Konzerte & Party

Das Club Transmediale-Festival 2014

CTM 2014

Über Beschäftigungsmangel kann Dinos Chapman (Foto ganz unten) bestimmt nicht klagen. Zusammen mit seinem Bruder Jake kreiert der bildende Künstler seit zwanzig Jahren Modelle, Puppen und Skulpturen, über die in der Öffentlichkeit regelmäßig diskutiert wird. Für viel Gesprächsstoff sorgte ihre Minigolf-Installation mit einer Hitler-Figur. Man schlägt einen Ball in ein Loch, das genau in jene Stelle gebohrt wurde, an der sich die Geschlechtsorgane des Mannes befinden. Wenn man einlocht, hebt sich erst der rechte Arm des beinlosen Führers. Danach ertönt aus seinem Mund drei Mal hintereinander das Wort Nein. Dieses Spiel ist Geschmacksache. Aber die Chapmans ziehen diese und andere provokative Aktionen kompromisslos durch und haben kein Problem damit, wenn man sie als böse Jungs der britischen Kunstszene bezeichnet. Jede Publicity ist gute Publicity. Sie half Bruder Dinos im letzten Jahr auch bei der Veröffentlichung seines Debütalbums „Luftbobler“, das nach der norwegischen Bezeichnung für Blasen in Luftschokolade benannt ist. An diesem Titel erkennt man bereits, dass Chapman einfach nichts mit dem Ernst des Lebens anfangen kann. Seine Musik hat aber etwas. In den Tracks tauchen blubbernde Bässe, verzerrte Stimmen, entstellte Naturgeräusche und zischelnde Beats auf. Der Vergleich mit Throbbing Gristle oder den frühen Cabaret Voltaire ist ebenso legitim wie der mit den IDM-Produzenten Autechre.
Dinos Chapman produziert schon seit zehn Jahren im stillen Kämmerlein, doch erst jetzt traut er sich, den Leuten seine Tracks vorzustellen. Sein Auftritt passt perfekt zum CTM-Festival, diesem immer wieder aufregenden Tummelplatz für experimentierfreudige Elektroniker und Exzentriker. 
ActressMit Vorfreude fiebert man allseits dem Erscheinen von Darren J. Cunningham in der Panorama-Bar entgegen. Was er unter dem Namen Actress veröffentlicht, wird von Kritikern und Fans regelmäßig in höchsten Tönen gelobt. Das gilt auch für sein viertes Album „Ghettoville“, mit dem sich Cunningham ein weiteres Mal von den Schemata der linearen Dance-Music wegbewegt und sich einem atmosphärischen Stil zuwendet, der an Burial erinnert. Der aus dem englischen Wolverhampton stammende Produzent lässt langsame Beats unbarmherzig aufschlagen und Klänge einer Todesglocke mit schwerem Donnergrollen kollidieren. In anderen Tracks loopt Cunningham das Kratzen einer alten Schallplatte, Geräusche aus dem Insektenreich und der Vogelwelt oder er stellt bis auf das Skelett reduzierte Funk-Grundierungen vor. Es ist ein düsterer und mitreißender Trip. „Bei ‚Ghettoville‘ handelt es sich um den ausgebleichten und schwarz gefärbten Schlusspinselstrich des Actress-Bildes“, schreibt Cunningham in einer dem Release beigefügten Mitteilung. Das Ende seiner Musikerkarriere rückt näher, wenn man diesen Worten Glauben schenken darf. Aber so richtig kann man sich ein vorzeitiges Ende bei einem Künstler mit diesem Potenzial und Wirkungskreis kaum vorstellen. Mit ihm reisen Helena Hauff und Moirй an, zwei Kollegen, die ihre Stücke auf dem von Cunningham gegründeten Label Werkdiscs veröffentlichen.
Dinos ChapmanGespannt darf man auch auf den Auftritt von James Holden sein, der sich im letzten Jahr nach sieben Jahren mit dem exzellenten Album „The Inheritors“ zurückgemeldet hat. Benannt ist es nach einem Roman von William Golding, in dem es um die Ausmerzung der Neandertaler durch die heutige Menschheit geht. Gedacht ist das Album als eine Forschungsreise, die im weitgehend menschenleeren Rannoch Moor in Zentralschottland beginnt und mit einem Trip in die Zeit der „Blackpool Late Eighties“ endet. Holden untermalt jeden Stopp mit unterschiedlichen Mitteln. Er nutzt motorische Grooves aus dem Krautrock, schaut mit Saxofonbegleitung beim Fusion-Jazz vorbei, geht zwischendurch tief in sich und findet am Ende den Weg zu einem harmonischen Finale. Der aus Exeter stammende Klangtüftler wird bei seiner Live-Performance auch Instrumente aus eigener Werkstatt einsetzen. Vor ihm spielt das italienische Trio Hobocombo, das sich der Interpretation von Musik des Straßenkünstlers Moondog widmet, „East Timor“ von Robert Wyatt mit kosmischem Flirren versetzt und auch eigene Stücke ins Spiel bringt.
Auch der Berliner Aspekt findet bei der 15. Ausgabe des CTM Berücksichtigung, etwa durch die Beteiligung von Monolake-Gründer und Software-Entwickler Robert Henke mit seiner Installation „Lumiиre“. Moritz von Oswald ist im Laufe des Festivals ebenfalls dabei. Angefangen hatte der Ururenkel Otto von Bismarcks vor dreißig Jahren als Schlagzeuger bei Palais Schaumburg. Es war nur eine Episode. Wesentlich mehr Zeit investierte er in die minimalen Techno-Dub-Produktionen und den Betrieb des von ihm mit gegründeten Basic-Channel-Labels. Im Berghain wird er mit seinem Trio auftreten, zu dem neben ihm und Stammpartner Max Loderbauer jetzt auch Tony Allen gehört, der den bisherigen Trio-Drummer Vladislav Delay ersetzt. Man darf gespannt sein, wie sich so ein Held des Afrobeat und Meister des treibenden Grooves in den spartanisch arrangierten Flow der Band eingliedert.

Text: Thomas Weiland

Foto unten (Dinos Chapman): Jake Walters 

CTM 2014, ?Fr 24.1.–So 2.2., verschiedene Orte, verschiedene Preise, Festivalpass: 100–180 Euro zzgl. Gebühr, Termine: www.ctm-festival.de 

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