Konzerte & Party

Das Шya-Festival in Norwegen

oya_festivalBeim diesjährigen Шya-Festival konnte man sich zunächst einen Überblick über die aktuelle Gummistiefelmode verschaffen. Vom dezenten Schwarz über das traditionelle Olivgrün bis hin zu knalligen Rot- und Hellblautönen war die gesamte Farbpalette vertreten, vereinzelt sah man auch Varianten mit hübschen Blumen- und Blättermustern. Lässig kombinierten die Besucher von Norwegens größtem Open-Air-Spektakel ihre funktionale Schuhmode mit wind- und wetterfester Oberbekleidung, deren erstaunliche Vielfalt vom Ostfriesennerz in Neonfarben bis hin zum transparenten Einwegponcho reichte. Dementsprechend gut gerüstet störte es die wenigsten, dass der Dauerregen am ersten Festivaltag die Grasflächen des Mittelalter-Parks, in dem vier Bühnen standen, in Morastlandschaften verwandelt hatte.

Erst als das Dubstep-Wunderkind James Blake am Mittwochabend seine von einem warmen und durchdringenden Bass getragenen Songfragmente über das Шya-Gelände wehen lässt, reißt die Wolkendecke auf, und die Skyline von Oslo erglüht im Licht der untergehenden Sonne. „Wir hatten in letzter Zeit einige Sorgen“, sagt Blake. „Ich bin froh, dass wir sie überwinden, indem wir gemeinsam Musik hören.“ Danach versinkt die Melodie seines Songs „Falling“ in zartem Feedbacklärm.

Beim größten Шya-Festival bislang erinnern zumeist nur Andeutungen an die Tragödie vom 22. Juli, und das ist vielleicht das Beste, was dieser Stadt passieren kann. Während die neuesten Enthüllungen über Anders Breivik und die Umstände seiner Gräueltat nach wie vor die Titelseiten der norwegischen Tageszeitungen füllen, zeigt Oslo nur wenige Kilometer vom Ort des Bombenanschlags entfernt seine angenehmsten Seiten. Das fängt schon bei der Einlasskontrolle an, bei der Gäste nicht wie sonst oft von grimmigen Muskelpaketen begrüßt werden, sondern vom freundlichen Lächeln freiwilliger Helferinnen. Fünf Tage nach dem Massaker hatten die Veranstalter bekannt gegeben, dass das Festival wie geplant stattfinden würde. Bei aller Trauer und Einkehr sei es wichtig, dass die Stadt und ihre Bürger nicht an dieser Tragödie zerbrächen: „Wir wollen uns Oslo zurückholen. Wir wollen deutlich zeigen, dass wir uns umeinander kümmern.“

Auf dem Festival selbst bleiben die pathetischen Ansprachen und Mitgefühlsbekundungen aus. Statt das Offensichtliche auszusprechen, verlassen sich die Künstler beim Setzen von positiven Zeichen ganz auf ihre Musik. Selbst die schwedischen Okkult-Rocker Ghost, wie üblich in pechschwarze Kutten gekleidet und von Trockeneisnebel eingehüllt, überraschen mit einer etwas schleppenden, aber durchaus erbaulichen Cover-Version des Beatles-Klassikers „Here Comes The Sun“. Auf der Hauptbühne lässt HipHop-Papst Kanye West zur Erbauung des Publikums sogar eine etwa 20-köpfige Balletttruppe antanzen. „Can we get much higher?“, fragt er gleich zu Beginn, während er auf einer Hebebühne in die Höhe fährt. Vor einem antikischen Bühnenbild inszeniert er sein Greatest-Hits-Programm als bizarre Rap-Oper in drei Akten, bei der es Feuer regnet und die auch wunderbar als Show-Einlage in eine „Wetten Dass..?“-Sendung gepasst hätte.

Kanye West ist nicht der einzige, der alles gibt, um das Шya-Festival in diesem Jahr für alle Beteiligten zu einem ganz besonderen Erlebnis zu machen. Am nächsten Tag wirkt Janelle Monбes Ballade „Smile“ zunächst noch wie eine etwas unbeholfene Durchhalte-Hymne, doch dann entzückt sie ihre Zuhörer mit einer explosiven Mischung aus futuristischem Funk und Motown-Nostalgie. Während es schwarze und weiße Luftballons regnet, lässt sich die Ausnahme-Performerin auch von den „No Crowd Surfing“-Schildern nicht davon abhalten, ein Bad in der Menge zu nehmen. Beim Auftritt von Pulp am Freitagabend gelingt es einem ebenso charmanten wie gelenkigen Jarvis Cocker dann sogar, das für seine eher zurückhaltende Art bekannte norwegische Publikum zum Tanzen zu bringen. „Eine wundervolle Menge, eine wundervolle Kulisse“, haucht er ins Mikrofon. „Was könnte daran falsch sein? Nichts.“

Text: Heiko Zwirner

Foto: Erik Moholdt

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