Konzerte & Party

Das SO 36 steht vor dem Aus

SO 36

Foto: Roland Owsnitzki

Vor ein paar Wochen kamen Mitarbeiter des Umweltamtes ins SO 36, um die Anlage zu verplomben. Musik darf seitdem nur noch bis zu einem bestimmten Lautstärkepegel gespielt werden. Doof, nicht nur bei Konzerten wie kürzlich von Biohazard. Eine Hard­core-Band, die den Lärmpegel einhalten soll, kann man sich nicht so richtig vorstellen. Auch bei den Agenturen, die ihre Bands in den Berliner Clubs verbuchen, spricht sich rum, dass das SO 36 neue Auflagen hat. Der traditionsreiche Konzertclub in der Kreuzberger Oranienstraße, der Anfang des Jahres sein 30-jähriges Jubiläum feierte, sei zu laut – fand ein Nachbar und beschwerte sich. Eine Schallschutzmauer könnte helfen, sagen die Betreiber. Doch Simone Stober will als Vermieterin nicht die nötige Genehmigung erteilen. Eine vertrackte Situation.

Bis vier Uhr in der Nacht hätten die Anwohner kein Auge zumachen können, erzählt Frau Stober von der Retus Hausverwaltung, die die Räume vermietet, aufgebracht am Telefon. Furchtbar seien auch die Urinpfützen in den Hauseingängen. „Das ist mein Gebäude“, sagt sie und beklagt den Dreck, die vielen Plakate und Graffiti an den Mauern. Die Retus Hausverwaltung ist in Kreuzberg keine Unbekannte. Schon im letzten Jahr gab es Ärger, als die Verwaltung ihren Mietern in der Oranienstraße Mietsteigerungen von bis zu 50 Prozent nach der Sanierung ankündigte. Stober sagt, Berlin sei einfach anders als noch vor 20 Jahren, es gäbe keinen Grund, dass ein Club so nah in einem Wohngebiet sei. Doch die Oranienstraße ist nicht nur Wohngebiet, sondern vor allem eine von Berlins gut besuchten Amüsierstraßen. In der Tat, Berlin verändert sich. Doch noch immer ist das SO 36 wichtiger Veranstaltungsort für alternative Konzepte und gibt damit dem Kiez sein besonderes Gesicht. Hier treffen sich Punks und Künstler, und hier treffen sich schwule Türken und Männer in Strumpfhosen. Seine Strahlkraft reicht weit über den Kiez hinaus. Der Laden hat einen Kultstatus, den die Hausverwaltung so wohl nicht sehen kann.

Dabei sah zwischendurch alles ganz gut aus. Das Team des SO 36 hatte einen Gutachter bestellt. Der machte viel Krach in den Räumen des ehemaligen Lichtspielhauses und maß, wie viel davon wo nach draußen dringt. Die Türen und die Lüftung seien dicht, erzählt Elena Pastorelli, Mitglied des Vorstandes des gemeinnützigen Vereins Sub Opus 36 e.V., der das SO 36 betreibt. Es seien die Mauern des 100 Jahre alten Gebäudes, die die Musik nicht aufhalten könnten. Also empfahl der Fachmann eine Schallmauer. Einen Meter dick, 80.000 Euro teuer. „Natürlich haben wir kein Geld dafür. Wir dürfen als gemeinnütziger Verein auch keine Rück­lagen haben“, sagt Pastorelli.

SO 36Schnell versuchte man befreun­dete Nachbarn, Mieter, Künstler zu mobilisieren. Soli-Feste wurden veranstaltet, Geld gesammelt, und in vielen Schaufenstern in der Ora­nienstraße hängen „SO 36 muss bleiben“-Poster. Über 5000 Euro sind so zusammengekommen. „Es gibt viel Unterstützung. Das ist wirklich schön“, sagt Pastorelli. Die Nachbarn von der Weinhandlung Suff verkaufen einen speziellen SO-36-Wein, und der Bürgermeister Franz Schulz hat sich zur Vermittlung angeboten. Mit dem Bezirk hat man geprüft, ob es Töpfe gibt, aus denen das Geld für die Mauer kommen könnte. Und tatsächlich, das Geld wurde bewilligt. Die Mauer sollte außen am Haus hochgezogen werden. Aber dann verweigerte die Hausverwaltung ihre Unterschrift.

„Eigentlich habe ich keine große Lust, darüber zu reden“, sagt Simone Stober. Sie möchte die Mauer nicht außen an ihrem Haus haben. Ein Meter vom Innenhof würde fehlen, Platz, den auch die dort ansässige Kita bräuchte. „Wir haben uns mit der Kita verständigt“, sagt die SO-36-Sprecherin hingegen. Es sei angeboten worden, eine Kletterwand an der Mauer zu installieren, und das sei für die Kita auch okay. „Es ist überhaupt nicht klar, ob diese Mauer etwas bringt“, argumentiert Frau Stober. Der Schall könne genauso gut durchs Dach gehen. Auch sie hat einen Gutachter beauftragt. Dass die Mauer eine Aufwertung für das Haus sei, glaubt sie nicht. „Es wird nie wieder ein Nachtclub da einziehen“, sagt sie.

Die beson­dere Rolle des SO sieht sie nicht. Vielmehr findet sie, dass das SO 36, einst als Kultur- und Begegnungsstätte für Jugendliche gegründet, nicht mehr viel von seiner ursprünglichen Aufgabe wahrnehme. „Da passiert nichts mehr für Jugendliche“, sagt Stober. In den nächsten Tagen soll ein Gespräch mit allen Beteiligten und dem Bezirksbürgermeister stattfinden. Auch dem wolle sie das Gleiche noch mal erzählen. „Wir haben die Auflage vom Umweltamt, dass wir bis zum 31. Juli handeln müssen“, sagt Pastorelli. Wenigstens kam in der letzten Woche ein Brief vom Bezirksamt, dass man das bereitgestellte Geld noch bis Ende August blo­cken könne. Danach gehe das aus haushaltsplanerischen Gründen auch nicht mehr. Eine Lösung sieht Simone Stober nur darin, dass das SO 36 die Mauer innen errichtet. Wer die Räume kennt, weiß, dass der eh schon recht schlauchartige Club einen Meter schmerzlich mis­sen würde. „Wenn wir für die Umbaumaßnahmen schließen müssen, können wir gleich komplett zumachen“, so Elena Pastorelli. Für die Vermieterin kein Argument: „Wenn man so viel Umsatz macht und so schlecht wirtschaftet, würde ich auch nicht überleben.“ Sie behauptet, der Verein würde die Miete nur noch unregelmäßig zahlen.
„Natürlich zahlen wir Miete, sonst wären wir doch schon längst rausgeflogen“, sagt Pastorelli.

Text: Laura Ewert
Fotos: Roland Owsnitzki (The Cramps)

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