Konzerte & Party

Das Festival Berlin Atonal im Kraftwerk Mitte

Cabaret Voltaire

Elektronische Musik ist nicht mehr neu, man kann wunderbar Geschichten über sie erzählen. Zum Beispiel die über klobige modulare Synthesizer aus den Siebzigerjahren. Einzelne Bausteine wurden miteinander verbunden, überall hingen Kabel heraus. Hersteller von Synthesizern haben ihre Geräte im Laufe der Zeit handlicher und simpler gestaltet, aber das Interesse an den modularen Ur-Klötzen ist trotzdem nie ganz erloschen. Davon erzählt der Dokumentarfilm „I Dream of Wires“, der im Rahmen des diesjährigen Atonal-Festivals zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sein wird. Musiker und Macher aus verschiedenen Epochen kommen in Interviews zu Wort, darunter Gary Numan, Mute-Chef Daniel Miller, Chris Carter von Throbbing Gristle, Trent Reznor von Nine Inch Nails, Techno-Produzent Carl Craig und James Holden, Legowelt oder Clark, Vertreter der jüngeren Garde. Der Filmvorführung folgt ein spektakuläres Eröffnungskonzert. Das Ensemble Modern und Mitglieder der Gesangsgruppe Synergy Vocals werden das Album „Music for 18 Musicians“ des Minimalmusik-Pioniers Steve Reich aus dem Jahr 1978 vorstellen.
In Aeternam ValeDimitri Hegemann und Adi Schröder, die Organisatoren und Gründerväter des Festivals, legen viel Wert auf Aspekte aus einer anderen Zeit. Sie wollen Brücken zwischen den Generationen schlagen und Entwicklungslinien aufzeichnen, das ist ein fundamentaler Teil ihrer Motivation. Deshalb sind sie froh, dass sie in diesem Jahr den ersten Live-Auftritt von Cabaret Voltaire (23.8.) seit über 20 Jahren vermelden dürfen. Was für eine Band! Richard H. Kirk, Stephen Mallinder und Chris Watson haben Vertretern verschiedener Musikgenres Denkanstöße gegeben, besonders auf den Gebieten von Industrial, Post-Punk, EBM und Techno. Cabaret Voltaire ist es über die Dauer von 20 Jahren zudem gelungen, sich immer wieder neu zu erfinden. Alle kennen natürlich „Nag Nag Nag“, dieses unglaublich nörgelnde, von Surren und billigen Stimmen zerfräste New-Wave-Ding, nach dem in den Nullerjahren in London sogar ein Club benannt wurde. Aber auch während ihrer zweiten Werkphase blieben die Cabs führend. Mit dem exzellenten Album „The Crackdown“ aus dem Jahr 1983 manifestierte sich bei ihnen eine Neigung zu geradliniger urbaner Tanzmusik, die düster („Why Kill Time (When You Can Kill Yourself)“) und funky („James Brown“) war. Kirk, das einzige verbliebene Gründungsmitglied, trauert diesen Zeiten nicht nostalgisch nach. Er wird bei seinem Berlin-Besuch ausschließlich neues Material spielen. Das wird für ihn kein großes Problem sein. Neben den Aufnahmen mit Cabaret Voltaire hat er Tracks unter mindestens 40 unterschiedlichen Decknamen veröffentlicht.
Tim HeckerUnd der Nachwuchs? Er kommt beim Atonal keineswegs zu kurz. James Ginzburg von Emptyset tritt unter dem Namen Bleed Turquoise und Miles Whittaker von Demdike Stare als Solist auf. Beide waren schon bei den letzten Ausgaben des Club Transmediale zu sehen. Volle Aufmerksamkeit muss Tim Hecker gelten. Der Kanadier hat sein drei Jahre altes Album „Ravedeath, 1972“ zum Teil in einer isländischen Kirche aufgenommen, was angesichts einer Vielzahl von manipulierten Orgelklängen unschwer zu erkennen ist. Noch besser ist der Nachfolger „Virgins“, auf dem es zum Wechselspiel von sphärischen Ambient-Klängen, kraftvoll tänzelnden Piano-Akkorden und schubweise auftretenden Noise-Eruptionen kommt. Hecker ist ein Mann, der die Musik von der Entdeckerloge aus vorantreibt und perfekt zum Atonal passt.

Text: Thomas Weiland

Festival Atonal Berlin, Kraftwerk Berlin-Mitte, Köpenicker Straße 59-73, Mitte, ?21.–25.8., 16–9 Uhr, ?Einzeltermine: 23–33 Euro, ?Festival-Passport ?VVK: 80 Euro zzgl. Gebühr

www.berlin-atonal.com       

Mehr über Cookies erfahren