Konzerte & Party

Das Ende der Harmlosigkeit: Norah Jones „The Fall“

Norah Jones: The FallDa musste man dann schon mal einen Blick riskieren – und wurde prompt dafür belohnt. Mit Kurz­­haarschnitt wirkt Norah frecher als früher, und auch sonst wagt sie etwas, spürt man mehr Sex-Appeal. Der Song „Chasing Pirates„, mit dem auch ihr viertes Album beginnt, ist eine Wucht, allein schon wegen des deutlich akzentuierten Grooves und der Kraft der zwei Wurlitzer-Pianos. Das Interesse war geweckt.
Auf „The Fall“ ist Norah grundsätzlich im­mer noch sie selbst. Von der Ballade, ihrem urtypischen Werk­zeug, kann und will sie sich nicht ganz verabschieden. Was überhaupt kein Problem ist, solange die Balladen nicht wie früher bloß harmlos berieseln. In „Waiting“ sehnt Norah mit Nachtstimme die Rück­kehr ihres Liebsten herbei. Aber er kommt nicht. Sie und Lee Alexander, lange Jahre Mann ihres Herzens, sind kein Paar mehr. Da Alexander fatalerweise auch Bassist der Handsome Band war, mit der ihre ersten drei Alben entstanden sind, endete auch die berufliche Lebensgemeinschaft. Trennung an zwei Fronten – kein Wunder, dass wir nun ein Konzeptwerk über die Entzweiung vor uns haben.
An der Seite ihres neuen Produzenten Jacquire King (Tom Waits, Kings Of Leon) blüht Norah Jones auf. Geholfen haben ihr zudem Ryan Adams und Will Sheff (Okkervil River), die je einen Song mit ihr geschrieben und kollegiale Ratschläge gegeben haben. Es hat gefruchtet. In „It’s Gonna Be“ kommt die New Yorkerin aus sich heraus, quengelt das Piano und scheppert das Schlagzeug. Für „Stuck“ wurde der nicht gerade für seine Zurückhaltung bekannte Marc Ribot als Gitarrist engagiert.
Solche Überraschungsszena­rien gibt es öfter, und sie sorgen dafür, dass man die Sängerin nun nicht mehr, wie in Blogs mehrfach geschehen, als Snorah (Schnarchnase) abqualifizieren kann. Für ihre Verhältnisse klingt das hier durchweg aufgeweckt.

Text: Thomas Weiland

tip-Bewertung: Hörenswert

Norah Jones, The Fall (Blue Note/EMI)

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