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Interview

„Der ­Chanson ist ein ­guter Freund“ – Georgette Dee und Tim Fischer in der Bar jeder Vernunft

Georgette Dee und Tim Fischer zählen zu Deutschlands größten Chanson-Interpreten. Zur Weihnachtszeit sind sie in der Bar jeder Vernunft zu erleben. Ein Long-Distance-Gespräch über die Liebe, Wellness-Abende und den Zwerg Hitler

Georgette Dee, Foto: André Boehm
Georgette Dee, Foto: André Boehm

Georgette Dee Geboren wurde Dee am 9.9.1958 in Sülze in der Lüneburger Heide. Ihren bürgerlichen Namen hält sie seitdem erfolgreich geheim. Ausgebildet wurde Dee in Hamburg zum Krankenpfleger. Unterricht gibt Dee im Fach Liedgut an der Otto-Falckenberg-Schule in München.

Zur Weihnachtszeit sind sie wieder – wenn auch getrennt – in der Bar jeder Vernunft zu erleben: Georgette Dee, von Verehrern als „Königin der Diseusen“ gefeiert, mit „Schneegeschichten und Kuschelliedern“, und der Chansonnier Tim Fischer mit seinem aktuellen Bühnenprogramm „Absolut“. Die beiden Wahlberliner, so hat es Fischer einmal formuliert, „sind nicht nur Kollegen, sondern auch Freunde, wir sehen uns nur zu selten“. Die Terminkalender sind voll, beide an einen Tisch zu bekommen, kaum möglich. Daher also Einzelgespräche mit Dee (58) und Fischer (43) am Telefon – doch selbst dann, wenn sie gar nicht direkt miteinander plaudern, verstehen sie sich immer noch verblüffend gut.

tip Herr Fischer, die kalte Jahreszeit ist doch die ideale Chanson-Zeit, oder?
Tim Fischer­ Wie es in einem alten Chanson heißt: „Kommt der Herbst mit Sturm und Niesen, dann beginnt für uns die Season.“ Dann gehen die Menschen in die Hustenhäuser, also ins Theater, wo die Sonne auf der Bühne aufgeht.

tip Frau Dee, Sie stehen seit 37 Jahren auf der Bühne – bei Ihnen, Herr Fischer, sind es 28 Jahre. Was macht das Chanson für Sie bis heute so besonders?
Georgette Dee Ich halte es mit Erich Kästner, nach dem das Chanson Weltgeschichte in drei Minuten ist. Das Schöne daran ist, dass man kleine Geschichten erzählen kann. Beim Schlager würde es heißen: „Yvonne hat mich verlassen, jetzt sitz ich an der Bar“. Das Chanson fragt darüber hinaus: „Warum sitze ich hier und was hat das mit mir zu tun?“ Es kommt immer noch eine Ebene hinzu. Chansons sind zudem lustiger, kratzbürstiger …
Tim Fischer­ … verschrobener auch.

tip
Ein besonders komisches Chanson aus Ihrem aktuellen Programm, Herr Fischer, ist das Lied „Hitler“ von Thomas Pigor. Es handelt davon, wie sich Hitler rasiert.
Tim Fischer­ Eine chaplineske Nummer mit vielen Pointen, die Hitler vom Sockel holen soll, diesen hässlichen kleinen Zwerg, der das Gegenteil von dem war, was er propagiert hat. Wie kann es sein, dass er solch einen Zulauf hatte?

tip
Eine Frage, die sich auch heute wieder bei vielen Rechtspopulisten stellt. Chansons bleiben anscheinend aktuell, auch die alten von Kurt Weill, Georg Kreisler oder Jacques Brel.
Georgette Dee Selbst bei einem jahrelangen Repertoire-Hit entdecke ich jedes Mal etwas Neues – anders als beim Schlager, der viel schneller abgenudelt ist.

tip Was macht einen guten Chansonnier eigentlich aus?
Georgette Dee Zu meinen Gesangsschülern sage ich immer: Macht euch die Lieder zu eigen! Behandelt sie so, als seien sie gestern für euch geschrieben worden! Wenn das Lied dann mit dem Sänger verschmilzt, entsteht diese Magie.
Tim Fischer­ Georgette versteht es, die Menschen auf virtuose Art und Weise zum Lachen und zum Weinen zu bringen, das ist ganz großes Kino! Wir leben aber auch von unseren Begleitern, die uns in die entlegensten Winkel folgen und Melodien spielen, in denen wir uns räkeln und zuhause fühlen können.

Tim Fischer Geboren wurde Tim Fischer am 12.3.1973 in Delmenhorst. Damals hieß er noch Tim Jiménez Domínguez. Schauspieler ist Fischer ebenfalls. Er war am Berliner Ensemble, im „Tatort“ und in Leander Haußmanns Verfilmung von „Herr Lehmann“ zu sehen. Bruder Denis Fischer, fünf Jahre jünger, ist ebenfalls Sänger und Schauspieler.

tip Sprechen wir über die Liebe, die aus der Geschichte des Chansons nicht wegzudenken ist.
Georgette Dee Chansons sind so vielfältig wie die Liebe selbst. Für die einen ist sie eine rauschende Ballnacht, für die anderen 50 Jahre Gemeinschaft. Ich bin selbst kein Beziehungsmensch, aber Liebe ist auch für mich die treibende Kraft der Menschheit. Meine Elegien, die ich vor 25 Jahren über die Liebe geschrieben habe, haben für mich noch immer eine wahnsinnige Strahlkraft.
Tim Fischer­ Aus Liebe passieren die schönsten, aber auch die schlimmsten Dinge. „Wer weise ist, der bleibt allein“, heißt es. Warum also tut man sich das an? Und warum tut man sich das gegenseitig an? Solche Fragen werden an einem guten Chansonabend behandelt.

tip Gutes Stichwort: Im Unterschied zum Schlager blenden Chansons das Schlimme nicht aus.
Georgette Dee Das Leben besteht nun mal aus Traurigkeit, Frustration und Ängsten. Da kann es be­glückend sein, wenn man als Zuhörer das Gefühl bekommt: „Ah, jetzt versteht mich mal einer!“
Tim Fischer­ Das Chanson ist wie ein guter Freund, mit dem man auch übers Eingemachte sprechen kann.  Wenn ich ein Lied wie „Komm, großer schwarzer Vogel“ singe, kommen Menschen zu mir, die mit niemandem über den Verlust eines nahen Verwandten sprechen konnten, für die das Lied eine Art Zauberspruch, ein Ventil ist.

tip Ihre Konzertabende an Weihnachten werden jetzt aber nicht zu ernst, oder?
Tim Fischer­ In meinem Programm „Absolut“ wird nichts ausgespart, es geht quer durch die Gefühlsskala.
Georgette Dee Bei mir werden das schon eher Wellness-Abende mit Kamingeschichten.
Tim Fischer­ Bei uns beiden ist jedenfalls noch Glut im Kamin. Der Schornstein raucht noch.

Bar jeder Vernunft Schaperstr.24, Charlottenburg, Georgette Dee: Di 20. – Fr 23.12., 20 Uhr, VVK 29,50 €; Tim Fischer: So 25. – Sa 31.12., 19 bzw. 20 Uhr, VVK 27 €

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