Klassik

Der Patex-Fighter: Bariton Christian Gerhaher

Der Bariton Christian Gerhaher hat den Liedgesang noch einmal revolutioniert

Christian Gerhaher
Foto: Felix Broede

Dass er der beste Lied-Bariton der Gegenwart sei, kann Christian Gerhaher schon nicht mehr hören. „Ich habe eine Hochphase, das stimmt“, räumt er unwillig ein. Das bedeute nur, dass es demnächst wieder bergab gehen werde mit der Wertschätzung. Stattdessen sagt der bayerische Bariton von sich: „Ich sehe mich als einen typischen Stimmbesitzer. Aber ein richtiger Musiker bin ich nicht.“

Geht’s nicht auch ein bisschen unbescheidener? Es ließe sich kein Lieder- oder Oratoriensänger seiner Generation nennen, dessen Stimme so ausgeglichen, dessen Interpretationen so händeringend, geradezu auf den Knien seines Herzens dargeboten würden. Gerhaher, ob man das nun mag oder nicht, intensiviert und emphatisiert, bis einem die Ohren klingen. Sein Bemühen um Natürlichkeit, sobald er Schubert, Schumann oder Brahms singt, ist so hartnäckig, dass es zeitweise in Künstlichkeit umzuschlagen drohte. Es gibt kaum einen Sänger, der eine so eingeschworene Fangemeinde sein eigen nennt. Und er ist trotzdem auf verlorenem Posten. Ein Liederabend vor einigen Wochen beim Hochgebirgs-Edelfestival von Verbier war bloß zur Hälfte ausverkauft – trotz der nur kleinen Kirche, wo er stattfand. Vielleicht in Berlin, London oder Hohenems, aber längst nicht mehr überall auf der Welt kommt dem Lied große Attraktivität zu. Die Zeiten, wo Fischer-Dieskau im größten Haus am Platze (so in der Deutschen Oper) Liederabende wagte, liegen lang zurück.

Die seltsame Inständigkeit und Intensität Gerhahers mögen eine tragischen Grund haben. Gerhaher leidet am Morbus Crohn, einer schweren Autoimmun-Erkrankung. Eine „Winterreise“ im Kammermusiksaal musste der Sänger vor einiger Zeit auf halber Strecke abbrechen, weil er, wie er später erzählte, mit einer Kolik kämpfte. Nach einer halbstündigen Infusion backstage konnte der Abend fortgesetzt werden.
Nach anfänglich absolviertem Medizinstudium hat Gerhaher längst auch die Opernbühne erobert. „Eine gute Sache am Erfolg ist, dass einem Sachen zugetraut werden, die einen eigentlich überfordern“, sagt er lakonisch. In Marek Janowskis konzertantem Wagner-Zyklus in Berlin sang er den Wolfram, in Zürich Wozzeck und in den Bach-Passionen, inszeniert von Peter Sellars, die Bariton-Hauptrollen. Bei der „Matthäus-Passion“ musste er lange vor seinem Einsatz, für alle sichtbar, mitten im Publikum sitzen – und von dort aus singen. „Eine schreckliche Situation“, so Gerhaher. „Man darf sich nicht rühren. Die Angst steigt.“

Sein Erfolg liegt auch darin begründet, dass Gerhaher einer der raren Fischer-Dieskau-Nachfolger ist, die nicht nach Fischer-Dieskau klingen. Dessen Grundprinzip bestand darin, durch Bindung der Konsonanten eine Legato-Kultur zu verstärken, die im Lied-Bereich neu war. Gerhaher dagegen sagt von sich: „Ich bin gegen ein Patex-Legato. Entscheidend bleibt die Text-Verständlichkeit.“ Sein Geheimnis liegt in der möglichst großen, farblichen Differenzierung der Vokale. Italienische Schule, keine deutsche.

In Mahlers „Lied von der Erde“ singt Gerhaher jetzt die großen Passagen, darunter den fast halbstündigen „Abschied“. Es dirigiert Mahler-Altmeister Bernard Haitink. Nicht verpassen!

Philharmonie Do 6.10., 20 Uhr, Fr. 7.10., 20 Uhr, Sa 8.10., 19 Uhr, Eintritt 71–141 €

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