Konzerte & Party

David Friedman im Jazz-Insitut Berlin

David Friedman

Eine Ära geht zu Ende. Der Berliner Jazz-Vibrafonist David Friedman lädt zu seinem Abschiedskonzert, und viele, die seinen Weg in den letzten 23 Jahren begleitet haben, werden mit ihm auf der Bühne stehen. Doch wenn er geht, dann geht nur ein Teil von ihm und der andere bleibt hier. Denn der amerikanische Lockenkopf verabschiedet sich weder von Berlin noch vom Jazz. Er beendet lediglich seine Lehrtätigkeit am Jazz-Institut Berlin.
Diese Zäsur ist allerdings überraschend genug. Freilich hat Friedman mit 67 Jahren ein Alter erreicht, das die Weiterführung einer Professur in Berlin formal unmöglich macht. Doch er hat nicht nur die Sektion Jazz an der damaligen Hochschule der Künste mit aufgebaut, die 2005 mit der Jazzabteilung der Ost-Berliner Musikhochschule Hanns Eisler zum Jazz-Institut Berlin (JIB) zusammengelegt wurde, er ist auch die personifizierte Nabelschnur des JIB zu den großen Epochen der Jazzgeschichte. Vor seiner Berliner Zeit spielte er mit Größen wie Joe Henderson, Wayne Shorter, Horace Silver und Chet Baker, aber auch Leonard Bernstein, Luciano Berio oder Yoko Ono bedienten sich seines eleganten Tons. 1977 gründete er mit Dave Samuels die Band Double Image, deren Nukleus von zwei Vibrafonen gebildet wurde. 1988 verschlug es ihn zunächst aus persönlichen Gründen an die Spree, wo er sich auch musikalisch wesentlich schneller akklimatisierte als viele seiner Landsleute. Friedman gehört zu den wenigen Amerikanern, die echte Berliner geworden sind. „Ich war von Anfang an davon fasziniert, wie sehr sich Berlin und New York ähneln“, rekapituliert er seine Ankunft. „Als die Wende kam, wurden die Ähnlichkeiten noch offensichtlicher. Berlin befand sich im Umbruch, und New York ist eine Stadt im permanenten Umbruch.“
David FriedmanWenn Friedman auf die zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnte blickt, überkommt ihn keine Wehmut, sondern vor allem Stolz. Er hat am JIB die größte Vibrafon-Sektion der Welt aufgebaut. Studenten aller Herren Länder kamen nach Berlin, um bei ihm zu studieren, denn er war stets mehr als nur ein Virtuose auf einem Exoten unter den Jazzinstrumenten. Jeder Ton von ihm erzählt eine Geschichte. „Das Vibrafon ist für mich eine Art musikalisches Abflussrohr“, lacht der Maestro. „Was ich im Kopf höre, geht durch die Schlägel hinaus direkt ins Publikum. Das Instrument selbst ist nur Mittel zum Zweck.“ Gerade deshalb sind Friedmans Erzählungen so eindringlich und glaubwürdig. Selbst wenn er mit seinem langjährigen Gefährten, dem Saxofonisten Peter Weniger, Standards interpretiert, klingen diese wie impressionistische Klanggemälde des Berliner Alltags.
Über die Verdienste um sein Instrument hinaus hat Friedman auch großen Anteil daran, dass Berlin sich über lange Fraktionskämpfe hinweg zu Europas wichtigster Jazzmetropole mausern konnte. Aufgrund seiner New Yorker Erfahrung verlor er nie den Glauben an den Standort Berlin. Unzählige Pro­tagonisten des aktuellen hauptstädtischen Jazzlebens sind direkt oder indirekt durch seine Hände gegangen. Die international gefeierte Jazzszene zwischen Spandau und Lichtenberg ist nicht zuletzt ein Baby des Amerikaners David Friedman, das er unermüdlich fütterte und pamperte, bis es endlich auf eigenen Beinen stehen konnte.
Friedmans vermeintlicher Abschied steht daher unter dem Motto „Jetzt erst recht!“. Er freut sich auf das, was vor ihm liegt. Wenn er seinen Unterricht auch unfreiwillig einstellt, hat er doch endlich wieder ausreichend Zeit, am öffentlichen Jazzleben der Stadt teilzunehmen. So ist dieser Abschied zugleich ein Aufbruch in die Zukunft.

Text: Wolf Kampmann

David Friedman: Looking back to the Future, Jazz-Institut Berlin, Georg Neumann Saal, Do 5.1., 19 Uhr, VVK: 6 Euro (erm. 4 Euro), [email protected]

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