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Das neue Album von Tocotronic

Tocotronic

In der Theorie wird das neue Album von „99 Thesen“ auf Twitter digital begleitet. Trotzdem spielen Tocotronic auf ihrem zehnten Album gegen ihre inhaltliche Überhöhung an. Hört sich paradox an? Soll es doch auch.

„Die Kunst ist es, nicht komplett neu anzufangen, aber sich dabei auch nicht zu wiederholen.“ Jan Müller sagt das, als sei damit schon alles geklärt. „Wir empfinden unsere Geschichte nicht als Last, das wäre schrecklich“, fügt er hinzu. Der erste Schnee dieses Winters ist gefallen, es ist ein kalter Dezembertag, an dem der Bassist gemeinsam mit Sänger Dirk von Lowtzow in einem Tagungsraum des „Hotel Michelberger“ in Friedrichshain in antiquarischen Sesseln auf Interviewfragen hofft, die noch nie gestellt wurden. Natürlich vergeblich. So müssen sich Tocotronic auch zu diesem Album artikulieren, über den Deutungsspielraum in den Texten sprechen, das Politische bejahen und verneinen, ihre Interpretation des Punk erläutern und die Rolle des „ewigen neuen Bandmitglieds“ Rick McPhail beurteilen, der an diesem Tag mit Schlagzeuger Arne Zank in Hamburg geblieben ist.
Tocotronic„Da gibt es seitens der Journalisten häufig das Missverständnis, dass sie um die Hörer bangen, ob sie das alles verstünden“, wundert sich Dirk von Lowtzow. Dabei hätte die Band – im Durchschnitt etwas über vierzig Jahre alt – schon immer das Gefühl, dass die Leute auch zu den Konzerten kommen, ohne auf der Suche nach einem Diskurs zu sein. Also wieder ein Missverständnis auf der Meta-Ebene; vielleicht sollten Tocotronic, obwohl sie es ihrem Gegenüber niemals künstlich schwer machen, einfach gar keine Interviews geben. Man könnte doch in letzter Konsequenz aus den Slogans der Tocotronic-Diskografie eines zusammenstellen, indem man sich Fragen ausdenkt, auf die Songtitel wie „Über Sex kann man nur auf Englisch singen“, „Es ist einfach Rockmusik“ oder „Die Revolte in mir“ eine Antwort geben. Letztgenanntes Stück ist auf dem neuen Album „Wie wir leben wollen“ enthalten, zu dem die Band im Vorfeld „99 Thesen“ im Internet verbreitete – von Nr. 9 „Mit einem Drink des Himmels“ über Nr. 78 „In der Passion Week“ bis hin zu Nr. 99 „Stumm“. Dieser Phrasen-Katalog solle aber nicht zu bedeutungsschwanger wahrgenommen werden, den Widerspruch konnten Tocotronic schon immer zur Kunstform erheben: „Die Thesen waren eine eher spontane Idee. Wir wollten zeigen, dass zwischen den Stücken ein Zusammenhang besteht, ein roter Faden, ohne es damit vollkommen ernst zu meinen“, erklärt Jan Müller. Überhaupt dürfe man sich einem Album auch nicht mit zu großem Respekt nähern, sondern sollte den Witz darin erkennen. Auch musikalisch gab es einen fixierten Rahmen. So wurden die 17 Stücke im Juni 2012 mit dem seit Jahren verbundenen Produzenten Moses Schneider an zehn Tagen im „Candy Bomber Studio“ aufgenommen, das im Gebäude des ehemaligen Flughafen Tempelhof beheimatet ist. Die Betreiber Ingo Krauss und Paul Lemp haben sich auf die analoge Aufnahme-Technik aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts und deren besonderer Klang­ästhetik spezialisiert – inklusive einer Telefunken-T9-Vier-Spur-Tonbandmaschine und dem so genannten „Paris-München“-Mischpult der Deutschen Grammophon aus dem Jahr 1958, das schon Herbert von Karajan zu schätzen wusste. Obwohl auch digitale Technik zum Einsatz kam, war das eine radikale Limitierung des toco­tronischen Sounds. „Wir haben uns für schrullige Dogmen entschieden, uns war es schon immer wichtig, Routinen zu durchbrechen“, stellt Dirk dazu klar. „Das Verfahren ist einfach anders. TocotronicBestimmte Entscheidungen müssen schon im Vorfeld getroffen werden und nicht erst während des Aufnahmeprozesses.“ Ganz abgesehen davon, dass ein Studio mit dieser haptischen Aura auch Gefahren birgt: „Wir wollten keinen nostalgischen Sound“, betont Jan. „Wir vertrauten unserem Produzenten, dass wir am Ende keine Revival-Aufnahmen machen, dass wir nicht nur im Retro-Sinne kopieren, sondern zeitgemäß klingen.“ Im Ergebnis haben Tocotronic fast exakt drei Jahre nach dem Vorgängeralbum „Schall und Wahn“ keine stilistische Kehrtwende vollzogen, sondern beeindrucken durch „Hall und Echo“. Mit kraftvoller Resonanz, unter Einsatz exotischer Instrumente wie Theremin und Chordun sowie einem allgegenwärtigen Grundrauschen hat die Band auf „Wie wir leben wollen“ ihre ganz eigene Version einer „Wall of Sound“ geliefert, die anschließend im Mastering von Michael Ilbert mit „Eleganz und Glamour“ veredelt wurde. Dass der Komposition mit spleenigen Texten ganz gezielt Risse und Brüche zugefügt werden, bleibt bei Tocotronic wieder einmal mehr Konzept als Makel: „Den Teig der Teilung neu kreieren / Wörter sind nur Wörter / und trotzdem nicht zu verachten“, heißt es beispielsweise in dem Stück „Eine Theorie“. Für Dirk von Lowtzow war es eine Herausforderung, während der Arbeit an den neuen Songs „nicht wieder in alte Harmonien zu verfallen.“ Dass man auf etwas zurückgreift, das schon mal da gewesen ist, und dass das nicht noch einmal funktioniert, merke man im Studio „geradezu körperlich“. Das sei ein Signal, dass man noch mal umdenken müsse. Man ist plötzlich wieder Ausgangspunkt dieser Bestandsaufnahme – sich nicht ganz neu zu erfinden, aber dabei auch nicht zu wiederholen, hieß es doch schon weiter oben. Vielleicht hatten Tocotronic eingangs ja wirklich schon alles gesagt. Die These Nr. 100 zu „Wie wir leben wollen“ sollte demnach lauten: „Als bessere Zuhörer“.

Text: Jan Schimmang

Fotos: Michael Petersohn

Tocotronic „Wie wir leben wollen“ erschien am 25. Januar.

Tocotronic, Columbiahalle, So 14.4., 20 Uhr

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