Klassische Musik

Das Oval Office von Mitte: Pierre Boulez Saal

Der neue Pierre Boulez Saal schließt eine musikalische Lücke

Pierre Boulez Saal

Baulärm ist immer die schönste Musik. Mit neuen Konzertsälen wollen sich meist öffentliche Entscheidungsträger ein Denkmal setzen. Anders hier. Beim Pierre Boulez Saal, ganz im Gegenteil, wollte ein Politiker die Sache eigentlich loswerden: Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bot eine freigewordene Hälfte des ehemaligen Intendanzgebäudes der Staatsoper dessen Generalmusikdirektor an. Auf dass Daniel Barenboim sie für Zwecke seiner Stiftung sinnvoll nutze. Also sprach Wowereit: „Aber es darf Berlin nichts kosten!“

Barenboim begab sich auf Geldsuche. Ein Drittel des Baubudgets (33,7 Millionen) kam aus privater Hand. Der Rest vom Bund. Für ihren Betrieb erhält die gemeinnützige GmbH im laufenden Jahr 5,5 Millionen Euro von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Das Auswärtige Amt stellt bis zu eine Million Euro für Krankenkasse, Zimmer und Lebensunterhalt der Studierenden zur Verfügung. Es handelt sich in Wirklichkeit um eine Privatuni samt Saal. Zurzeit gibt es 37 Studierende (in Zukunft möchte man bis zu 20 mehr aufnehmen). Gründer Barenboim legt Wert darauf, in alle Aktivitäten eng eingebunden zu sein. Sein Lehrfokus liegt auf Kammermusik.
Im rechteckigen Saal hat Architekt Frank Gehry einen ovalen Sitzrang eingehängt. Von oben betrachtet, staunt man, dass der wellenförmige Balkon aussieht wie eine Achterbahn. Die Musiker sitzen in der Raummitte. Parkett-Segmente kann man versenken, daher ist die Bühne verrückbar. Das Oval Office der Klassik, in dem die Staatskapelle unter Barenboim ab April sogar alle Schubert-Symphonien aufführen will, kann in ein Guckkastentheater umgewandelt werden. Das Einzige, was fehlt, ist eine Drehbühne.

Tatsächlich füllt der Saal in Berlin eine echte Lücke. Mit seinen 683 Plätzen hat er genau die richtige Größe, auf dass intimere Formate wie Streichquartett, Duo-Abend und Lieder-Matinee adäquat aufgeführt werden können. (Zum Vergleich: Der Kammermusiksaal der Philharmonie ist mit 1.180 Plätzen fast immer zu groß; der Kleine Saal des Konzerthauses mit nur 400 Plätzen oft unrentabel.)

Welche Möglichkeiten das schafft, merkt man rasch nach der Eröffnung am 4. März (mit Barenboim, dem Boulez-Ensemble und Anna Prohaska): Noch in der Eröffnungswoche spielt Radu Lupu einen Schubert-Abend im Duo mit Barenboim (8.3.). Auf eine Lecture mit Komponist Jörg Widmann (6.3.) folgt ein Kammermusikabend mit der georgischen Geigen-Nova Lisa Batiashvili (9.3.). Schubert-Lieder singt Christian Gerhaher (10./12.3.). John McLaughlin weiht den Raum jazzmäßig ein (11.3.). Im April gibt es ein Streichquartett-Festival (mit dem Hagen-, dem Belcea Quartett u. a.). Duos mit Martha Argerich, Pinchas Zukerman, Emmanuel Pahud, Gidon Kremer sowie Barenboims Schubert-Zyklen ziehen sich durch die Monate. Wenn der Saal akustisch so gut wird, wie dies bei Kult-Akustiker Yasuhisa Toyota erwartet werden darf, haben wir endlich sogar Anlass zum Jubeln. Fällt uns schwer in Berlin. Machen wir notfalls trotzdem.

Pierre Boulez Saal Sa 4.3., 18 Uhr + So 5.3., 11 Uhr Karten 15–95 €

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