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Avantgarde-Pop

„Das pisst mich so sehr an“ – Gespräch mit Perfume Genius

Perfume Genius ist der wichtigste schwule Popmusiker der Welt. „Ist doch egal, dass er schwul ist“, könnte man sagen. Ist es aber eben nicht. Das Anderssein prägt seine Musik, die per se politisch ist

Den Ruf als Weltmeister verstörend melancholischer bis selbstmörderischer Klavierballaden hatte sich Perfume Genius, 35, aus Seattle seit 2008 erspielt. Für „Too Bright“ (2014) holte er sich Verstärkung von Portishead dazu, und die queeren Songs wurden fröhlicher, variantenreicher in Tempo, Rhythmik und Intonation. Den Kurs setzt er auf dem neuen Album „No Shape“ fort – aber sowas von volle Fahrt voraus: Pomp, Chöre, Tribal-Metal-Drums – alles, nur kein Simpel-Takt. Vocals am Rande seiner Stimm­register. Trefflich für die Texte vom Selbsthass, den andere in unsere Köpfe pflanzen.

tip Perfume Genius, Sie sind von New York nach Seattle gezogen, um Drogen und Depression zu überwinden. Inzwischen wohnen Sie mit ihrem festen Freund in einem zitronengelben Haus in Tacoma, Washington. Scheinbar geht es Ihnen besser.
Perfume Genius Ja, so ist es. Nachdem ich aufhörte, zu trinken und Drogen zu nehmen, war das trotzdem eine Zeit lang das erste, woran ich dachte, wenn ich ein Problem hatte. Das passiert inzwischen nicht mehr. Ich fühle mich selbstsicherer. Auf der anderen Seite war ich jahrelang süchtig und hab Sachen verdrängt, die nun alle wiederkommen.

tip Aber gerade lächeln Sie viel.
Perfume Genius Ich bin auch niemand, der permanent schlechte Laune verbreitet.

tip Das Klavier, Ihr Parade-Instrument, haben Sie auf „No Shape“ noch stärker in den Hintergrund gerollt als zuvor schon auf der Platte „Too Bright“.
Perfume Genius Das war purer Vorsatz. Meine Musik wird besser, wenn ich dränge und stürme. Wenn sich etwas unbehaglich anfühlt, wird die Musik stärker.

tip Das Klavier wurde zu sehr Komfortzone?
Perfume Genius Schon. Ich drehe jetzt stärker auf. Mir kommen inzwischen öfter pianofremde Assoziationen: Das könnten Gitarren sein; das hier Streicher! Ich wollte, dass es ein Spaß wird. Also, äh, meine Version von Spaß: Achterbahn. Anders als anderer Leute Spaß. (lacht)

tip Eine Zeile im Liebeslied „Alan“, das an Ihren festen Freund geht, lautet „You need me“ statt des erwartbaren „I need you“.
Perfume Genius Lange war ich nicht gerade jemand, auf den man zählen konnte. Es fühlte sich beschissen an. Wir sind seit sieben Jahren zusammen, und können uns wirklich aufeinander verlassen. Vor unserer Beziehung hatte ich kaum jemanden, romantisch oder nicht, bei dem das so war. Viele meiner Songs inzwischen gehen so: „Du weißt alles über mich – und es ist okay.“ Früher war der Tenor: „Würdest du alles wissen, würdest du wegrennen.“

tip Der Song „Just Love“ klingt wie ein Mutmacher für junge queere Menschen.
Perfume Genius Der Song handelt davon, jung zu sein und all seinen Instinkten zu folgen. Ohne darüber zu grübeln. Man trägt das, was man will. Liebt den, den man will. Und dann lernt man mit der Zeit, dass die Dinge, die man liebt, von anderen für sonderbar oder abscheulich gehalten werden. Das infiziert einen mit Scham. Immer wieder werden Leute sagen: „Du bist nicht okay.“ Meine Message an Menschen, die an sich zweifeln und verzweifeln, im Grunde auch mein jüngeres Selbst, soll sein: Halte ihrem Blick Stand. Zwing ihren Blick nieder.

