Schlachten mit Wörtern

Der Hip-Hop-Überflieger Loyle Carner im Interview

Der 22-jährige Loyle Carner aus London steht auf Lyrik und Jazz – und ist der Überflieger in Britanniens Hip-Hop, sagen alle vom Fachblatt Fader bis zur BBC. Eine große Schwäche hat er aber

Foto: F.A. Schaap

tip Hier steht eine ganze Schale Süßkram, aber Sie greifen direkt zur Mandarine.
Loyle Carner Zucker macht mich ganz verrückt. Ich flitze dann nur noch durch den Raum. Am schlimmsten ist Club Mate, dieser Scheiß. Das hat schon für viel Spaß gesorgt – allerdings mehr für die Leute um mich rum als für mich selbst.

tip Das wollen wir sehen.
Loyle Carner Auf keinen Fall!

tip Als Kind waren Sie hyperaktiver Legastheniker. Ungünstige Kombination.
Loyle Carner Oh ja! Und auf der Schule fiel es mir schwer, was Vernünftiges über Texte zu schreiben, die ich mochte. Shakespeare zum Beispiel. Auch Rechtschreibung war nicht so mein Ding. Bei Lyrik spielten Grammatik und Kommasetzung aber scheinbar keine Rolle. Das hat mir Mut gemacht, selbst Gedichte zu verfassen.

tip Vor ein paar Jahren haben Sie dann ein Projekt gegründet für Kinder, denen es ähnlich geht.
Loyle Carner Eine Kochschule. Oft bin ich super aufgedreht und tue Zeugs, ohne richtig darüber nachzudenken. Wenn ich koche, bin ich hingegen ganz entspannt. Wahrscheinlich, weil ich mich dann voll auf die Zubereitung fokussiere und nicht ständig abschweife. Nachdem ich rausgefunden hatte, dass das für mich funktioniert, dachte ich: Vielleicht hilft das auch Kindern. Irgendwann waren hunderte da.

tip Sie selbst galten auf der Schule noch als Problemkind.
Loyle Carner Eltern meiner Klassenkameraden sagten: „Halt dich von dem Jungen fern.“ Es war der Horror. Ich meine, das war doch nicht mein Fehler. Oder vielleicht war es mein Fehler. Aber ich war an sich keiner, der auf Ärger aus war. Ich hab Sachen geworfen, getreten, zerbrochen – aber nie angefangen, jemanden zu schlagen.

tip Auch nicht auf dem Pausenhof?
Loyle Carner Wir haben uns Wortschlachten geliefert auf dem Schulhof. Hip-Hop-Battles. Wenn man auf dem Schulhof nicht mit Punchlines aus Worten kämpfen konnte, wurde man quasi gekillt. Ich hatte Glück. Denn es war so ziemlich das Einzige, was ich konnte: rappen.

tip US-Bling-Bling-Hip-Hop oder der dreckigere britische Grime, der etwas von Dubstep hat?
Loyle Carner Beides. Hip-Hop kannte ich zuerst. Was Ende der 1990er so im Fernsehen lief: Kanye West, De La Soul, Ludacris. Aber erst als ich Roots Manuva hörte …

tip … einen Briten, der Hip-Hop mit Reggae, Dub und Electro versieht …
Loyle Carner hatte ich das Gefühl: Das ist mein Ding! Und er spricht einen Akzent, den ich auch draufhabe. Plus: Grime passt zu meinem ADHS. Weil es so schnell ist. Und ich bin auch schnell.

tip Grime ist tief verbunden mit London als Stadt.
Loyle Carner Definitiv! Super, dass es jetzt die Runde macht und man ihn überall in England hören kann. Auch in Manchester und Birmingham. Klar wär das Blasphemie zu sagen, dass Grime und Hip-Hop dasselbe sind, aber am Ende ist der Übergang verschwommen. Ich habe Lust auf Beides. Schraub’ den Beat schneller und ich rappe schneller. Kein Ding.

tip Und wie kommt der Jazz in Ihre Songs?
Loyle Carner Das bringt die Schönheit des Sampelns mit sich. Als ich tiefer in den Hip-Hop eingetaucht bin, habe ich mich auch dafür interessiert, was von wem gesampelt wird. Dadurch bin ich auf Musik gestoßen, die ich sonst wohl niemals kennengelernt hätte.

