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Das neue Album von Rammstein: „Liebe ist für Alle da“

Rammstein So viel vorweg: Musikalisch bleibt bei Rammstein alles beim Alten. Überraschen können die Musiker schon lange nicht mehr. Fette Gitarrenwände, versetzt mit Synthesizer-Klängen und stets umnebelt von irgendwelchen Keyboard-Chören, lassen die Herzen der Fans härterer Gangart zwar höher schlagen, haben jedoch auch dieses Mal eine erstaunlich kurze Halbwertszeit. Spätestens mit dem zehnten Durchlauf wird auch „Liebe ist für Alle da“ – wie schon die Vorgängeralben – schnell langweilig.
Doch trotz aller fehlenden musikalischen Innovation: An Selbstbewusstsein mangelt es Rammstein auch auf ihren sechsten Studioalbum nicht und so beginnt die Platte mit den Worten: „Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit. Nun, das Warten hat ein Ende, leiht Euer Ohr einer Legende.“
Nun gut, ob Rammstein eine Legende sind, darüber lässt sich trefflich diskutieren. Nein, sagen wir so: Darüber muss man diskutieren – setzt doch das Album mit seinen elf Tracks letztlich das fort, was man nach der Vorabsingle „Pussy“ mit ihrem Porno-Video schon fast befürchtet hatte. Rammstein provozieren inzwischen nur noch um der Provokation Willen und weil man damit offensichtlich eine Menge CDs absetzt.
Bei allen gewohnt-düsteren, literarisch jedoch eher anspruchslosen Texten, die Sänger Till Lindemann in den elf Songs von sich gibt, werden sich auch dieses Mal die Gemüter hierzulande an einigen Liedern erhitzen.
Zum einen ist da sicherlich das eben bereits angesprochene „Pussy“, musikalisch der langweiligste Song der CD, vom Text her jedoch überdeutlich. Um Liebe geht es in dem Song jedenfalls nicht.
Ebenfalls mehr als zwiespältig ist der Text in „Wiener Blut„, der sich um die Geschehnisse im österreichischen Amstetten dreht und das Horrorszenarium des Josef Fritzl unreflektiert aus dessen Tätersicht schildert. „Und bist du manchmal auch allein, ich pflanze dir ein Schwesterlein. Die Haut so jung, das Fleisch so fest, unter dem Haus ein Liebesnest.“ So genau will man das gar nicht wissen, sind doch ähnliche Versuche, sich mit den Abgründen der Realität zu beschäftigen schon auf dem Album „Reise, Reise“ schief gegangen, als sich Lindemann und Co. in „Mein Teil“ mit den Ereignissen um den sog. „Kannibalen von Rotenburg“ auseinandersetzten. Wobei „auseinandersetzen“ eben genau das falsche Wort ist. Der Rammstein-Sänger war noch nie ein Dichter vor dem Herrn und egal, ob man nun provozieren will oder einfach nur die Wirklichkeit abbilden möchte (die Textzeile „Willkommen in der Wirklichkeit“ im Song „Wiener Blut“ stößt den Hörer mit dem Holzhammer auf diese Intention), ein wenig mehr Reflektion stände der Band sicher gut zu Gesichte.
Denn bei aller Kompromisslosigkeit, die Rammstein schon immer in vollen Zügen ausgelebt haben: Konnte man früher einfach nur über den „guten“ Geschmack streiten, hat die Band um den Sohn eines Kinderbuchautors inzwischen eine gewisse Grenze zur Gewaltverherrlichung überschritten. Der Songtitel „Ich tu dir weh“ spricht da schon für sich selbst, doch auch der Titeltrack des Albums beschreibt letztlich nichts Anderes als eine Vergewaltigung.
Natürlich kann man nun hingehen und die Musiker verteidigen, sie würden letztlich nur die Realität abbilden. Den Kannibalen von Rotenburg hat es genauso gegeben wie Herrn Fritzl aus Amstetten und auch Vergewaltigungen gehören leider noch immer zum Bild unserer Gesellschaft. Mit ihrer unreflektierten Herangehensweise setzt das Sextett jedoch allerhöchstens das Tagesgeschäft von BILD-Zeitung, RTL und Sat1 musikalisch um.
Trotzdem oder gerade deshalb wäre es jedoch falsch, Rammstein als Idioten und ihre Fans als durchweg intellektuell minderbemittelt abzustempeln. Mögen die Bandmitglieder selbst vielleicht nicht gerade helle im Kopf sein und Teile der Maschinerie, die sie mit ihren „Provokationen“ lostreten, gar nicht kapieren: Längst ist die Band zu einem Massenphänomen geworden und so lange die durchaus nicht unberechtigte Hoffnung auf ein baldiges Ende als Gruppe noch nicht erfüllt ist, muss man über das Phänomen Rammstein diskutieren – und sich selbstreflektierend vielleich auch mal die Frage stellen, ob sich überhaupt jemand aufregen würde, wenn Till Lindemann seine Schweinereien in Englisch verfassen würde.

Text: Martin Zeising

Rammstein, Liebe ist für alle da (Universal)

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