Konzerte & Party

Das Berlin Festival 2011

Berlin Festival

Was herrschte damals nicht für eine Aufregung, als sie zum ersten Mal Alarm machten! „House of Jealous Lovers“ war eine Hymne mit hysterischem Gesang, unerbittlichem Beat und wildem Gestus. Im Jahr 2002 hatten ja alle endgültig genug von den Neunzigern, von düsterem Rock und schnurgeradem Techno. Man wollte einen anderen Sound. Da kamen The Rapture (Foto links) mit ihrem Punk-Funk gerade recht. Und jetzt? Vor wenigen Monaten noch musste man überlegen, wo diese Band eigentlich abgeblieben ist. Erst ein kurzer Berlin-Besuch im Sommer brachte Klarheit: Es gibt die Band noch. Aber nicht mehr in der Besetzung, die man kennt. Bassist Matt Safer ist ausgestiegen. Sänger und Gitarrist Luke Jenner war zwischenzeitlich auch für einige Monate draußen. „Es war einfach mal an der Zeit, kräftig durchzupusten„, erinnert er sich. „Vorher gab es dafür jahrelang keine Gelegenheit. Wir waren ständig in irgendeiner Form mit der Band beschäftigt und kamen nicht dazu, über das zu reden, was über uns hereingebrochen ist. Ich für meine Person musste mal weg von diesem Wahnsinn und überlegen, ob es das alles noch wert ist.“ Jenner, ein Gründungsmitglied von The Rapture, entschied sich am Ende doch für die Band. Dass sich das Binnenklima unter den verbliebenen drei Mitgliedern verbessert hat, hört man dem Album „In The Grace of Your Love“ deutlich an. Statt Berserkerei geht es jetzt um Gefühl und Soul.
The RaptureThe Rapture ist nicht die einzige Band aus den Nullerjahren, die in letzter Zeit mit Krisen zu kämpfen hatte. Das liegt daran, dass Musiker heute generell anderen Drucksituationen ausgesetzt sind. Früher mussten sie sich dem Mammutprogramm der Plattenfirma mit permanenten Interviews oder Videodrehs beugen, damit ein PR-Effekt entstand und aus einer Band so viel wie möglich herausgeholt werden konnte. Heute versprechen nur Auftritte ohne Ende eine Überlebensgarantie. Das geht früher oder später an die Kondition und nagt an der Kreativität, wovon auch Lovefoxxx von CSS ein Lied singen kann. Drei Jahre lang war die brasilianische Band ununterbrochen unterwegs, das zweite Album „Donkey“ wurde on the road geschrieben und dann schnell aufgenommen. „Wir lieben es wirklich, auf der Bühne zu stehen. Aber wenn du es damit übertreibst, läufst du nur noch wie ein Zombie herum. Das Letzte, was die Leute sehen und hören wollen, ist eine erschöpfte Band, die darüber singt, wie erschöpft man ist.“ So etwas wollten sich die Südamerikaner wirklich nicht auf Dauer antun. Das Jahr 2009 verbrachten sie mit Faulenzen. Jetzt kehren sie mit einem Album zurück, das „La Liberaciуn“ heißt und wieder unbekümmert wirkt. Es geht um Befreiung und um die Gewissheit, wieder das zu tun, was man will. Als Gast mit dabei: Rock-Randalierer Bobby Gillespie von Primal Scream in einem Reggae-Popsong, der gewisse Ähnlichkeiten mit Blondies „The Tide Is High“ hat.
BattlesAuch Battles (Foto rechts) haben einen prominenten Mitarbeiter für ihre Sache gewinnen können. Gary Numan unterstützt die Band mit seinem charakteristischen Gesang. Bevor das dazugehörige Album „Gloss Drop“ im Kasten war, mussten die New Yorker Avantgarde-Rocker aber erst einige Stresssituationen meistern. Auslöser war der Ausstieg von Gitarrist und Sänger Tyondai Braxton, der lieber im Studio arbeiten wollte, und das alleine. Allerdings fiel dem Sohn von Avantgarde-Jazzer Anthony Braxton das nicht sofort ein. Er beteiligte sich noch an den Aufnahmen zur Urversion des neuen Albums und verkündete seinen Abschied erst, als die Deadline bedrohlich näher rückte. Für Schlagzeuger John Stanier war das Fluch und Segen zugleich. „Ehrlich gesagt waren wir alle nicht mit der ersten Version des Albums zufrieden. Wir entschieden uns deshalb, ohne Ty noch mal komplett neu anzufangen. Dafür hatten wir vier Monate Zeit. Es war wie in einem Actionfilm, in dem am Ende die Zeitbombe tickt. Garys Beitrag kam in der letzten möglichen Nacht per Mail“, erinnert sich Schlagzeuger John Stanier, der schon aus seiner Zeit bei Helmet einigen Ärger gewohnt ist. Etwas harmonischer lief es bei Clap Your Hands Say Yeah ab. Hier widmeten sich alle Mitglieder des Quintetts nach dem letzten Album „Some Loud Thunder“ eigenen Projekten. „Man kann es nicht immer erzwingen, dass alles wie aus der Pistole geschossen kommt. So eine Band ist die Gelegenheit des Lebens, da sollte man schon mit etwas Überlegung zu Werke gehen“, findet Sänger Alec Ounsworth. Mit dem neuen Longplayer „Hysterical“ melden sich CYHSY fulminant zurück: Das verbindet sie mit The Rapture, CSS, Battles, Beirut, Hercules & Love Affair und womöglich auch Santigold, bei der man wirklich gespannt ist, was nach ihrem wunderbaren Debüt als Nächstes kommt.