tip Sie bekommen sicher viele Briefe von Queers, die verzweifeln.
Perfume Genius Ja, und das geht mir inzwischen stärker durch den Kopf, wenn ich Lieder schreibe. Ich fühle sie auch stärker, wenn ich auf der Bühne spiele. Der Ausgangspunkt für meine Songs ist immer sehr persönlich. Aber dann versuche ich, die Perspektive zu weiten und viele andere mitzumeinen. Früher waren meine Lieder Einzeltheraphie. Inzwischen eher Gruppentherapie. (lacht)

tip Die wird wohl nötig unter einem trans-feindlichen Präsidenten Trump.
Perfume Genius Ich bin da nicht optimistisch. Ich denke, es wird schlimmer. Das ist gruselig. Alle, die ich kenne, haben das Gefühl: Jetzt müssen wir ganz fest zusammenhalten: Queere Menschen tauschen Telefonnummern aus, spielen Notfallpläne durch, was man tun könnte, wenn jemand von uns in unsichere Situationen gerät. Und vielen ging es schon so. Ich glaube, Alan und ich müssen zurück in die Stadt ziehen. Nach Los Angeles. Um Leute in der Nähe zu haben, die mehr auf unserer Seite sind. Das alles könnte ein großer Kampf werden. Trump ist so ein beschissener, böser Idiot. Ich bin ja damit aufgewachsen, dass Leute homophob und rassistisch sind. Frauenfeindlich. Keine Überraschung, dass viele aus Hass heraus gewählt haben. Ich habe selber oft zu spüren bekommen, wie kräftig Hass ist. Aber dennoch bin ich entrüstet, empört. Ich will aufstehen, nicht nur für mich selbst, sondern auch für Frauen, People of Color, Immigranten, Transmenschen. Es ist wichtig, zuzuhören und über seine eigenen Diskriminierungserfahrungen hinauszublicken.

tip Auf der anderen Seite zu stehen ist seit jeher großes Thema Ihrer Songs und auch auf diesem Album – wenn es auch etwas spiritueller geworden ist als die drei Vorgänger.
Perfume Genius Oh ja! Und dabei habe ich alles vor der Wahl geschrieben. Hätte ich es später geschrieben, wäre es wohl stärker auf die Fresse – Punk!

tip Sie waren auf dem Womxn’s March.
Perfume Genius Ich fühle mich dem Kampf für Frauenrechte eng verbunden. Eigentlich laufen alle Gründe dafür, warum ich als Kind und Jugendlicher terrorisiert wurde, darauf hinaus: dass Leute Aspekte von mir weiblich fanden. Ich kämpfe schon so lang dagegen an, dass diese Qualitäten herabgewürdigt, in den Schmutz getreten werden.

tip Dabei sah unter Obama mit der Legalisierung der Homo-Ehe vieles so gut aus.
Perfume Genius Ja, jetzt dürfen wir heiraten. Und? Es hätte niemals nötig sein dürfen, dass dieses Recht so lange erkämpft werden musste. Der kleine Junge, der ich war, hätte niemals eingetrichtert bekommen dürfen, dass er falsch tickt. Das pisst mich so sehr an. Immer noch.

tip Sie sind eine queere Ikone. Haben Sie trotzdem das Gefühl, Ihre Liebe verstecken zu müssen?
Perfume Genius Oh ja, und ich wünschte, es wäre nicht so. Jedes Mal, wenn das passiert, schäme ich mich – zum Beispiel, wenn mein Freund meine Hand halten möchte und ich sie wegschüttle, weil mich das Gefühl beschleicht, das käme hier gerade nicht gut. Und ich mag das überhaupt nicht, denn ich bin auch stolz auf mich und wie ich bin. In meiner Musik verstecke ich überhaupt nichts. Im realen Leben manchmal so vorsichtig und defensiv zu sein, ist mir sehr peinlich.

Kantine am Berghain Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Mi 14.6., 20 Uhr, ausverkauft

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