Konzerte & Party

Der Club Transmediale wird zehn

Drop The LimeKein Experiment ist so unwahrscheinlich, kein Musiker so verrückt, keine Subkultur so abseitig, dass sie beim Club Transmediale, dem Festival für experimentelle Musik im Spannungsfeld zwischen Pop und Club, abgewiesen werden könnte. Der ctm zelebriert die Vielfalt in diesem Jahr mit der avangardistischen Doom Metal Band OM?genauso wie mit hochsensibler Electronica. Als große Neuerung zieht das Festival zudem von Friedrichshain und Kreuzberg nach Mitte: Das neu eröffnete WMF in der Klos­terstraße ist ein Hauptveranstaltungsort, der club­bige Dichte verspricht.
Am ersten Festivalwochen­ende ist Daniel Haaksmanns Clubnacht „Heat“ einer der Höhepunkte. Das Berliner Nachtleben ist traditionellerweise auf die gradlinigen Beats des Techno und House fixiert, Haaksmann hingegen nimmt sich der marginalen Formen von Clubmusik an. Dem gediegenen, überproduzierten Clubsound der Ge­genwart setzt er die derben Beats und fordernden Basslines von Ghettomusiken aus der ganzen Welt entgegen, des Baile Funk aus Brasilien, der Baltimore Gutter Music, von Miami Bass und des Kuduro aus Lis­sa­bon. Diese Musikstile scho­cken mit ihrer unvermit­telten Körperlichkeit und ihrem direkten Sex. Die Bass­lines von DJ Manaia aus Lissabon röhren wie ein wahnsinnig gewordener Elefant, Schlachthofbronx aus München verpassen Booty Bass ein bayrisches Idom. Star des Abends wird jedoch Drop the Lime (Foto oben) aus New York sein, der mit seinen bizarren Stilhybriden das Clubgeschehen der Stadt neu belebt hat: Drop the Lime produziert Basslines, die sich in die Beats mit der Brutalität von Schlagbohrmaschinen winden, um gleich darauf das Publikum mit seinem sehnsuchtsvollen Tenor zu versöhnen.
Holy FuckSchon seit einigen Jahren ist der DJ als Zeremonienmeis­ter am Aussterben. Auch bei diesem Festival treten zum größten Teil Live-Acts auf. Der fertige, geschlossene Track hat in der Dy­namik der Party keine Berechtigung mehr, er muss aufgebrochen und verflüssigt werden. Holy Fuck aus Toronto (Foto rechts) arbeiten mit Emphase daran: Die Band wendet die Methoden und Verfahren der elektronischen Musik an, verzichtet dabei aber auf elektronische Instrumente und den Computer. Die Strenge des Loops zwingen die Musiker ih­ren eigenen Körpern ab. Dabei setzen sie alle denkbaren Klangerzeuger bis hin zur Spielzeugtrompete ein. Holy Fuck klingen wie die Rhythmusgruppe einer Band, die sich von ihrem Sänger und ihrem Gitarristen emanzipiert hat: Ihr abstrakter Flow entwickelt sich aus einer rockigen Erdigkeit, um gleich wieder in brüchige, offene Passagen zu zerfallen. Ein ähnliches Projekt verfolgt das Modern Deep Left Quartet, das am zweiten Wochenende auftritt. Die Band aus Vancouver um den legendären Produzenten Mathew Jonson hat den Clubsound der Gegenwart aus der Perspektive des Jazz der 70er Jahre aufgearbeitet. Ihre seltenen Konzerte sind legendär: Der absorbierende Klangstrom des Modern Deep Left Quartet versetzt die Zuhörer in eine entrückte, aber doch nicht körperlose Verfassung. So verbinden sich Spannung und Ruhe in einem Zustand, den man allen­falls aus der Medi­ta­tion kennt. Gelegenheit, sich von diesen Klang­abenteuern zu erholen, bietet die Afterhour in der Panoramabar am letzten Tag des Fes­tivals: Dort präsentiert der niederländische DJ Joris Voorn seine eleganten Detroit-Techno-Elegien.

Text: Alexis Waltz

Club Transmediale 28.1.-7.2.2010, WMF, VVK: 12 Euro, Festival-Pass: 70 Euro
Eröffnungsabend am 28.1. im HAU 1-3 innerhalb des CONTEXT-FESTIVALS

Nähere Informationen: www.clubtransmediale.de

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