Kommentar

„Dauerteaser“ von Stefan Hochgesand

„Ja! Ja! Ich komme!“ ist (bei richtiger Betonung) eine Zeile aus einem Porno.

Stefan Hochgesand

Nachdem uns in diesem Jahr einige Artists über Nacht mit neuen Platten überrascht haben, zelebrieren andere exzessiv das Vorspiel. Sie machen uns scharf und vertagen den Klang-Orgasmus dann auf übermorgen. Na danke!
Der Künstler, der es wahrlich auf die Spitze trieb, heißt Frank Ocean. Jahrelang verbreitete er angebliche Release-Daten, die sich stets als falsche Fährten erwiesen. Man dachte schon: Der Gute tut sich keinen Gefallen damit; wie soll das fertige Album den in aberwitzige Höhen geschraubten Erwartungen standhalten?
Am Wochenende trumpfte Ocean nun mit zwei fertigen Projekten auf: einem Visual-Album und der überraschend gitarrigen R’n’B-Platte „Blonde“, voller hochkarätiger Gäste wie Beyoncé, Kendrick Lamar, James Blake und dem Berliner Fotografen und Produzenten Wolfgang Tillmans. Das Warten hat sich gelohnt.
Während sich im Porno die „Ja! Ja! Ich komme!“-Szene in Zeiten des Internets herbeispulen (also -klicken) lässt, müssen wir im Analogen die Zeit des Herauszögerns und Ausharrens ertragen. Als Kind saß ich tagelang vor dem Radio, bis mein Lieblingssong kam. Heute ärgert man sich schon, wenn das Netz  ein paar Sekunden lang hängt. Was heißt das nochmal, Warten? Die Künstler, die lange teasen statt releasen, zwingen uns, uns wieder mit der Zeit zu befassen. Sie ist, wie die Stille, Basis von Rhythmik. Und überhaupt: von Musik.

Mehr über Cookies erfahren