Konzerte & Party

Der Record Store Day in Berlin

Record Store Day

Natürlich geht es hier zuvorderst um das schwarze, runde Stück Plastik mit dem Loch in der Mitte, das bei der Einführung der CD einst totgesagt wurde. Die Vinylschallplatte hat seit dem Ende der 1980er-Jahre einen Umsatzrückgang auf Promillegröße hinnehmen müssen und scheint nun doch im Zeitalter der Digitalisierung seinen größten Widersacher, die CD, zu überleben. Hochgehalten wird dieses Musikmedium von den Fans, die nach wie vor kleinen und großen Scheiben hinterherjagen, von vielen Musikern, die alt genug sind, die Tonqualität einer analogen Aufnahme und Wiedergabe zu schätzen und die sich nicht zuletzt auch freuen, dass für sie auch mit zunehmendem Alter die Schrift auf einer Plattenhülle lesbarer ist als auf den CD-Miniaturen.
Record Store DayAber wer eigentlich fühlt sich heute noch dafür zuständig, Schallplatten herauszubringen, deren Herstellung teurer, deren Lagerung und Vertrieb aufwändiger sind als ein digitaler Download? Zum Beispiel Roland Schulz. Sein Plattenlabel Squoodge Records gründete der 31-jährige Berliner vor sieben Jahren. Damals noch als Fan, als Plattensammler, der schließlich der Verlockung erlag, selber seine Objekte der Begierde zu schaffen, zudem nach Qualitätsstandards, wie sie immer mehr verloren zu gehen drohen. Die erste Platte, die auf seinem Label erschien, stammt von Bloodshot Bill, einem abgedrehten Rockabilly-Freak. Schulz sah ihn beim Konzert, fasste sich ein Herz und sprach den Kanadier anschließend an, ob er eine Platte von ihm herausbringen könne. Und weil sich Gleichgesinnte schnell erkennen, hatte er den Zuschlag und bald ein Tonband mit Songs in der Post. Seither sind rund 120 Singles erschienen; mal in 100er-Auflage, mal 500-fach; manche in Bunt und einige sogar in obskuren Sonderformaten. Da verwirklicht sich vor allem ein Fan und kein Geschäftsmann, denn jede Platte scheint eine Herzensangelegenheit zu sein. Eine orthodoxe Ausrichtung, mit der sich Labels oft profilieren wollen, sucht man hier vergebens. Neben Rockabilly und Garagenrock aus aller Welt findet man genauso auch Elektronika oder Platten von der Tödlichen Doris.
„Ich bringe Platten von Künstlern heraus, die mir gefallen, wenn ich sie bei einem Konzert erlebe, oder welche, die ich bewundere, weil ich schon zahlreiche Platten von ihnen gesammelt habe“, beschreibt Roland Schulz sein Vorgehen. So wie Wild Billy Childish, auch so ein Verrückter, der in seiner Karriere bereits selbst hunderte Platten eingespielt hat und nun zwei Songs für Squoodge Records bereitstellte. Manchmal kommt das Artwork direkt von den Künstlern, meist aber kümmert sich Schulz auch darum. Am Ende sind die Musiker zufrieden, und, so Schulz, „immer ist eine feste Freundschaft daraus geworden“. Und mehr noch: Während er sein Label die ersten Jahre lediglich als Hobby betrieb und stets draufzahlte, hat sich Squoodge Records in diesem Jahr erstmals zu einem Plusminusnull-Geschäft entwickelt. „Langsam kann ich die Früchte ernten, die ich gesät habe“, freut er sich. Seine Kunden finden sich dabei in aller Welt. Per Mailorder über die eigene Website vertreibt Schulz die Platten nach Chile, Mexiko oder Japan, gerade ein Viertel bleibt in Deutschland. Und selbst die Scheiben, die hier in Berlin verkauft werden, gibt Roland Schulz erst ganz spät aus der Hand. Auf einen Vertrieb nämlich verzichtet er ganz. Wenn eine neue Lieferung Platten in Berlin-Mitte eintrifft, macht er sich selbst auf dem Weg und klappert die einschlägigen Plattenläden wie Vopo Records ab, um seine neuesten Schätze zu verteilen. Angst vor der Konkurrenz der legalen und illegalen Downloads muss der Selfmade-Labelboss auf diesem Wege wirklich nicht haben. Bei ihm ist schließlich jeden Tag Record Store Day.

Text: Hagen Liebing

Fotos: Harry Schnitger / tip

Record Store Day, Mr Dead & Mrs Free, Sa 21.4., 14 Uhr: Instore Gig Gemma Ray

www.recordstoreday.de

www.squoodge.de

Mehr über Cookies erfahren