Konzerte & Party

Das Berlin Festival 2015

Berlin Festival

Man muss sich schon etwas umgewöhnen. Im Mai hat es bisher noch kein Berlin Festival gegeben. Der Grund für die Vorverlegung ist, dass im gewohnten Monat September ein Veranstalter mit starkem Markennamen die Bühnen am bisherigen Standort Tempelhofer Flughafen aufbauen wird. Für den Berliner Lollapalooza-Einstand ist ein Rockprogramm angekündigt, mit dem man einen breiten Musikgeschmack abdeckt. Vor diesem Hintergrund haben sich die Veranstalter des Berlin Festivals für eine stilistische Einengung entschieden, die sich allerdings bereits im Vorjahr angekündigt hat. Nun liegt der Fokus komplett auf elektronischer Musik. Und nicht nur das, man hat innerhalb dieses Genres auch einen Schwerpunkt gesetzt, indem auf Musiker zurückgegriffen wird, die man vornehmlich aus den 90ern kennt.
Berlin FestivalMit solch einem Trip in die Vergangenheit hat man schon länger gerechnet. Wenn man bedenkt, wie zu Beginn der Nullerjahre neue Bands mit Verweisen auf Punk, New Wave oder Synthie-Pop antraten, hätte der Sound der 90er theoretisch schon 2010 in den Vordergrund rücken müssen. Die Musik ändert sich normalerweise jedes Jahrzehnt, aber in diesem Fall tut sich erst jetzt etwas. The Prodigy machen nach längerer Pause wieder Radau, Leftfield kehren im Juni mit einem neuen Album zurück und Fatboy Slim feiert das 15-jährige Jubiläum seines Longplayers „Halfway – Between the Gutter and the Stars“ mit einem offiziellen Re-Release. Zu dieser lockeren Runde gesellt sich nun der Auftritt einer weiteren Band, die ihre beste Zeit vor 20 Jahren hatte. Damals lag schon eine längere Wegstrecke mit Synthesizer-Pop unter dem Namen Freur und zwei Funk-Rock-Alben in den späten 80ern hinter ihr. Richtig los ging es für Underworld im Jahr 1994 mit dem Album „Dubnobasswithmyheadman“ und der glorreichen Vereinigung von Techno, Disco und Dub. Ihm folgte wenig später der den Lager-Lager-Lagerbier-Wahn anheizende Hit „Born Slippy“ aus dem Film „Trainspotting“. Underworld hatten eine Rockvergangenheit, konnten in Clubs genauso wie auf der großen Bühne spielen und in Karl Hyde den dafür passenden Sänger anbieten. Die Mischung stimmte.
Berlin FestivalEine zentrale Figur in der Dancemusic der zweiten Hälfte der 90er war die irische Sängerin Rуisнn Murphy. Man kennt sie als eine Hälfte von Moloko und Sängerin der Hits „Sing It Back“ und „The Time Is Now“. Zwischenzeitlich wollte sie mal richtig hoch hinaus. Mit „Overpowered“ veranstaltete sie einen richtiggehenden Pop-Diva-Zirkus, aber der Erfolg blieb am Ende aus. Daraufhin zog sich Murphy für mehrere Jahre ins Privatleben zurück und wurde zweimal Mutter. Jetzt beschreitet sie mit dem Album „Hairless Toys“ wieder den eigenwilligen, zwischen den Terrains von Disco, Jazz, Soul und House liegenden Pfad, auf dem sie sich am besten auskennt. Ein ähnlicher Sonderfall sind GusGus. Die Band aus Reykjavнk galt in den späten 90ern als echte Entdeckung. Sie sorgte für die Verfestigung des Eindrucks, dass Island sich zu einem Refugium für neue Rock-, Dance- und Kunstmusik entwickelte. Danach ließ die Aufmerksamkeit der Medien nach und veränderte sich die Besetzung sehr häufig. Aber gute Musik macht die Band immer noch. Ganz hervorragend ist das beim Kölner Kompakt-Label erschienene Album „Mexico“ mit seinem von schmutziger Fantasie durchtränkten Aufhängersong „Obnoxiously Sexual“.
Und wo Berlin Festival draufsteht, muss natürlich auch etwas aus der Hauptstadt drin sein. Das trifft indirekt auf George Lewis Jr. alias Twin Shadow zu. Der die meiste Zeit in Los Angeles lebende Musiker hat mit „Eclipse“ gerade ein nach Jim Steinman (!) und Queen (!!) klingendes Album veröffentlicht, das seiner Karriere schweren Schaden zufügt. Aber seine Mutter und Schwestern leben in Berlin und werden ihn wieder erden. Vielleicht bevorzugen sie aber auch die echten lokalen Helden Atari Teenage Riot. Das von Alec Empire angeführte Trio präsentiert auch auf dem Album „Reset“ wieder außerordentliche Krawallklatschen mit beißenden Hardcore-Riffs und einpeitschenden Beats. Von Zensur und Überwachung handelnde Ansagen zeigen, wie intensiv es zugeht. „If you want it all, just take it“, brüllt Alecs neue Adjutantin MC Rowdy Superstar. Wenn man alles will, muss man es nur nehmen? Selten hat es eine Aufforderung gegeben, die besser zu einem Festival passt.

Text: Thomas Weiland

Fotos: Robert Winter

Berlin Festival 2015, Arena Park, Eichenstraße 4, Treptow ?29.–31.5., mit Underworld, James Blake, Rуisнn Murphy, ?GusGus, Westbam, Atari Teenage Riot u. v. a.?

VVK: 3-Tages-Ticket 82 Euro zzgl. Gebühr

Mehr unter www.berlinfestival.de

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