Konzerte & Party

Der Boss im Kino: „Springsteen & I“

Bruce Springsteen

Da ist die dreifache Mutter, die ihre Söhne im Auto ausschließlich mit Bruce-Springsteen-Platten traktiert, mit einer Ausnahme: den Songs von Patti Scialfa, Springsteens (zweiter) Ehefrau. Oder der Elvis-Imitator, dessen Traum, mit seinem Idol einmal auf der Bühne zu stehen, sich eines Tages erfüllt, als er Presley’s „All Shook Up“ intoniert, dem Boss dabei sogar huldvoll ein Gitarrensolo zuteilt, ehe ihm einfällt, dass „All Shook Up“ gar kein Gitarrensolo hat. Oder die Frau, die schlicht sagt: „Ich wurde zu ‚Thunder Road‘ gezeugt.“
Das sind so Geschichten, die Fans vom Boss weltweit per Video eingereicht haben, und aus denen der Regisseur Baillie Walsh die außergewöhnliche Doku „Springsteen & I“ montiert hat, die am 22. Juli weltweit im Kino läuft – übrigens kurz nach dem 25. Jahrestages des legendären Ostberliner Springsteen-Konzerts an der Radrennbahn Weißensee.
Dort, wo am 19. Juli 1988 je nach Schätzung 160.000 (offizielle Zahl), 200.000, 300.000 oder gar (eher zweifelhafte) 500.000 DDR-Bürger aus voller Kehle „Born In The U.S.A.“ skandierten und der Boss, bevor er Dylans „Chimes Of Freedom“ spielte, nicht nur den DDR-Funktionären mit seiner Hoffnung, „dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden“ ein ungutes Gefühl in der Magengegend bescherte, sondern auch einem bedauernswerten Kollegen im Studio des Radiosenders DT 64, der bei der leicht zeitversetzten Radioübertragung mitten in Springsteens (deutsch vorgetragener) Ansprache hektisch den Regler runterzog, als ihm klar wurde, was da gerade über den Äther ging.
Man muss gar nicht der These des US-amerikanischen Journalisten Erik Kirschbaum zustimmen, dass diese Worte das Ende der DDR beschleunigt hätten (gerade ist bei Berlinica sein Buch „Bruce Springsteen – Rocking the Wall. Ost-Berlin 1988 – das legendäre Konzert“ erschienen). Wer wie der Autor dieser Zeilen damals dabei war, vergisst diese dreieinhalb Stunden nicht mehr. Vom ersten „Badlands“-Drumwirbel bis zum tosenden „Twist and Shout“-Finale mit dem finalen „Having A Party“-Choral: „So listen, Mister DJ, won’t you keep those records playin’…“ Und dann dieses ungläubige Staunen in den Gesichtern der vielen Leute, mit denen man hinterher über die nächtliche Rennbahnstraße lief, noch all die Melodien im Kopf, im Herz: Momente, die bleiben.
Wie kompromisslos die legendäre Treue vieler Boss-Fans ist, erlebt man nun auch in „Springsteen & I“: mit dem armen Mann, der seiner Bruce-hörigen Freundin in die Videokamera erzählt, dass er mit ihr zwar viele schöne Städte habe kennenlernen dürfen. Wenn dabei bloß nicht immer diese Konzerte wären, wo er mit muss. Drei Stunden und mehr. Es hört einfach nicht auf.

Text: Erik Heier

Springsteen & I, Cinemaxx Potsdamer Platz, Mo 22.7., 20 Uhr

www.springsteenandi.com

Springsteen-Ticket von 1988

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