Konzerte & Party

Das ganze Wochenende: 20 Jahre Suicide

Suicide

Im April schließen mit dem KingKongKlub und der Magdalena weitere Clubs, die Alternativen zum Trend des klangtechnischen Einheitsbreis darstellten. „Der Senat hat noch immer nicht begriffen, dass die unterschiedlichen Facetten des Nachtlebens einen Standortvorteil für Berlin darstellen“, kommentiert das Ralf Brendeler, der seit 1994 das Suicide betreibt. Aus der Taufe gehoben wurde der Club in der Dircksenstraße in einer ehemaligen Fabrik.
Nach dem Mauerfall hat man dort den Betrieb abgewickelt, doch viele Insignien des sozialistischen Produktionsprozesses überdauerten die Zeit: „Dort wurden früher Heizungsrohre geschnitten. Die entstandenen Metallspäne wurden einfach im Keller entsorgt: Es entstand eine riesige, bizarr aussehende Pyramide.“ Das Industriedesign passte perfekt zum Klang der damaligen Zeit: Digital Hardcore. Ursprünglich Name des Labels von Atari Teenage Riot, wurde der Terminus schnell Bezeichnung für eine Musikrichtung, die an der Schnittstelle von Techno, Industrial, Gabba, Drum ’n’ Bass und Punk operierte. Doch nach kurzer Zeit erwies sich das musikalische Korsett als zu eng. Der Club öffnete sich dem Klang, für den das Suicide seit nunmehr zwei Jahrzehnten steht: Techno. Das bedeutete anno 1994/95 klare Pionierarbeit: Es gab mit dem E-Werk einen Club, der die kommerzielle Rave-Welt zwischen Marusha und Westbam abbildete. Der Tresor hingegen konzentrierte sich auf den Detroit-Techno, während der Bunker die Gabba-Wütigen anzog. Im Suicide fand vor allem die Berliner Crew, die tagsüber im Hard Wax Platten verkaufte, eine Heimat an den Turntables. Electric Indigo und Rok sind dem Club bis heute als Residents treu geblieben.
SuicideWenig später erlebte Brendeler, was heute unter dem Begriff Gentrifizierung subsumiert wird: Das Haus in der Dircksenstraße wurde verkauft und der Suicide Club spielte in der künftigen Planung keine Rolle mehr. Brendeler eröffnete in der Gartenstraße eine neue Location. Wiederholte Probleme mit den Ordnungsämtern und der Polizei sorgten dafür, dass der Club weiterziehen musste. „Die permanenten Lautstärkekontrollen erweckten den Eindruck, als nähmen wir die Auflagen nicht ernst“, ärgert sich Brendeler. Hinzu kamen kaum erfüllbare Forderungen seitens der Bauämter, sodass der Clubbetrieb vor allem hohe Investitionen der Veranstalter erforderte.
Heute zahlt sich der lange Atem aus. Seit 2009 ist der Club auf dem Gelände des RAW-Geländes beheimatet. Der Name Suicide Circus reflektiert die nomadische Zeit zuvor. Diese gehört nun hoffentlich der Vergangenheit an: Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg habe signalisiert, dass er die Clubkultur ernst nehme und versuche, Verdrängung zu verhindern. Dass bedeutet jedoch noch keine Planungssicherheit, denn das RAW-Gelände wird von zwei Immobilienfirmen beansprucht. Noch skurriler: Beide verlangen Mietzahlungen. Solange die Eigentumsfrage nicht geklärt ist, hinterlegt Brendeler die Miete beim Amtsgericht. „Die rechtlichen Unklarheiten und der damit verbundene Papierkrieg behindern uns“, gibt Brendeler zu. „Es hält davon ab, sich auf die konkrete Arbeit zu konzentrieren.“ Denn die Vorbereitungen zum Event „20 Jahre Suicide“ sind umfangreich. So handelt es sich nicht nur um ein dreitägiges Happening, sondern stellt ebenso ein lebendiges Manifest Berliner Untergrund-Kultur dar.

Text: Ronald Klein

20 Jahre Suicide Circus
?Fr 18.4. Electric Indigo, Housemeister, Jonzon, Andi Teichmann u.a.
Sa 19.4. Woody, Maertini Broes, Paula P’Cay (live) u.a.
So 20.4. Tanith, Wolle XDP, Erich Lesovsky u.a.

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