass Trifonov 2010 nur Dritter wurde beim renommierten Chopin-Wettbewerb. (Die Sieger hat er längst überholt.) Glitzeriger, glycerinhaft transzendenter ist kein Anschlag. Das prickelt, perlt und rauscht bei vollkommener Transparenz durch alle Lagen.

Da Trifonov ein guter Repertoire-Programmierer ist, aber doch traditionsverbundener Russe, wagt er sich über die Granden des slawischen Fachs selten hinaus. Er schwört auf einheimische Legenden wie Sergei Rachmaninov, Ignaz Friedman und Vladimir Horowitz. Er liest auch lieber, als dass er postet. Und zwar die alten russischen Säcke wie Dostojewski, Tolstoi und Alexander Kuprin.

Aus Nischni Novgorod gebürtig (wie vor ihm die Piano-Kollegen Vladimir Ashkenazy und neben ihm Igor Levit), stammt Trifonov aus einer eingefleischten Musikerfamilie. Vater Komponist, Mutter Musikwissenschaftlerin. Klavier wurde so nebenbei gespielt. Um den Sohn am Gnessin-Institut studieren zu lassen, zog die Familie nach Moskau um. Dann ist er doch ausgebüchst. In Cleveland wurde er Schüler von Sergei Babayan. Maßgeblich gefördert hat ihn Martha Argerich. Allein für Trifonovs Adressbuch würde andere Pianisten morden.

Der massive Schwitzer verausgabt sich jedes Mal maßlos, scheint beim Spielen weitgehend in Trance. „Das Sehen ist nicht so wichtig“, meint er im Hinblick auf den klatschnassen Haar-Vorhang, hinter dem er die Augen verdreht. „Nur die Ohren sind es.“ Im Übrigen: Zu viel Entspannung sei auch nicht gut. „Wenn man innerlich loslässt, geht gleich etwas schief“, so Trifonov.
Wer eher altmodisch drauf ist, muss doppeltes Tempo vorlegen. Klar, dass Trifonov längst nach New York umgezogen ist. Für seine Berliner Residency hat der Mann mit der Schnittlauch-Frisur einen Soloabend mit Prokofieff, Beethoven und Schumann (21.2.), außerdem das Klavierkonzert von Scriabin (20.–22.6.) sowie Kammermusik (23.6.) herausgesucht. Alles noch lange hin.

Als Klavierbegleiter wäre er der Welt längst abhanden gekommen, würde der in Berlin lebende Bariton Matthias Goerne sich nicht von Zeit zu Zeit vehement ans Telefon hängen. Dann spurt das Bürschchen. Der Liederabend, den die beiden mit Robert Schumanns „Dichterliebe“, mit Hugo Wolf und Schostakowitsch geben, wäre ohne diese Hartnäckigkeit kaum zu erklären. Der Auftritt ist eines der wenigen Beispiele dafür, wo der Begleiter eigentlich wichtiger als der Solist ist.

Kammermusiksaal der Philharmonie Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten, So 6.1., 20 Uhr, mit Matthias Goerne, Karten 20 – 45 €

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