Konzerte & Party

Deichkind in der Max-Schmeling-Halle

Deichkind

„Schwere Zeiten für Schocker“, lamentiert Deichkind-Mitglied Porky. Ihr Video zu „Like mich am Arsch“ wurde ausgerechnet auf Facebook zum viralen Hit. Mehr als eine Millionen Klicks innerhalb weniger Tage. „Hätte ich nicht gedacht, dass die da so reflektiert sind“, fügt er hinzu. Obwohl die Nummer im Grunde ja auch gar kein Anti-Facebook-Song sei, sondern lediglich eine Bestandsaufnahme. Deichkind verstehen sich nämlich seit Neuestem als Forschungsprojekt, wie Show-Konzeptioner und inoffizielles Band-Mastermind La Perla nicht müde wird zu betonen. Eines, das seine Umwelt genau scannt und seine Beobachtungen anschließend in ironisch-süße Textzeilen packt: „Was meinst du mit schaden? Er hat es doch selbst hochgeladen!“
Mit dem Stilmittel der Subversion arbeiten Deichkind zwar schon, seit sie 2005 ihren bis dato klassischen Hip-Hop gegen Mülltüten und Bollerbeats tauschten; auf ihrem aktuellen Album „Niveau Weshalb Warum“ überwiegen jedoch erstmals die kritischen gegenüber den törichten Tracks. In „Denken Sie groß“ geht die Band profitgierigen Beratern und Unternehmern an den Kragen: „Lasern Sie die Welt und dann weg mit der Brille. Sie müssen sich nur noch entscheiden. Wenn Sie bitte hier unterschreiben.“ An anderer Stelle heißt es: „Kaufen Sie kein Weed, kaufen Sie Jamaica!“ Das Forschungsprojekt Deichkind ist also rein deskriptiv unterwegs. Die Auswertung überlassen sie ihren Zuhörern. Eine klare Meinung zu postulieren oder gar Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu geben, entspräche aber auch nicht der Deichkindschen Kommunikationsstrategie. Diese lautet: Immer schön diffus bleiben. „Verwirrung stiften ist uns wichtig“, erklärt Porky. „Das macht Spaß und hält frisch.“ So muss wohl offen bleiben, ob der Track „Elefanten und Porzellan“ mit seinem kitschigen Refrain („Wir gehören zusammen. Yin und Yang. Gegensätze ziehen sich an. Wie Feuer und Wasser, komm gib mir deine Hand.“) nun eine Satire auf flache Popmusiktexte ist oder nicht. Der Song sei durchaus ernst gemeint, behauptet zwar Porky, fügt aber hinzu: „Selig sind die, die geistig arm sind.“ 
Und die Bierdusche und die Hüpfburg und das Schlauchboot, jene Utensilien also, mit denen Deichkind ihren feierwütigen Fans bei ihren Liveshows einheizen? Denn so sehr sich die Feuilletonisten auch auf die Medien- und Konsumkritik der Band stürzen, sie analysieren und dechiffrieren; der gemeine Deichkind-Anhänger kauft sich kein Konzertticket in der Hoffnung auf einen tiefgründigen Abend. Er möchte seinen Kopf nicht aktivieren, sondern deaktivieren. „Der Exzess ist ein Ventil für den Geist“, erklärt Porky. „Der Homo sapiens hat sich schon immer das Bewusstsein verändert, um Ruhe in den Verstand zu kriegen. Wir leisten Hilfestellung.“ Dass sie jemals zu alt sein könnten, um den Rausch-Dienstleister zu spielen, kann sich die Band nicht vorstellen. „Ich wüsste nicht, was ich sonst machen sollte“, sagt Porky. „Meine Blutwerte sind gut und gegen Schmerzen gibt’s ja Pillen.“

Text: Henrike Möller

Foto: Nikolaus Brade

Deichkind, Max-Schmeling-Halle, Falkplatz 1, Prenzlauer Berg, Di 28.4., 20 Uhr, ?ausverkauft

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