Konzerte & Party

„Death By Pop“ im White Trash Fast Food

death_by_popFreitagabend, 1.30 Uhr, in der Schlange vorm White Trash. Vor allem Touris stehen hier, in weißen Hemden, ausgewaschenen Bootcut-Jeans und schwarzen Lederschuhen. „Death By Pop“ steht auf den Flyern, die am U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz verteilt wurden, jeden Freitag im White Trash, Indie, Electro, Rock heißt es. Die Erwartungen sind niedrig, Indiepartys stehen jetzt nicht gerade für aufregende Berliner Nächte. In einem der großen Fenster im White Trash Restaurant räkelt sich ein Pärchen in knappem Lederoutfit. Niemand beachtet sie – noch, denn später werden sie so etwas wie der Hauptact des Abends sein.

Death By Pop startete vor etwa vier Jahren als Indie-Partyreihe im Bang Bang Club. Dann machte der Bang Bang Club Anfang des Jahres zu, mit Death By Pop war es erst einmal vorbei. Bis vor wenigen Wochen. Mit dem White Trash war ein neuer Ort gefunden. Vincent, der seinen Nachnamen nicht verraten will, steckt hinter Death By Pop. Den Club in der Schönhauser Allee kennt er gut, er wohnt um die Ecke und er veranstaltet hier seit Langem jeden Samstag den White Noise Club. Auch eine Indie-Party. Aber rocklastiger als Death By Pop, sagt er. In den 90er-Jahren hat der gebürtige New Yorker Partys in London organisiert, dann, vor fünf Jahren, ist er nach Berlin gezogen. Auf MotorFm hat er eine eigene Sendung, „Off The Record“. Warum Vincent New York und London hinter sich gelassen hat, um ausgerechnet in Berlin, einer Stadt, die eher für Techno-Clubs und elektronische Musik steht, Rock- und Alternative-Partys zu machen, ist schnell erklärt: „Weil es trotzdem eine Menge Leute gibt, die genau das hören wollen“, sagt er. Und er weiß, dass er recht hat, denn er hat es bisher noch jeden Freitag geschafft, dass die Leute für Death By Pop Schlange stehen.

Die, die dann endlich gegen zwei Uhr, nach geduldigem Ausharren am Eingang, das White Trash betreten, landen in einer Art ausgearteten WG-Party: Auf den Sofas sind die ersten eingeschlafen, in einer Bierpfütze, zwischen leeren Zigarettenschachteln und Schnapsgläsern, liegt ein GEMA-Vertrag irgendeiner Band ohne Unterschrift. Oben im Restaurant isst längst niemand mehr Burger, aber an den Tischen werden bierselige Diskussionen geführt. Jeder Beitrag wird mit lautstarkem Zuprosten quittiert. Die Tanzfläche im Keller ist voll. Die Touris mit ihren schicken Hemden verschwinden zwischen Brit-Poppern mit Oasis-Frisuren, tätowierten Jeansjackenträgern und Mädchen in kurzen Röcken und zerrissenen Strumpfhosen. „Das ist so London hier“, sagt einer der Gäste an der Bar zu seiner Begleitung. Getränke bestellen ist nicht einfach und dauert, die Jungs und Mädels hinterm Tresen meiden jeden Blickkontakt. Es läuft die Ur-Indiehitband, die von allen Röhrenjeans-Generationen seit Ende der Siebziger gefeiert wird: The Cure. Es folgen die Yeah Yeah Yeahs, Killers, Arcade Fire, MGMT – konsequent legt der DJ die erste Singleauskopplung der Bands auf, die meisten Songs sind also etwa vier bis fünf Jahre alt, oder älter. Die Übergänge sind mies, aber die Musik ist, bis auf wenige Ausnahmen, radio- und damit massentauglich. Irgendwann kommt „Sabotage“ von den Beastie Boys, natürlich, das Lied fehlt seit über 15 Jahren in keiner Indie-Disco. So lange, wie die meisten der Leute hier wohl auch schon zu dieser Musik in Clubs und auf Partys tanzen.

Und das Pärchen im knappen Lederoutfit? Die haben längst ihren Fensterplatz verlassen und stehen auf der Bühne, vorm DJ, der mit seinen Platten ein Stück nach hinten rücken musste. Sie versuchen sich in lasziven Moves. Egal, was gespielt wird, ob das fröhliche „Over and Over“ von Hot Chip oder ein total verschrammelter Bloc-Party-Remix, mit unverändert grimmigem Blick legen sie gekonnte Sidesteps hin, sie wackeln mit Hintern und Brüsten und schütteln ihre schwarzen Haare. Mit den schwarz umrandeten Augen, dem weißen Make-up und der Lack- und Lederkostümierung sehen sie aus, als hätten sie sich auf dem Weg zu einer Death-Metal-Party verirrt. Anscheinend aber sind sie für den ganzen Abend gebucht, denn sie gogotanzen die restliche Nacht. Auch beim nächsten Mal Death By Pop werden sie wieder dabei sein.

Text: Katharina Wagner

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Death By Pop White Trash Fast Food, jeden Freitag ab 22 Uhr

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