tip Auf dem Album erklingt sogar ein Gospel-Chor.
Loyle Carner Ein wunderschöner Chor. So schön könnte ich niemals selbst singen. Eigentlich kann ich gar nicht singen.

tip Wie fühlt sich das eigentlich an, die heißeste Platte auf der Welt gemacht zu haben, wie die BBC über Sie sagt?
Loyle Carner (lacht) Ich weiß ja echt nicht, ob meine Platte die heißeste der Welt ist. Aber ich nehme das Kompliment einfach mal an. Als Kind erschienen mir viele Dinge unerreichbar, vor allem: ein richtiger Musiker zu sein. Inzwischen fühlt es sich natürlich an, weil es so langsam passiert ist. Wie, wenn man fett wird. Jeden Tag legt man ein paar Gramm zu, ohne es richtig zu merken. Die Leute um einen herum merken es aber.

tip Auf der EP ging es zuvor auch um den Tod Ihres Vaters. Ist Ihnen gar nichts zu privat?
Ich würde zum Beispiel keine Namen nennen von Leuten, die nicht Mitglied meiner Familie sind. Ich denke, das gehört sich nicht. Wenn es um Mädchen geht, lass ich das lieber bleiben – außer die Namen reimen sich extrem gut. (lacht)

tip „The Isle Of Arran“, so heißt der erste Track des Albums, ist eine Insel vor Schottland, auf der sie öfter mit Ihrem Großvater waren.
Loyle Carner Ja, genau. Der erste Ort, an dem ich die Erfahrung machte, meinen Frust in etwas Produktives verwandeln zu können. Dort hab ich meinen ersten Song aus einer miesen Stimmung heraus geschrieben. Normalerweise schreibe ich nicht, wenn es mir scheiße geht, weil ich mich dann nicht einmal hinsetzen kann.

tip Worauf waren Sie sauer?
Loyle Carner Ach, auf die Welt. Auf den Druck, mit dem sie mich beladen hat: „Wann kommt endlich der nächste Song?“ etc. – ich konnte nicht mehr. Dann war da noch eine Trennung und ich war in viel Blödsinn verstrickt. Und dann kam ich auf diese Insel, fern von der Welt, vernebelt.  Mein Opa war der einzige Mann, den ich, neben einigen Frauen, bewunderte.

tip Sie lieben den amerikanischen Dichter Langston Hughes, eine Ikone der Harlem Renaissance. Wo haben Sie den ausgegraben?
Loyle Carner Versehentlich auf Spotify. Ich hatte in der Schule wohl schon von ihm gehört, aber es fiel mir viel zu schwer, Gedichte zu lesen. Es dauerte extrem lange. Und ich möchte wissen, wie es sich anfühlt, diese Worte laut zu hören.

tip Was mögen Sie so sehr an Hughes?
Loyle Carner Diese Mandarinen sind übrigens echt saftig! Nun, Langston war meines Wissens einer der ersten, die Lyrik über Jazz legten. Brillante Gedichte. Sie zu hören ist noch aufregender als sie zu lesen. Die Stimme kann zucken und zögern. Mein Lieblingsgedicht ist „The Negro Speaks of Rivers“. Die letzte Zeile „My soul has grown deep like the rivers“ ist ganz simpel. Ich glaube, das können nur Genies: etwas Tiefsinniges in einfachen Worten sagen.

tip Hip-Hop-Stars und Lyrik – wie kommt das eigentlich, dass Sie Kate Tempest kennen, mit der Sie inzwischen auf Tour waren?
Loyle Carner Das war auf der Uni. An dem Tag wurde ich rausgeworfen. Ich war auf dem Weg zur U-Bahn und echt angepisst. Plötzlich denke ich: „Fuck, da drüben ist Kate Tempest!“ Normalerweise traue ich mich das nicht, fremde Leute anzuquatschen, aber da sich ein paar Tage vorher abzeichnete, dass wir auf der gleichen Compilation landen würden, hab’ ich mich dazu durchgerungen. Sie fand’s cool und ich bin wortwörtlich eingefroren – für eine kleine Ewigkeit. Eine Woche später ruft mein Produzent an: „Kate und du werdet gemeinsam an einem Song arbeiten.“ Diese roten Bonbons hier machen mich fertig. Ein Doughnut – das wär’s jetzt!

Gretchen Obentrautstr. 19, Kreuzberg, Mi 1.3., 20 Uhr, VVK 22 € zzgl. Gebühren

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