Konzerte & Party

Dead Can Dance im Tempodrom

Dead Can Dance

Was genau vorfiel im Herbst 2005, als Lisa Gerrard und Brendan Perry ihre Band bis auf Weiteres an den Nagel hängten, ist nicht überliefert. Die damalige Reunion-Tour von Dead Can Dance war jedenfalls im Streit geendet, im „Desaster“, wie es die Sängerin heute ausdrückt. Danach stand es erst mal nicht zur Debatte, überhaupt je wieder in Kontakt zu treten, geschweige denn ein neuntes Dead-Can-Dance-Album aufzunehmen. Die Beziehung zwischen den beiden zur Perfektion neigenden Musikern, die einst auch ein Paar waren, galt schon immer als fragile, gelegentlich explosive Angelegenheit. Den traumwandlerischen Ambient-Epen des Duos, das sich seit über 30 Jahren kennt, ist das freilich nicht anzuhören.
Jetzt also, sieben Jahre später, haben die beiden Charakterköpfe doch noch zusammengefunden. Auf dem neuen Album „Anastasis“ präsentieren sich die beiden Musiker mit den ernsten, dramatischen Melodiestimmen als gewohnte Einheit. Die aus weltmusikalischen Klängen, Ambient und altertümlichem Folk gewebten Songs knüpfen eng an klassische Zeiten des Doppels an, das sich 1981 in Melbourne gründete und nach London übersiedelte. Mit ihrem wie von Ort und Zeit abgekoppeltem Schönklang prägten Dead Can Dance damals die florierende Londoner Indiepop-Kultur. Dem Label 4AD drückte das Paar ästhetisch seinen Stempel auf, für Heerscharen gelten Dead Can Dance als Kultband schlechthin. Das belegt auch die jetzige Tour, die ausverkauft war, ehe auch nur ein Plakat am Bauzaun klebte.
Einer neuen Platte hätte es somit als Grund für die Tournee kaum bedurft. Zumal beide Songschreiber gut ausgelastet sind. Besonders Lisa Gerrard ist als Komponistin fürs Kino dauerbeschäftigt. Seit dem vorläufigen Ende der Band 1998 verging kein Jahr ohne Veröffentlichung der Sängerin mit den edlen Zügen einer viktorianischen Lady aus dem 19. Jahrhundert.
Zwar erfinden sich Gerrard und Perry mit „Anastasis“ nicht gerade neu. Klanglich aber überflügelt das Album ältere Platten, dank Perrys hell ausgehorchter Produktion. Wieder fließen Elemente traditioneller Musikstile und Tänze aus aller Welt in glühenden ­Dreampop ein: Klänge griechischer Rembetiko-Lieder aus den 30ern tauchen neben Einflüssen jahrhundertealter spanischer Tänze und eigener epischer Balladen auf. Die gemessenen Grooves sind vielseitiger geworden, stehen für eine sachte Erweiterung. Unverkennbar schließlich Gerrards brillante Sopranstimme, die in selbst ersonnener Sprache aus der Musik zu erwachsen scheint.
Wie gewohnt wechseln sich die Bandköpfe paritätisch am Mikrofon ab. Perrys sonorem Dandy-Timbre gehören majestätische Hymnen wie der Aufmacher „Children of The Sun“ mit seiner zivilisationskritischen Hippie-Botschaft. Der stoisch wirkende Sänger war es übrigens, der die lange Funkstille beendete. Im Sommer 2009 war es, als den in Irland lebenden Musiker die Nachrichten
über Australiens tobende Buschbrände be­un­ruhigten. Um sich nach Gerrards Wohler­gehen zu erkundigen, wählte er ihre Nummer. Seither ist der alte, inspirierte Austausch über Malerei, Philosophie, Gott und die weite Welt wieder im Rollen. Nur eben nicht mehr über den Londoner Küchentisch hinweg, sondern via Files und Datentransfer.
Wenn Dead Can Dance dieser Tage wieder auf der Bühne stehen – flankiert von zwei Keyboardern und einem Percussion-Doppel?–, dann ist der Raum sogleich erfüllt mit ihrem charakteristischen weltoffenen Trance-Pop. Und doch ist eine Art Sicherheitsabstand zwischen beiden zu spüren: Wenn Perry das Mikrofon ergreift, zieht sich Gerrard nach hinten zurück. Offenbar behandeln sich die beiden derzeit mit Samthandschuhen. Noch mal wollen sie nicht eine halbe Ewigkeit abwarten, bis sie sich wieder gemeinsam ins Studio trauen.

Text: Ulrike Rechel

Dead Can Dance, Tempodrom, Mi 3.10., 20 Uhr, ausverkauft

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