Text: Thomas Weiland

Foto oben: Berlin Festival

Foto „The Rapture“: Ruvan Wijesooriya

Foto „Battles“: Javon Frank Rothenberg

Berlin Festival mit Beginner, Suede, Primal Scream, dEUS, Mogwai, The Black Angels, Aloe Blacc u.v.a.

Flughafen Tempelhof, Fr 9. + Sa 10.9., 14 Uhr (ab 24 Uhr Arena) Berlin Music Week Ticket: (vier Tage): 97 Euro, 2-Tage-Festival-Ticket: 81 Euro, Tagesticket: 48 Euro, www.berlinfestival.de

Next big things?
Neben etablierten Bands wie Suede, Primal Scream oder Beginner kann man im Rahmen des Berlin-Festivals auch interessanten Newcomern zuhören. Unter dem Namen Tune-Yards bastelt eine Kanadierin an eigenwilligem und charmantem Afro-Art-Pop. Gesaffelstein ist ein stilvoll in Schwarz auftretender Franzose, der mit Einflüssen aus Ur-Techno und
teutonischer Dark Wave Farbe in die Tanzmusik bringt. Bag Raiders sind nach Cut Copy und Midnight Juggernauts die nächsten Australier, die mit elektronischem Pop punkten. Das Duo Mount Kimbie paart Dubstep mit Live-Gitarren. Und dann wäre da noch Großmaul Casper, der mit seinem Debütalbum „XOXO“ gerade an der Spitze der deutschen Charts gelandet ist. Der Sound des Ostwestfalen schwankt zwischen Emo-Rock und Morrissey, auf der Bühne ist er eine Rampensau.

Lesen Sie hier: Die Berlin Music Week 2011

Die tip-Online-Redaktion ist übrigens über beide Tage auf dem Festival vertreten und berichtet über facebook und twitter live vom Festival. Mit einem Kamera-Team fangen wir – wie schon im letzten Jahr – die Stimmung unter den Fans ein.
Selbstverständlich gibt es auch in diesem Jahr wieder unsere Kicker-Lounge in Zusammenarbeit mit 5meter – der Plattform für Kicker und Kultur. An den Tischen kann man nicht nur gegen Freunde, Bekannte und Spontankontakte kickern, sondern im Match gegen einen amtierenden Kicker-Weltmeister auch jede Menge Preise gewinnen. Zu finden ist die Kicker-Lounge ganz einfach, in dem man immer in Richtung des großen Luftballons mit dem tip-Logo geht.

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