Konzerte & Party

Das Berlin Festival 2013

My Bloody Valentine

My Bloody Valentine sind zurück. Das ist nun wirklich mal eine dicke Überraschung. Man war sich nicht mehr sicher, ob sich irgendwann in diesem Leben noch etwas bei dieser Band tun könnte. Gerüchte über die nahende Veröffentlichung eines dritten Albums hat es über die Jahre immer wieder gegeben. Je länger sich die Wartezeit aber hinzog, desto weniger glaubte man daran das gute Stück wirklich zu hören zu bekommt. Es schien dann auch ein Jux zu sein, als Bandleader Kevin Shields Ende Januar bei einem Konzert im Londoner Electric Brixton ankündigte, dass es in zwei oder drei Tagen endlich so weit sei. Einige Konzertbesucher sollen nach dieser Ansage höhnisch gelacht haben. Aber dann geschah es tatsächlich. Am ersten Samstag im Februar konnte man das Album „mbv“ auf der Internetseite der Band herunterladen. Das Interesse war groß, die Website brach für einige Zeit komplett zusammen. Danach war die Erleichterung groß. Dieses wunderbare Sägen! Die vielen übereinander geschichteten Klänge! Der unaufgeregte Gesang! Herrlich. Allerdings fragte man sich schon, warum das Ganze 22 Jahre auf sich warten ließ. Ein gravierender Unterschied zum Vorgänger „Loveless“ war nämlich nicht auszumachen. Aber Shields ist ein Perfektionist. Er fängt an schnell zu zweifeln, wenn in seinem Wall of Sound etwas nicht stimmt. Jede falsch verwobene Klangfaser treibt ihn zur Verzweiflung. Das war nicht immer so. Auf dem 1985 veröffentlichten Mini-Album „This Is Your Bloody Valentine“ eiferte die in Dublin gegründete Band hauptsächlich Kollegen nach, vor allem Joy Division, The Cramps und Nick Cave. Eine Meisterleistung war dieses in Berlin aufgenommene Studiodebüt nicht. Die große Bedeutung dieser Band hat natürlich mit den Alben „Isn’t Anything“ und „Loveless“ zu tun. Aber auch die Live-Auftritte sind einmalig. Sie übertreffen in Sachen Lautstärke und Wucht alles andere, was sonst auf die Bühne gebracht wird. Bei My Bloody Valentine entsteht immer das Gefühl, als stünde man direkt neben einem startenden Flugzeug. Shields wird froh sein, dass die Band in Berlin ausgerechnet auf dem Gelände eines ehemaligen Airports spielen darf.
BlurNicht ganz so lange wie My Bloody Valentine, aber auch schon eine Weile sind Blur nicht mehr mit neuem Material aufgefallen. Das letzte Album „Think Tank“ erschien vor zehn Jahren. „13“, das letzte mit Graham Coxon eingespielte Werk, vor vierzehn. Der im niedersächsischen Rinteln geborene Gitarrist gab sich danach auf mehreren Soloalben der dissonanten Musik hin und richtete sich seine persönliche Liebhaberecke ein. Sänger Damon Albarn beflügelte dagegen die Loslösung aus dem gewohnten Band-Verbund. Die von ihm und Zeichner Jamie Hewlett gegründete virtuelle Kreation Gorillaz war bahnbrechend und erfolgreich. Auch Albarns Zusammenarbeit mit Clash-Bassist Paul Simonon und Drummer Tony Allen in The Good, The Bad & The Queen, das Afrobeat-Projekt Rocket Juice & The Moon, die Auseinandersetzung mit Musik aus Mali und der Oper fanden viel Beachtung. Interessant war auch die Entwicklung von Alex James. Der früher als Partygänger verschriene und permanent mit Zigarette im Mund gesichtete Bassist hat 2003 geheiratet, fünf Kinder bekommen und sich mit der Familie auf einer Farm eingerichtet, wo er exquisiten Käse herstellt. Seit 2009 absolvieren Blur wieder unregelmäßig Auftritte in Originalbesetzung. Im Vorjahr spielten sie im Londoner Hyde Park aus Anlass des Abschlusses der Olympischen Spiele. Erste Versuche, ein neues Album aufzunehmen, hat es gegeben. Zunächst ist aber mit einem Soloalbum von Albarn zu rechnen, der mit Richard Russell (Gil Scott-Heron, Bobby Womack) im Studio war.
TomahawkAus dem üblichen Rahmen des Berlin Festivals fallen Tomahawk. Zu dieser Band gehören drei prägende Figuren des Alternative Rock. Sänger Mike Patton (früher Faith No More) wird von Gitarrist Duane Denison (The Jesus Lizard) und Schlagzeuger John Stanier (Helmet, Battles) unterstützt. Mit dem treffend betitelten Album „Oddfellows“ haben die vier Noise-Koryphäen in diesem Jahr das erste Album seit 2007 vorgelegt. Wie immer muss man bei ihnen auf kleine Attentate gefasst sein. Der Sound kann schon mal abrupt umschlagen. Es kann passieren, dass ein entspannter Jazz-Groove plötzlich abbricht und infernalischen Industrial-Eruptionen mit Fötus-Röcheln Platz macht.

Text: Thomas Weiland

Foto My Bloody Valentine (oben): © CAMERA PRESS

Foto Blur (mittig): Linda Brownlee-Margate

Berlin Festival mit Blur, My Bloody Valentine, Björk, Pet Shop Boys, Tomahawk, Röyksopp uva., ?Flughafen Tempelhof, 6.+7.9., 14 Uhr, ?VVK: 99 Euro (Festival-Ticket), 59 Euro (Tagesticket) jeweils zzgl. Gebühr

Club Xberg mit Boys Noize, Miss Kittin uva., ?Arena, 6.+7.9., 23 Uhr, VVK: 29 Euro (Tagesticket) zzgl. Gebühr, Kombiticket Berlin Festival + Club Xberg: 99 Euro zzgl. Gebühr

Weitere Infos unter www.berlinfestival.de

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