Konzerte & Party

Das Mandelring Quartett im Radialsystem V

Mandelriung Quartett

Das berühmteste Bonmot über Streichquartette lieferte Goethe: „Man hört vier vernünftige Leute sich untereinander unterhalten“, sagt er in einem Brief an seinen Berliner Freund Zelter. Harmonische Sache also, das Streichquartett. Der Eindruck könnte täuschen. Wie viele Streichquartette haben sich aufgrund von Zwistigkeiten ihrer Mitglieder schon aufgelöst. Streit bis aufs Blut! ?Das Mandelring Quartett, das es seit genau 30 Jahren miteinander aushält, ist insofern eine Ausnahme, als es sich womöglich gar nicht ohne Weiteres auflösen könnte. Drei der vier Mitglieder sind Geschwister.
„Bei uns sind noch nie Stühle geflogen“, sagt Cellist Bernhard Schmidt. „Denn wir haben die großen Fights schon in unserer Kindheit hinter uns gebracht.“ 1983 gründete sich das Quartett in Neustadt an der Weinstraße. Die Eltern – wie auch immer sie das Kunststück fertigbrachten, drei Kinder zu Profimusikern zu machen – hielten der Formation finanziell den Rücken frei. Durch Preise und erste Schallplattenaufnahmen nahm die Karriere Fahrt auf. Nur den Mut, sich einfach Schmidt-Quartett zu nennen, besaß man nicht. Stattdessen benannte man sich nach der eigenen Privatadresse: Mandelring 69. „Gute Weinlage“, sagt Herr Schmidt. Wie in allen guten Quartetten ist es merkwürdigerweise der Cellist, der das große Wort führt.
Mandelring QuartettVor sechs Jahren gründeten die Musiker eine eigene Quartett-Reihe im Kammermusiksaal der Philharmonie. Wenn schon ehrgeizig, dann richtig. Man rechnete mit Verlusten, schrieb aber schon im ersten Jahr immerhin eine schwarze Null. „Man findet niemanden, der einem Garantien gibt. Also sagten wir uns: Wir decken’s selber ab, wenn ein Minus auftritt.“ Wer nach Berlin will, muss Verluste einkalkulieren. Und kann gewinnen. Heute ist das Mandelring Quartett – neben dem Artemis Quartett – eine Vorzeige-Größe in der Stadt, die ohne Weiteres zu den zwei, drei besten Musikmetropolen weltweit zählt.
Wer jemals hintereinander ein Sinfoniekonzert und einen Streichquartett-Abend besucht hat, dem wird aufgefallen sein, dass das Kammermusikpublikum, na ja … anders ist. Mehr Strickmoden, mehr Olivgrün und weniger Haarfärbemittel sind ein untrügliches, leicht fatal anmutendes Kennzeichen fortgeschrittener Hörer dieses Genres. Glamour ist nicht zu befürchten. Tut nichts, in Bioläden und auf edleren Flohmärkten werden ähnliche ästhetische Ideale gepflegt. „Ich sehe es positiv“, kommentiert Herr Schmidt. „Zu uns kommt niemand, um seinen Pelz auszuführen.“ Und wenn man am Ende eines Stückes eine Stecknadel fallen höre, weil es so still ist, dann sei das auch eigentlich eine schöne, zweckdienliche Sache.
Recht hat der Mann. Um es mit der Gediegenheit nicht zu übertreiben, ist das Quartett seit 2012 regelmäßig zu Gast im Radialsystem und realisiert dort große Projekte, etwa die Aufführung aller 15 Schostakowitsch-Quartette in sechs aufeinanderfolgenden Konzerten – eine Unternehmung von herrlich größenwahnsinnigem Zuschnitt. „Hier ist Schostakowitsch ein wichtigerer, größerer Name als Haydn“, schwärmt Herr Schmidt. Liegestühle an der Spree seien auch nicht zu verachten. „Ins Radialsystem kommt ein jüngeres Publikum, wie man es in herkömmliche Konzertsäle durch keinen Trick einfach so locken könnte.“

Fotos: Martin Blume

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