Konzerte & Party

Das Delicious Doughnuts in Mitte

Fabian Böckhoff

In die Mauer ist ein Klingelknopf aus schlichtem Messing eingelassen. Man hört es drinnen läuten, dann wird die Schallplatte aus Filz, die innen vor dem Türspion hängt, beiseitegeschoben und durch das Guckloch schaut Fabian Böckhoff nach draußen auf die Rosenthaler Straße. Dann erst öffnet er die Tür. „Fressencheck“, sagt er.
Es ist selbst am Tag allenfalls schummrig im Delicious Doughnuts. Auf dem Tresen stehen rot glimmende Tischlampen, die staubigen Schlieren auf den Fenstern machen das Nachmittagslicht, das von draußen hereinfällt, milchig.
„Das Doughnuts soll das Wohnzimmer von Mitte werden“, sagt Böck­hoff. Er lässt sich dabei auf die mit braunem Leder bezogene Sitzbank fallen. „Schau dich um, es gibt viel Holz, es ist richtig kuschelig hier, gediegen irgendwie.“ In den Ecken stehen ein paar Zimmerpalmen aus Plastik. Sie renovieren gerade, die Wände auf den Toiletten bekommen eine neue Schicht Goldfarbe. „Und der Polsterer ist auch schon bestellt“, sagt Böckhoff und verdeckt lachend einen Riss im Leder mit seiner Zigarettenschachtel. „Das Doughnuts soll wieder das werden, was es mal war.“
Delicious DoughnutsUnd Böckhoff weiß noch ganz genau, was das Doughnuts mal war. Er hat 1995 schon einmal hier gearbeitet, hat die ersten Auftritte von Künstlern wie dem Kollektiv Jazzanova hier gesehen. Das Doughnuts, das 1993 als eine Art Jazzclub aufmachte, wurde Auffangbecken für die Szene der neuen Mitte, wurde der Ort, wo man hinging, wenn die Party woanders vorbei war. Bis heute ist Böckhoff mit vielen, die dieses alte Doughnuts kannten, befreundet. Er arbeitete später fürs 90 Grad, entdeckte dann Schlager wieder, rief mit „Stimmen in Aspik“ die einzige jemals funktionierende Schlagerparty Berlins ins Leben und veranstaltete sie dann in den vergangenen fünfzehn Jahren in der Hafenbar. Und immer wieder hörte Böckhoff, dass den Leuten die Doughnuts-Nächte fehlten, dass sie sich nicht mehr wohlfühlten in den neuen Clubs der Stadt, dass sie, nun da sie alle älter sind, noch immer ausgehen wollen, aber dort, wo es sich familiär anfühlt. Kleine Bars wie das King Size haben diese Zielgruppe schon seit einiger Zeit für sich entdeckt. Und als Böckhoff, der selbst 40 Jahre alt ist, schließlich seinen alten Chef, den Betreiber des Doughnuts Peter Erles wiedertraf, kam den beiden die Idee, dass man das Alte mit neuem Leben füllen müsse.
Das Programm, das dabei für den März herausgekommen ist, kann Böckhoff auswendig heruntersagen: „Am ersten Dienstag macht Lars Döring eine Nacht, wie es sie einst am selben Tag im Icon gab, Mittwoch steht unter dem Motto ‚Nineties Heroes‘, einmal wird Ingmar Koch von Liquid Sky mit analogen Synthies auflegen, ein anderes Mal der New Funker Mijk Van Dijk, dann wieder Formaldehyd aus dem einstigen WMF. Donnerstag ist Labelnacht, das Sonarkollektiv wird regelmäßig dabei sein und damit die Jazzanova-Crew in den Karpfenteich zurückkehren, sie wechseln sich ab mit Lebensfreude und Oppossum, Freitag macht Oye Records Soul und Funk, treten die alten Doughnuts-Legenden auf, Maxwell, Karel Duba, und Samstag, ich benutze jetzt eine Art Schimpfwort, machen wir Happy House von Labels wie b.tonal.“ Böckhoff holt Luft. Das Programm liest sich wie ein Kaleidoskop der Neunziger-Clubkultur.
Böckhoff wird bald Teilhaber im Doughnuts, das ist der Plan. Und man kann sein Programm auch als Protest gegen das lesen, was nur einen Häuserblock entfernt passiert, wo südlich die Flagship-Stores und nördlich die Backpacker-Bettenburgen liegen. Viel zu sauber ist die Gegend geworden, findet Böckhoff. Es geht auch hier darum, einen Freiraum zu erhalten, und wenn man Böckhoff fragt, wie sich der kulturelle Mehrwert, dem das Doughnuts schon immer als Brutstätte gedient hat, beschreiben lässt, dann sagt er: „Kultur ist alles, was man nicht braucht.“ Mehr muss man zum neuen alten Doughnuts 2012 eigentlich auch nicht sagen.

Text: Anne Lena Mösken

Delicious Doughnuts, Rosenthaler Straße 9, Berlin-Mitte

www.delicious-doughnuts.de

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