Noise-Soul

Der Mauerzertrümmerer: Alex Vargas

Alex Vargas könnte der Pop-Durchbrenner 2017 werden. Er klingt, als hätte man einem Electronica-Sänger auf Speed auch noch Gitarren umgeschnallt. Die Message ist simpel, aber zielt ins Hippie-Herz: Make Love, Not Walls

Foto: Universal Music

Er hat diesen dänischen Akzent, besonders bei den Sch-Lauten. So niedlich, dass man direkt eine Kugel Häagen-Dazs mit ihm schlecken will. Apropos Todsünden: „7 Sins“ heißt einer von seinen Songs auf dem neuen Album. „Wahrscheinlich habe ich mich aller sieben Sünden schuldig gemacht“, sagt Alex Vargas, 29. „Das Lied zeichnet aber auch ein zynisches Bild von Liebe und wie wir uns alle immer wieder durch die Räder dieser Mühle mahlen lassen.“ Erbaulicher ist da doch sein Song „Higher Love“. Das ist auch dem Fotografen, Regisseur und einstigem Andy-Warhol-Buddy David LaChapelle zu Ohren gekommen, der seinen neuen Werbespot für einen italienischen Jeans-Hersteller mit der High-Hymne auf die Liebe unterlegte. Im Clip fliegt erst mal eine Blume hin und her über den Stacheldraht einer Mauer, die in, sagen wir, Mexiko stehen könnte. Die Flower-Power-Dancer schwingen sich drüber und reißen sie ein. Kaum eine Minute später sehen wir einen quitschbunten Plastikpanzer und schwule Knutscherei. Klar, das Video ist dazu da, den Verkauf von Blue Jeans anzukurbeln, aber es ist auch eine queere Arschkarte gegen den polternden Präsidenten. „Diese starke, wichtige Message liegt mir sehr am Herzen“, sagt Alex Vargas. „Mauern? Oh ja, wir müssen sie zerschlagen, zertrümmern. Und ich bin sicher, dass das auch passiert.“ Mit Liebe? „Exakt! Wie sonst?“ Love, Love, Love.

Als Vargas 12 war, spielte er im Jugendtheater bei „Die Schatzinsel“ mit, nach dem Roman von Robert Louis Stevenson. Die Hauptrolle, klar: der tollkühne Kajütenjunge Jim Hawkins, der weiß, wo der Schatz begraben liegt. „Mein Eintritt ins Show-Business“, lacht Vargas. Mit 14 entdeckte er für sich Stevie Wonder. Mit 17 schmiss er das Gymnasium und zog vom heimischen Dänemark nach London. Aus England kommt auch seine Mutter; der Vater aus Uruguay. „Die Schule hab ich schon hintenangestellt, seit ich 16 war. Das Songwriting nahm überhand.“ Eigentlich wollte er bloß für drei Wochen in London bleiben. Jetzt sind es zwölf Jahre. Erst mal spielte er in der Soul-Pop-Band Vagabond, die 2009 ein Album rausbrachten, das auf Platz 29 der UK-Charts kletterte. Achtungserfolg, doch die Band zerbrach. Der Wonder-Soul aber ist weiter wichtig für Vargas. Noise-Soul nennt er seine Musik inzwischen selbst. „Die Leute wollen alles in Genres packen. Andererseits experimentieren doch heute viele gerade mit dem Einreißen von Barrieren und Grenzüberschreitung. Da wirken Genres-Regeln ein bisschen aus der Zeit gefallen.“ Mauern zertrümmern. Noise-Soul trifft aber den Kern: das elektrische und das organische Moment bei Vargas. Konsensfähig, aber kratzbürstig, mitunter.

Klangliches Markenzeichen von Alex Vargas sind neben seiner Powerstimme (mit Falsettfunktion), dass Synthesizer und Gitarren auf Augenhöhe miteinander schweben. Man kennt das ja bei zahllosen anderen Bands, dass sie, je nach Album, mal mehr auf Synthies, mal mehr auf die Saiten setzen. Nicht so bei Vargas, der auch hier wieder durch Mauerlöcher klettert. Beide Instrumentsphären verschmelzen geradezu. Folgerichtig werden im Album-Booklet auch keine (definitiv vorhandenen) Instrumente und deren Spieler gelistet, sondern nur wer die Songs jeweils produziert hat. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Was Alex Vargas macht, ist keine Avantgarde. Die Tracks lassen sich problemlos wie Trojerpferde ins Konsensradio schmuggeln. Ihm ist allerdings das seltene Kunststück gelungen, packenden, tanzbaren Chart-Pop für den gehobenen Mainstream einzuspielen. Kein leichtes Unterfangen. Depeche Mode haben mit „Spirit“ gerade gezeigt, wie man’s genau nicht macht, sondern spirituell vom Drahtseil stürzt.

Die rhythmische Musik von Alex Vargas (ein paar Pathos-Balladen gibt’s natürlich auch) drängt einen körperlich dazu, zu tanzen. Man sollte meinen, dass Vargas ein maniac on the dancefloor ist, aber: weit gefehlt. Auf einem Track gibt Vargas gar die Anti-Whitney-Houston: „I don’t wanna dance with nobody.“ Er gehe so gut wie nie in Clubs, sagt er. „Da bin ich zu befangen. Ich mag Menschen um mich. Aber nicht, dass Drogen so wichtig werden.“ Da werde er klaustrophobisch. Innere Mauern. Wo wir schon beim Eingeschlossensein sind: „Inclosure“ handelt von der Angst, das Liebes-Gegenüber könnte eine wandelnde Zeitbombe sein. Eines der Leitmotive in den Lyrics ist der menschliche Geist und dessen atomare Unteilbarkeit: mind. Zu behaupten, Vargas betreibe hier philosophy of  mind rund ums Leib-Seele-Problem wäre wohl zu viel des Guten. Aber in jedem Fall sind die Songs ein Kontrapunkt zu den körperforcierenden Lyrics vieler Kollegen. „Renegade“ gemahnt an zwei Abtrünnige, die, vielleicht wie das Protagonisten-Paar im ­Roman „1984“ dem System den Rücken kehren. Diffizile Lyrik sollte man von Alex Vargas aber nicht erwarten. Die Texte gehen geradeaus. Straightforward. Aber am Ende gar nicht so straight: Auf plumple Personalpronomen wie „she“ oder „he“ verzichtet Vargas. Dabei hat er eine Freundin.

Gretchen Obentrautstr. 19, Kreuzberg, Sa 8.4., 20 Uhr, Eintritt 24 €

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