• Konzerte & Party
  • „Vibrato killt den Klang“ – Der Dirigent Roger Norrington im Gespräch

Symphonik

„Vibrato killt den Klang“ – Der Dirigent Roger Norrington im Gespräch

Dirigent Roger Norrington über die Musik von Bohuslav Martinu beim Deutschen Symphonie-Orchester und den Grund dafür, dass er „auf reinem Ton“ besteht

Sir Roger Norringten, Foto: Manfred Esser

tip Sir Roger, Sie starten in Berlin einen Zyklus sämtlicher Symphonien von Bohuslav Martinů. Ich musste nachschlagen, wie viele Symphonien er geschrieben hat. Und Sie?
Roger Norrington Ich habe auch erst zwei seiner insgesamt sechs Symphonien dirigiert. Aber das war ein Fehler. Wundervolle Musik! Und ein verrückter Typ, über den mir ein Freund, der ihn kannte, großartige Geschichten erzählte. Martinů muss sehr scheu und in sich gekehrt gewesen sein. Klingt fast danach, als habe er unter dem Asperger-Syndrom gelitten. Die Musik allerdings brach aus ihm heraus, er hat ein Stück nach dem anderen komponiert. Fast immer sehr tänzerisch, sehr speziell. Ich bin jetzt 84 Jahre und werde nicht mehr lange da sein. Aber ich möchte umso mehr Sachen machen, die ich noch nicht kenne.

tip Schwer zu treffen ist Martinůs tschechisches Lokalkolorit. Wie schafft man das?
Roger Norrington Ach, wissen Sie, dieses Problem besteht bei jedem Komponisten. Man muss die Mentalität kennen. Und die kann man lernen. Heute neigen alle Orchester dazu, international zu spielen. Sogar die Tschechische Philharmonie musste ich vor einigen Jahren regelrecht animieren, etwas landestypischer zu spielen. Entscheidend indes ist nicht, dass es tschechische Musik ist. Sondern dass es Musik ist.

tip Sie sind ein weltweit bekannter Feind des Vibratos. Die Orchester sind das nicht gewöhnt. Können Sie das Spiel mit geradem Ton von allen verlangen?
Roger Norrington Seit 2000 halte ich es konsequent durch. Ich gebe zu, dass ich die Berliner Philharmoniker vielleicht nicht darum bitten würde. Und dass ich noch nicht entschieden habe, ob ich bei Martinů darauf bestehen sollte. Die Frage ist, ob der Komponist einverstanden wäre. Die Wiener Philharmoniker jedenfalls haben bei Mozart für mich auf alles Vibrato verzichtet. Vor etwa zehn Jahren.

tip Und wurden Sie danach jemals wieder eingeladen?
Roger Norrington Nein! Und das ist der Preis, den ich zahlen muss. Es gibt genug andere Orchester, die ich animieren kann, mit reinem Ton, wie ich es nenne, zu spielen. Ich bin bis heute nahezu der einzige, der zu diesem Prinzip steht.

tip Klingt Ihre Rede von einem reinen Ton nicht etwas tendenziös? Ein Ton wird doch nicht unrein durch ein bisschen Vibrato.
Roger Norrington Das kommt darauf an. Ich habe nichts gegen das Vibrato, wenn es als Ausdrucksmittel verwendet wird, wie in den alten Aufnahmen des Geigers Fritz Kreisler. Aber wenn es die Tonhöhe korrumpiert, beeinträchtigt und killt es die Obertöne – und damit den Klang. Als ich einmal in Japan dirigierte, waren die Leute dort begeistert von dem fehlenden Vibrato und erklärten, es klinge so schön warm. Das gefällt mir besser.

tip Viele Jahre lang hatten Sie große gesundheitliche Probleme – mit denen sie sehr offen umgegangen sind. War das Ihre Form, nicht aufzugeben?
Roger Norrington Dass ich überlebt habe, lag nur daran, dass ich den richtigen Arzt gefunden habe. Er hat mich gerettet und behandelt mich seit 25 Jahren immer noch. Seitdem bin ich realistischer geworden. Seit zwei Jahren ist auch meine Frau an Krebs erkrankt, und wir fragen uns, wer als Erstes gehen wird. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blüht alles so schön, und ich habe ­einen so großartigen Beruf. Was soll ich klagen? Ich muss glücklich sein. Und ich bin es.

Philharmonie Di 1.5., 20 Uhr Karten 15–49 €

Mehr über Cookies erfahren